Er würde es trotz Kritik wieder tun: Weshalb der Ausserrhoder SVP-Nationalrat David Zuberbühler das Video eines Corona-Verharmlosers geteilt hat

Der Ausserrhoder SVP-Nationalrat David Zuberbühler hat ein Video des deutschen Lungenarzts und Corona-Verharmlosers Wolfgang Wodarg geteilt. Er würde es wieder tun. Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer sieht Zuberbühler als Meinungsführer in der Verantwortung. 

Katharina Brenner
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Der deutsche Lungenarzt Wolfgang Wodarg verbreitet via Video Falschinformationen zum Corona-Virus.

Der deutsche Lungenarzt Wolfgang Wodarg verbreitet via Video Falschinformationen zum Corona-Virus.

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Die Diskussion in der Kommentarspalte hält an. Auch eine Woche nachdem der Ausserrhoder SVP-Nationalrat David Zuberbühler ein umstrittenes Video auf Facebook geteilt hat. Darin behauptet Wolfgang Wodarg, das Corona-Virus sei weder neu noch besonders gefährlich. Zuberbühler hat dazu geschrieben: «Interessantes zur Corona-Krise von Lungenfacharzt Dr. Wolfgang Wodarg (ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages und ehemaliger Leiter des Gesundheitsamtes Flensburg). Weshalb erhält dieser Facharzt von den Medien keine Aufmerksamkeit?» In der Zwischenzeit hat er mediale Aufmerksamkeit erhalten – in Form etlicher Faktenchecks vom «Spiegel» bis zur NZZ. Einige Aussagen, die er zum Corona-Virus trifft, sind schlichtweg falsch.

Warum hat Zuberbühler das Video geteilt?

«Ich habe den einfachen Wunsch, dass möglichst viele verschiedene Seiten zu diesem Thema angehört werden.»
David Zuberbühler, SVP-Nationalrat Appenzell Ausserrhoden

David Zuberbühler, SVP-Nationalrat Appenzell Ausserrhoden

Bild: Gaetan Bally/Keystone 

Und Wolfgang Wodarg, Lungenarzt und Seuchenexperte, ehemaliger Abgeordneter im Deutschen Bundestag sowie Mitglied des Europarats, sei nicht irgendjemand. Sieht sich Zuberbühler als Nationalrat in der Verantwortung, korrekte Fakten zu verbreiten und von Desinformation abzusehen? «Da ich kein Experte bei diesem Thema bin, finde ich es umso wichtiger, dass verschiedene Meinungen, wie beispielsweise auch jene eines Professors Vernazza des Kantonsspitals St. Gallen, gehört werden», so Zuberbühler.

Wodarg vermischt seine Aussagen mit Verschwörungstheorien

Pietro Vernazza, Ostschweizer Infektiologe

Pietro Vernazza, Ostschweizer Infektiologe 

Ralph Ribi

Der renommierte Ostschweizer Infektiologe Pietro Vernazza hatte in dieser Zeitung gefordert, den Entscheid, Schulen zu schliessen, zu überprüfen. «Wenn wir die Schulen schliessen, verhindern wir, dass die Kinder schnell immun werden.» Er bleibt aber vorsichtig und sagt: «Nicht dass ich schon weiss, was der richtige Weg ist, aber mindestens sollten wir die wissenschaftlichen Fakten besser in die politischen Entscheidungen einbinden.» Wolfgang Wodarg verzichtet teils auf wissenschaftliche Fakten und vermischt seine Aussagen mit Verschwörungstheorien.

Für das Video erhielt Zuberbühler in seiner Kommentarspalte Lob, aber auch Kritik, etwa vom ehemaligen «Bund»-Chefredaktor Hanspeter Spörri: «Ich wäre froh, Du würdest den Verharmlosern entgegentreten und nicht nur interessante, aber dubiose Internetquellen teilen. Wodarg ist zwar Arzt, seine Videos sind aber unwissenschaftlich.» Der Aargauer SVP-Politiker Naveen Hofstetter kommentiert: «Bin sehr enttäuscht von Nationalrat David Zuberbühler!»

