Interview

Er hütet ein Weltkulturerbe – Stiftsbibliothekar Cornel Dora im Gespräch

Ob Forschung oder selfiehungrige Touristen – Cornel Dora kümmert sich um alles, was mit der Stiftsbibliothek zusammenhängt. Der St.Galler Stiftsbibliothekar über wertvolle Handschriften und die beruhigende Wirkung von Mosaiksteinchen.

Christoph Sulser
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Cornel Dora im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek, vor dem kostbaren, mit Elfenbein und Gold verziertem  «Evangelium longum».

Cornel Dora im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek, vor dem kostbaren, mit Elfenbein und Gold verziertem «Evangelium longum».

(Bild: Ralph Ribi)

Sie waren damals als Schüler das erste Mal in der Stiftsbibliothek. Ihre Erinnerungen daran?

Als ich den Saal zum ersten Mal sah, meinte ich, in einer anderen Welt zu sein. Die Schönheit dieses Raumes hat sich fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Die andere Erinnerung ist, dass uns Handschriften gezeigt wurden. Man sagte uns, wie wichtig diese seien. Ich fand das zwar auch interessant, aber als Bub habe ich das nicht richtig begriffen.

Seit 2013 sind Sie selbst Stiftsbibliothekar. Was sind Ihre Aufgaben?

Eine unserer Aufgaben ist es heute, den Besuchern nicht nur zu sagen, dass wir wichtige Dokumente hier haben, sondern auch weshalb dies so ist. Als Stiftsbibliothekar kümmere ich mich ausserdem um die Bibliothek und um alles, was damit zusammenhängt. Dabei ist mir neben der Führung des Betriebs auch der spirituelle Bezug der Sammlung wichtig. Letzteres empfinde ich sogar als Triebfeder, da dies unserer Aufgabe einen tiefen Sinn gibt.

Sie bewahren jahrhundertealte Dokumente von unschätz­barem Wert. Haben Sie manchmal schlaflose Nächte, wenn es um deren Erhaltung geht?

Ich schlafe sehr gut in dieser Hinsicht, da gibt es keine Probleme. In der Fachwelt gibt es zwar Diskussionen, was es alles braucht, damit alte Handschriften optimal erhalten bleiben, zum Beispiel mit maschineller Klimatisierung. Aber gerade wir in der Stiftsbibliothek St.Gallen dürfen darauf aufmerksam machen, dass dabei teilweise übertrieben wird. Um unsere Dokumente zu bewahren, verzichten wir weitgehend auf technische Hilfsmittel, denn unsere historischen Räume sind sehr gut gebaut und reichen für die Erhaltung der Dokumente absolut aus.

Stiftsbibliothekar Cornel Dora in seinem Büro.

Stiftsbibliothekar Cornel Dora in seinem Büro.

(Bild: Ralph Ribi)

Viele der Dokumente wurden digitalisiert und können online angeschaut werden. Gibt es Nutzerzahlen?

Wir haben circa 70000 Zugriffe pro Jahr. Wenn man diese Zahl mit den paar Hundert Benutzern vergleicht, die wir früher hatten, dann sieht man, wie die Handschriftenforschung dank der Digitalisierung einen Boom erlebt. Auf der anderen Seite möchten wir den Leuten die Möglichkeit geben, dass sie bei uns eine alte Schrift auch im Original anschauen können. Wie fühlt sie sich an, wie riecht sie, wie ist sie gemacht?

Gibt es durch diesen Boom neue Forschungsergebnisse?

Das ist sicher so – konkret etwa bei der Lokalisierung unseres Irischen Evangeliars, das nach neuster Forschung vermutlich im Kloster Lorrha in Mittelirland entstanden ist. Generell schrumpfen allerdings die Geisteswissenschaften bedauerlicherweise. Etwas, von dem ich mir in den nächsten zehn bis 20 Jahren ebenfalls einiges verspreche, ist die Untersuchung der Handschriften mit forensischen Methoden.

