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«Der Markt sucht Leute, aber es gibt keine Ausbildung» – dieser St.Galler entwickelt eine neue Lehre

Eigentlich schreibt er lieber Codes im Hintergrund. Dennoch setzt sich Frontend-Entwickler Jürgen Wössner für eine neue Berufslehre ein.
Noemi Heule
Jürgen Wössner ist Autodidakt und Quereinsteiger. Der Nachwuchs soll es künftig einfacher haben. (Bild: Urs Bucher)

Jürgen Wössner ist Autodidakt und Quereinsteiger. Der Nachwuchs soll es künftig einfacher haben. (Bild: Urs Bucher)

Frontend-Entwickler sind gefragt. Tippt man den Begriff bei Google ein, erscheinen gleich mehrere hundert Stelleninserate von St.Gallen bis Genf. Gefolgt von der Frage: Was tut eigentlich ein Frontend-Entwickler? Jürgen Wössner hat sie schon oft beantwortet. Er ist Frontend-Entwickler, selbst ernannt, wie er sagt. Denn eigentlich kann sich jeder mit dieser Bezeichnung schmücken, geschützt ist sie nicht. Wössner will das ändern und setzt sich an vorderster Front für eine neue Berufslehre ein. Nicht, damit sich künftiger weniger mit dem Titel brüsten können, sondern im Gegenteil, damit es endlich genügend Fachleute gibt.

Seine Arbeitstage verbringt der St.Galler hinter dem Bildschirm in seinem Büro hinter den Gleisen des Güterbahnhofs. In einem provisorischen Holzmodul des neu entstandenen Lattich-Quartiers tut er – grauschwarze Künstlerbrille, grauschwarzer Bart, schwarzer Pullover – was ein Front­end-Entwickler tut. Keine Website ohne Frontend-Entwickler, so könnte man die Google-Frage in aller Kürze beantworten. Aus Text, Code-Zeilen und Bildern gestaltet er einen Internetauftritt. «Es ist wie zaubern», sagt Wössner. Er schreibe einen Code, eine Zeichenreihe, und es entstehe etwas Visuelles. Farben, Dimensionen und Schrift, all das zaubert er von seinem Arbeitsplatz aus auf die Bildschirme in den Weiten des Internets.

Ein Computer für sechs Lehrlingslöhne

Im Gegensatz zum Backend-Entwickler, der Programme schreibt, welche im Hintergrund Inhalte generieren oder verarbeiten, ist der Frontend-Entwickler für alles zuständig, was sicht- und bedienbar ist. Im Gegensatz zum Designer entwirft er nicht, sondern entwickelt. «Er muss das Design nicht nur umsetzen, sondern hinterfragen können», sagt er. Zwischen Design und Software tue sich heute eine Kluft auf. Der neue Beruf, eine Mischung aus beidem, soll den Graben schliessen. Wössner zieht einen Vergleich aus der Möbelbranche heran. «Ein Tischdesigner muss auch wissen, wie man einen Tisch baut.»

Wer sich heute Frontend-Entwickler nennt, ist Quereinsteiger und Autodidakt. Mediamatiker, Applikationsentwickler oder Grafiker, die sich das Handwerk selbst beigebracht haben. So wie Wössner: 1993 kaufte er sich während der Ausbildung zum Typografen seinen ersten Computer aus zweiter Hand – für sechs Lehrlingslöhne. 2000, vier Jahre nach Lehrabschluss, baute er seine erste Website. Seinen typografischen Wurzeln blieb er aber immer treu. «Mein Schwerpunkt liegt auf Text, Text, Text, Text, Symbolen und Infografiken. Ich liebe Schriften, Bücher, Fahrpläne, Stundenpläne, Lagepläne», schreibt er auf seiner Webseite. Nebst Internetauftritten gestaltet der Mitbegründer des Magazins «Saiten» alles Lesbare, vom Plakat übers Programmheft bis hin zur Website.

Plötzlich schlägt er sich mit Bürokratie statt Magie herum

Zur Jahrtausendwende begann Wössner an der St.Galler Schule für Gestaltung zu unterrichten. Zuerst Desktop-Publishing, später Frontend-Entwicklung. «Nun gibt es Designer mit Entwicklungskenntnissen, aber noch keine Entwickler mit Designkenntnissen», sagt er. Seit zehn Jahren treibt ihn deshalb das Thema einer eigenen Berufslehre um. Vor zwei Jahren wurde es konkret. Auslöser war der steigende Mangel an Berufskollegen: «Der Markt sucht Leute, aber es gibt keine eigene Ausbildung.»