Erst das Krisenmanagement, dann die Manöverkritik

Anick Reto Vogler, Präsident der Ausserrhoder SVP, sagt: «Unsere Mitglieder dürfen eine eigene Meinung haben und diese auch kundtun, solange sie das in ihrem Namen machen.» In welcher Verantwortung sieht er Politiker in Zeiten der Corona-Krise?

«Jetzt ist die Zeit von Krisenmanagement angesagt, die Zeit der Manöverkritik wird noch kommen.»

Er erwarte, dass die Massnahmen des Bundes umgesetzt werden und man in der Bevölkerung nicht noch mehr Ängste schüre, indem man den Bundesrat öffentlich kritisiere. «Jetzt ist Zurückhaltung gefordert!»

Yves Noël Balmer, Gesundheitsdirektor Ausserrhoden

Yves Noël Balmer, Gesundheitsdirektor Ausserrhoden

Bild: Benjamin Manser

Der Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer hat eine klare Haltung zu Meinungsführern: «Wenn David Zuberbühler seine persönliche Meinung verbreitet, ist das seine Sache. Als Meinungsführer sollte er sich allerdings darüber im Klaren sein, was er verbreitet und damit anrichtet.» Für Balmer ist klar: Fakten im Video von Wolfgang Wodarg sind falsch. Krisen wie die aktuelle würden Verschwörungstheoretikern einen Nährboden geben. «Ich hätte als Gesundheitsdirektor vom Gesamtregierungsrat nicht die Kompetenz erhalten, die Spitalversorgung in dieser Krise gemeinsam mit allen Spitälern im Kanton zu koordinieren, wenn die Lage nicht wirklich ernst wäre.»

Zuberbühler lobt unbürokratische Hilfe des Bundesrates

Würde Zuberbühler das Video wieder so teilen? «Natürlich, warum nicht? Als Politiker fühle ich mich verpflichtet, die Bürgerinnen und Bürger zum Denken anzuregen, auch wenn ich dafür dumme Kommentare einstecken muss. Was richtig und was falsch ist, wird die Zeit zeigen.»

Man werde wohl erst im Nachhinein rekonstruieren können, ob der Bundesrat mit seinen Massnahmen richtig lag, so Zuberbühler. Ihn würden unter anderem die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Massnahmen umtreiben.

«Viele KMU haben bereits jetzt Liquiditätsengpässe und kämpfen ums Überleben.»

Dass der Bundesrat nun unbürokratisch und schnell helfe, sei richtig. Selbstverständlich spüre auch er bei «Zubischuhe.ch» einen Einbruch. Das Hauptgeschäft in Herisau sowie die Filialen in Kreuzlingen und Aadorf bleiben auf Anordnung des Bundesrates vorerst zu. Sie hätten Kurzarbeit beantragt, seien aber in der glücklichen Lage, Kunden via Onlineshop bedienen zu können.


Experte fürs Herunterspielen und Verleugnen: Wolfgang Wodargs Behauptungen im Faktencheck

Der deutsche Virologe Wolfgang Wodarg gehört zu einer Reihe von sogenannten Experten, welche die Corona-Epidemie verharmlosen. Wir nehmen seine Aussagen unter die Lupe. 

Derzeit kursieren Verschwörungstheorien im Netz, die das Corona-Virus wahlweise in Zusammenhang bringen mit der «heimlichen» Installation des 5G-Netzes, mit einer neuen Flüchtlingswelle, die auf Europa zurollt oder mit einer Nato-Militärübung in Bremerhaven. Und dann gibt es Experten wie Wolfgang Wodarg. Ärzte, die gefährliche Falschinformationen streuen.

