Nachruf: Ruedi Müller-Wenk fasste die Umwelt in Zahlen

Der HSG-Dozent gilt als Pionier der Ökobilanz. Er ist im 85. Lebensjahr verstorben.

Thomas Dyllick und Arthur Braunschweig
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Ruedi Müller-­Wenk (1934–2019) verband ökonomisches und ökologisches Denken.

Ruedi Müller-­Wenk (1934–2019) verband ökonomisches und ökologisches Denken.

Bild: PD

Wenn heute die EU vorschlägt, die Nachhaltigkeit von Investitionen anhand eines Bewertungsrasters zu beurteilen, verbergen sich dahinter wissenschaftliche Grundlagen. Zur Entwicklung dieser Grundlagen hat HSG-Titularprofessor Ruedi Müller-Wenk einen beträchtlichen Anteil geleistet. Er gilt als Pionier der Ökobilanzierung.

Ruedi Müller-Wenk war ein ruhiger, genauer, interessierter, pragmatischer und sehr eigenständiger Mensch. Er war ein Grenzgänger zwischen Spüren und Zählen. Ihm war klar, dass man die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht zählen kann, dass Zahlen zur Führung von grösseren Organisationen aber unverzichtbar sind. Da er schon vor 40 Jahren realisierte, dass Umweltanliegen in unternehmerischen Entscheidungsprozessen mangels Quantifizierbarkeit immer den Kürzeren ziehen, entschloss er sich, selbst ein System zur Umweltquantifizierung zu entwickeln.

Müller-Wenk arbeitete hauptberuflich als technischer Direktor beim Rorschacher Lebensmittelverarbeiter Frisco. Am Beispiel dieser Unternehmung entwarf er das Konzept der ökologischen Buchhaltung. Mit einer Publikation dazu wurde er 1978 zu einem der Väter der Ökobilanzierung. Aussergewöhnlich an seinem Ansatz war, dass Müller-Wenk von Beginn an ein einheitliches Bewertungssystem als notwendig erachtete. Ein System, das die Vielfalt der Umwelteinwirkungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen vermochte – analog zu Geld im ökonomischen Bereich.

Dieses Konzept wurde später weiterentwickelt mittels Umweltbelastungspunkten, die heute vom Bundesamt für Umwelt publiziert und regelmässig aufdatiert werden. In der Schweiz wurde Müller-Wenks Ansatz rasch von Migros, Coop und anderen Unternehmen für die ökologische Optimierung übernommen. International blieb seine Methode jedoch für fast 30 Jahre verpönt, bis vor kurzem die EU eine eigene Punktebewertung zu entwickeln begann.

Ruedi Müller-Wenk dachte oft entlang untypischer Linien. In Gesprächen konnte er Kleinigkeiten und grosse Themen auf unerwartete Weise verbinden und daraus interessante Schlüsse ziehen. Er war hartnäckig im Denken und erst zufrieden, wenn er eine schlüssige Lösung gefunden hatte. Es ging ihm von Anfang an um eine effektive Verknüpfung von ökonomischem und ökologischem Denken. Dies lebte er, indem er eine Führungsfunktion in der Industrie mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit verband.

Wer sich auf Ruedi Müller-Wenk einliess, wurde nicht nur fachlich belehrt, sondern auch tiefgründig bereichert. Am 13.November ist Ruedi Müller-Wenk 85-jährig gestorben. Er und seine bereits früher verstorbene Frau Esther hinterlassen vier Kinder.

Zu den Autoren: Thomas Dyllick ist Delegierter für Nachhaltigkeitsmanagement an der Universität St.Gallen, Arthur Braunschweig Präsident des Verbandes für nachhaltiges Wirtschaften