Statt mit Magie schlägt sich der 44-Jährige seither mit der Bürokratie herum. Denn während sich das Berufsfeld rasant entwickelt, reagiert das Bildungssystem träge. «Meine Bestrebungen drohen in den umständlichen Windungen von Bund und Verbänden im Sand zu verlaufen, obwohl ich aus der Praxis fast ausschliesslich sehr positive Rückmeldungen erhalte», schreibt er auf seiner Website, auf der er ein Logbuch über seine Bemühungen führt. Wer eine neue Berufslehre einführen will, muss beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation anklopfen. Nur wenige Berufe stossen jährlich zum bestehenden Kanon; 2018 waren es deren zwei (siehe Box).

Lieber eine Tastatur unter den Fingern, als Hände zu schütteln

Mittlerweile hat Wössner einige bürokratische Hürden genommen. Aus ersten Gesprächen beim Mittagessen oder Feierabendbier bildete sich eine dreiköpfige Projektgruppe. Zudem hat er viele ideelle Mitstreiter gefunden, und mit «viscom» einen Berufsverband, der das Ruder übernimmt. Der Verband der Print- und Medienindustrie überprüft nun ab diesem Herbst den Bedarf. Aus dem Frontend-Entwickler könnte eine eigene Berufslehre oder aber eine Weiterentwicklung des Interactive Media Designers werden. Jürgen Wössner freut’s, dass es nach einem Stillstand Anfang Jahr endlich vorwärtsgeht. Nebst der Freude hat sich aber auch Nervosität eingestellt. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Die nächsten Schritte, sensibilisieren und Kontakte knüpfen, entsprächen weniger seinen Stärken, sagt er. «Ich bin kein Netzwerker.» Er hat lieber eine Tastatur unter den Fingern, als zahlreiche Hände zu schütteln. Auch selbst dereinst einen Lehrling auszubilden, kann er sich nicht vorstellen. Als Einmannbetrieb sei es schwierig, allmonatlich einen Lehrlingslohn zu zahlen. Zwar ist er, wie alle Frontend-Entwickler, gefragt. Die Aufträge treffen denn auch zuhauf, aber der Lohn nicht regelmässig zum Monatsende ein. Wössner hat einen Stein ins Rollen gebracht und hofft nun, dass er bis zum Ziel weiterrollt. Er selbst bleibt derweil lieber im Hintergrund, hinter seinem Bildschirm hinter den St.Galler Bahngleisen.

Die Berufswelt wandelt sich langsam

Was sich heute Geomatiker nennt, war vor einigen Jahren ein Kartograf, ein Printmedienverarbeiter war einst Buchbinder und der heutige Zinnpfeifenmacher hiess früher einfach Musikinstrumentenbauer. Die Welt der Berufslehren wandelt sich stetig. Oft werden Berufe umbenannt, wie die vorherigen Beispiele zeigen. Ganz neue Berufe stossen dagegen selten zum Kanon der bestehenden rund 230 Berufslehren. Im vergangenen Jahr wurden der Chemie- und Pharmapraktiker oder die Medizinproduktetechnologin neu aufgenommen. Im Gegenzug verschwand der Schuhreparateur aus der Liste. 2017 stiess der Hotelkommunikationsfachmann dazu, 2016 war es die Hörsystemakustikerin. Auch der Bühnentänzer oder die Entwässerungstechnologin entstanden während der vergangenen zehn Jahre. Im gleichen Zeitraum wurden Metalldrücker oder Bahnbetriebs­sekretär gestrichen.

In sechs Schritten zur Umsetzung

Über neue Berufe entscheidet das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Ein 30-seitiges Handbuch regelt den Prozess der Berufsentwicklung. Der Antrag auf eine neue Berufslehre gehe von den Wirtschaftsverbänden aus, teilt das SBFI mit. Anschliessend arbeitet die Trägerschaft eng mit Bund und Kantonen zusammen. Die etablierten Ausbildungen werden zudem alle fünf Jahre einer Prüfung unterzogen und gegebenenfalls angepasst. Bevor eine neue Berufslehre entsteht oder eine bestehende verändert wird, geht ihr ein sechsstufiges Verfahren mit jeweils mehreren Teilschritten voraus, angefangen mit einer Analyse. Das Verfahren soll den Bedarf im Arbeitsmarkt klären sowie das Angebot von Lehrstellen. Auch die Dauer, das Berufsbild und das Anforderungsniveau werden definiert, bevor schliesslich die Bildungsverordnung angepasst wird. (nh)

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