Es ärgere ihn, «dass so viele Menschen unter Panikmache leiden müssen, dass unnötig Menschen in Quarantäne gebracht werden, Veranstaltungen abgesagt werden, ohne dass es medizinisch begründbar und haltbar wäre». Mit diesen Worten beginnt eines der Videos von Wolfgang Wodarg. Der deutsche Virologe, Lungenarzt und ehemalige Amtsarzt in Schleswig-Holstein sitzt dabei leicht zerzaust vor dem Bildschirm und analysiert, was die «angebliche Epidemie» mit uns so anstellt. Mehr als eine Million Mal wurden die Beiträge des 73-Jährigen angeklickt oder über soziale Medien verbreitet.

Wodarg glaubt nicht an die Pandemie. Seine Aussagen vermischt er mit Verschwörungstheorien. So behauptet er, die WHO sei von der Gates-Stiftung finanziell abhängig, und Wissenschaftler hofierten die Politiker, weil sie Gelder brauchten für ihre Institute und sich wichtig machen wollten. Wodargs Behauptungen stimmen teils, die Kernaussagen sind aber falsch, wie Faktenchecks von SRF, NZZ, «Spiegel» oder «Die Welt» ergaben. Auch das ZDF löschte das Video mit dem Virologen nachträglich aus einer Sendung. Eine Analyse seiner Behauptungen:

Corona-Viren gibt es schon lange, sie sind einfach vergessen gegangen

Tatsächlich gibt es vier verschiedene Corona-Viren, die als Erkältungserreger schon lange bekannt sind. Das sind jedoch andere Viren als das neue Corona-Virus. Die genetische Erforschung des Erbguts von Sars-CoV-2 sowie die Tatsache, dass die Menschen keine Antikörper dagegen im Blut haben, beweist, dass es erst vor kurzem aus dem Tierreich auf den Menschen übergesprungen ist. Es wurde Ende 2019 in China entdeckt, weil es in einem Krankenhaus eine ungewöhnliche Häufung von Lungenerkrankungen gab.

Eine Influenza ist noch immer gefährlicher als das Corona-Virus

Diese Aussage macht ein Mediziner in einem von Wodargs Videos. Sie ist falsch. Die Sterblichkeitsrate liegt beim Corona-Virus derzeit bei rund einem Prozent, sie ist also zehnmal höher als bei der Grippe (0,1 Prozent). Zwar entwickeln rund 80 Prozent der Infizierten nur eine leichte Atemwegserkrankung ähnlich einer Erkältung. Doch das Virus verursacht deutlich mehr schwere Erkrankungen, die eine intensivmedizinische Betreuung mit Beatmung nötig machen, als andere Corona- oder Grippeviren. Hinzu kommt, dass niemand dagegen immun ist. Der grosse Unterschied zur Grippe ist denn auch das exponentielle Wachstum der Infektionen. Ohne Massnahmen wie Kontaktverboten und Ausgangssperren kämen viele Gesundheitssysteme an den Anschlag, wie zurzeit in Italien drastisch vor Augen geführt wird.

Der Test kann das Virus möglicherweise gar nicht verlässlich erkennen

Ein Test auf das neuartige Corona-Virus wurde im Januar von einem Team um den Virologen Christian Drosten in Deutschland entwickelt, in Spitälern und Labors in Rotterdam, Hongkong und London validiert und auch in anderen Ländern angewandt. Der Test fällt zwar auch bei anderen Fledermaus-Corona-Viren positiv aus, diese kommen aber nicht im Menschen vor. Drosten stellte klar, er verdiene mit den Tests «keinen Cent», im Gegenteil.

Das Virus wäre uns ohne die Tests nicht aufgefallen

Wodarg suggeriert, die Corona-Krise sei nur ein «Hype». Berichte aus Norditalien zeigen: Die Menschen in den Spitälern von Bergamo oder Brescia sterben nicht an Panik, sondern an Covid-19. «Wir werden sicherlich nicht in einem Jahr sagen, dass alles nur ein Hype war», sagte Virologe Volker Thiel von der Universität Bern gegenüber «10vor10». (jan)

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