Das irische Evangeliar von St. Gallen.

Das irische Evangeliar von St. Gallen.

(Foto: Ralph Ribi)

Können Sie das erläutern?

Handschriften wurden auf Pergament, also Tierhaut, geschrieben. Mit der Forensik könnte man zum Beispiel feststellen, wo das Schaf, von dem das Pergament ursprünglich stammt, einst gegrast hat. Das Wissen über die Herkunft und den Entstehungsort der Schriften dürfte wiederum zu neuen Erkenntnissen führen.

Touristen aus aller Welt kommen in die Stiftsbibliothek. Was sind die Herausforderungen in diesem Bereich?

Zunächst darf man die Touristinnen und Touristen nicht alle über einen Kamm scheren. Wenn man beispielsweise von den Besuchern aus Asien redet, geht es auch immer um verschiedene Kulturen. Japaner wollen nicht wie Chinesen behandelt werden, und die Chinesen nicht wie die Koreaner. Der Stiftsbezirk ist wiederum etwas zutiefst Europäisches und Religiöses. Die Herausforderung ist es nun, den Besuchern aus der ganzen Welt zu vermitteln, was unser Kulturerbe für die Menschheit bedeutet – und zwar so, dass es alle verstehen können.

Manche Besucher stört es, dass in der Stiftsbibliothek Fotografieren nicht erlaubt ist.

Fotografieren ist nicht erlaubt, weil es ansonsten im Saal zu nervös wird und vom Wesentlichen ablenkt. Wir haben das aber gut gelöst, indem wir einen Selfie-Point beim Eingang eingerichtet haben. Dort kann man sich vor einem Bild der Bibliothek selbst fotografieren. Das sieht wie echt aus und ist bei den Besuchern sehr beliebt.

Blick in den berühmten Barocksaal der Stiftsbibliothek.

Blick in den berühmten Barocksaal der Stiftsbibliothek.

(Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Welches Buch lesen Sie zurzeit?

Über die Weihnachtstage habe ich Thomas Bauers Essay über «Die Vereindeutigung der Welt» gelesen. Dabei geht es um das schwindende Vermögen, die Welt als etwas Vieldeutiges aufzufassen und Widersprüche, die wir nicht verstehen, zu akzeptieren. Und jetzt lese ich über den Kirchenlehrer Augustinus und sein Verhältnis zum Platonismus. Da gehen einem die Augen auf. Allzu viel Zeit zum Lesen habe ich allerdings zu Hause nicht, denn ich habe einen bald fünfjährigen Sohn. Die Zeit verbringe ich lieber mit ihm, etwa beim wöchentlichen Papitag. Und dann arbeite ich noch an einem Mosaik.

Erzählen Sie...

Meine Frau und ich haben ein Haus gekauft und umgebaut. Im Parterre gestalte ich ein zwölf Quadratmeter grosses Mosaik mit Marmorsteinchen. Handwerklich mache ich alles selbst. Etwa einen Drittel habe ich bereits fertiggestellt. Die Arbeit daran ist sehr befriedigend und ich kann sie jedem Manager nur empfehlen. Es hat etwas sehr Beruhigendes: Steinchen um Steinchen entsteht langsam ein schönes Bild.

Früher spielten Sie Bass in einer Rockband. Sind Sie noch aktiv?

Ja, aber wir spielen nur noch für uns selbst, obwohl wir sehr gut sind (lacht). Livemusik ist heute ja nicht mehr so gefragt. Doch treffen wir uns immer noch im selben Probelokal, um uns hin und wieder auszutoben.

Zur Person

Cornel Dora, 1963 geboren, studierte Anglistik und Geschichte. Der St. Galler ist ausserdem wissenschaftlicher Bibliothekar und im Management ausgebildet. Von 1993 bis 2001 war er in der Stiftsbibliothek tätig, ab 1996 als stellvertretender Leiter. Ab 2001 leitete er die Kantonsbibliothek Vadiana. Seit 2013 ist er Stiftsbibliothekar.

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