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Ein St.Galler denkt für den Papst

Christian Rutishauser ist der höchste Jesuit der Schweiz. Der St.Galler berät den Papst in Fragen zur religiösen Beziehung zum Judentum. Wenn Franziskus am Donnerstag die Schweiz besucht, wird auch Rutishauser in Genf sein.
Roman Hertler
Der Schweizer Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser. (Bild: Mareycke Frehner)

Der Schweizer Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser. (Bild: Mareycke Frehner)

Händeschütteln mit dem Papst? «Muss nicht sein», sagt Christian Rutishauser. Der 53-jährige St. Galler ist seit 2012 Provinzial und damit höchster Jesuit im Land. Er und der Papst, ebenfalls Jesuit, kennen sich. Als Rutishauser Jorge Mario Bergoglio 2004 erstmals traf, war Letzterer noch Bischof in Buenos Aires. Heute gehört Rutishauser zum ständigen Beraterstab des Papstes für die religiösen Beziehungen zum Judentum. In der zehnköpfigen Kommission unter der Leitung des Schweizer Kardinals Kurt Koch steht nicht die vatikanische Israelpolitik im Zentrum, sondern religiöse und kirchenhistorische Fragen, wie etwa die Rolle der Kirche im Thema Antisemitismus. Das ist vor allem Kommissionsarbeit, Textarbeit, Vertreten der päpstlichen Position an Tagungen – nicht tägliches Ideeneinflüstern beim Heiligen Vater. Wenn Franziskus am 21. Juni die Schweiz besucht (siehe Kasten), wird Rutishauser der Messe in Genf beiwohnen. Zu einem Treffen zwischen den Ordensbrüdern wird es aber nicht kommen. Zu dicht gedrängt ist das Programm des Papstes. Rutishauser sagt über ihn: «Franziskus hat seine Natürlichkeit auch nach seiner Papstwahl behalten. Er geht auf sein Gegenüber ein und scheut sich nicht, Gefühle zu zeigen.»

Rutishauser kam früh mit dem Katholizismus in Berührung. Als Ministrant in der Wallfahrtskirche im St. Galler Heiligkreuz-Quartier beeindruckten ihn besonders die Kapuziner. Auch später fühlte er sich dem franziskanischen Bettelorden verbunden. «Aber ich hatte auch ein Faible für das Intellektuelle – Bibelstudium, Kirchengeschichte, Metaphysik.» Deshalb entschied er sich nach dem Studium für den Jesuitenorden. Das Noviziat absolvierte er in Innsbruck. Es folgten vier Jahre als Studentenseelsorger in Bern, anschliessend das dreijährige Doktorat mit Studienaufenthalten in Jerusalem und New York.

Fliessbandarbeit und Dienst ohne Waffe

Christian Rutishauser stammt nicht aus einer Akademikerfamilie, sondern aus dem Arbeitermilieu mit bäuerlichem Hintergrund. 1965 in Niederuzwil geboren, im St. Galler Heiligkreuz-Quartier aufgewachsen. «Ich fühle mich heute noch als Stadtsanktgaller.» Nur das spitze «Grüezi» hat er sich nach seinem Wegzug 1985 abgewöhnt und in Bern das weiche «Grüessech» übernommen. Ansonsten spricht er akzentfrei ostschweizerisch. Sein Vater, ein Bauernsohn aus Berg, arbeitete als Öltank-Revisor bei der Firma Huber in St. Fiden. Er war Mitglied der Katholischen Arbeiterbewegung. Als in einem Wohnhaus ein Öltank explodierte, überlebte er zwar, blieb aber invalid. Die Mutter, eine Untertoggenburgerin, pflegte ihn 13 Jahre bis in den Tod. Christian Rutishauser, jüngster Bruder von drei Schwestern, war ein sensibler Knabe. Früh entwickelte er einen Sinn für Gerechtigkeit, was später sein Interesse an Geschichte entfachte. In seiner Sek-Zeit sei er ein vergleichsweise religiöser Jugendlicher gewesen, sagt er. «Selbst für ‹Fladä›-Verhältnisse.» Die frühmorgendlichen Roratemessen im Dom haben ihn besonders berührt.

«Eine klassische Priesterlaufbahn
wollte ich nie einschlagen.»

Die Lateinmatura machte Rutishauser am Burggraben. In dieser Zeit entwickelte er seine Leidenschaft für den Film – Lieblingsregisseure heute: Tarkowski, Godard, von Trier. Sein Schulweg von der Kanti führte jeweils am Stadttheater vorbei. Kaum ein Stück hat er damals verpasst. Er engagierte sich im Jugendtheater und in der Jungwacht. Sein Studieninteresse ging zuerst in Richtung Geschichte, er entschied sich jedoch für Theologie. «Aus reinem Interesse. Eine klassische Priesterlaufbahn wollte ich nie einschlagen.» Während des Studiums in Fribourg befasste er sich auch mit sozialistischen Theorien. In den Semester­ferien verdingte er sich beim «St. Galler Tagblatt». Am Fliessband verpackte er Zeitungsbündel. So schärfte der junge Rutishauser ausgerechnet beim liberalen Lokalblatt sein Bewusstsein für «entfremdete Arbeit» in Marx’schem Sinn. Zum strammen Linken ist er deswegen nicht geworden.

Auch wenn er gewissen Ideen durchaus etwas abgewinnen kann und sich Mitte der 1980er-Jahre als Pazifist einigen Ärger mit den Militärbehörden einhandelte. Nach psychologischen Abklärungen wurde ihm immerhin waffenloser Dienst als Spitalsoldat gewährt. Wenn heute aber maskierte Linksautonome randalierend durch Zürcher Geschäftsviertel ziehen, hat Rutishauser wenig Verständnis. «Wer anonym agiert – auf der Strasse oder im Internet –, der ist nicht daran interessiert, die Gesellschaft mitzugestalten. Das ist höchst undemokratisch und widerspricht der humanistischen Ordnung.» Dasselbe gelte auch für die weibliche Gesichtsverhüllung mit der Burka.

Religiöse Symbole gehörten dennoch nicht aus der Öffentlichkeit verbannt, egal welcher Herkunft, so Rutishauser. Sie seien Teil der individuellen Identität, welche Grundlage ist für das Funktionieren einer vielfältigen Gemeinschaft. Die Forderung nach einem Verbot religiöser Symbole in der Öffentlichkeit sei scheinheilig. McDonald’s und Facebook seien ebenso Symbole einer – säkularen – Lebenshaltung, die Konsum und Individualismus propagiere und an der sich die treibenden Kräfte eine goldene Nase verdienten. «Leute zeigen in aller Öffentlichkeit ihre Tattoos und ihre Piercings. Das finde ich weder besonders schön, noch sexy», so Rutishauser. «Trotzdem bin ich gegen ein Verbot.»

«Kopftuchdebatten sind reine Angstbewirtschaftung»

Die Kopftuchdebatten, wie jene im Kanton St. Gallen, zielten in eine völlig falsche Richtung – «reine politische Angstbewirtschaftung». Mit Migrationsströmen müsse die Menschheit lernen umzugehen. Sie seien die logische Folge entfesselter globaler Güter- und Kapitalflüsse. «Wir, die davon vor allem profitieren und jederzeit überall hinreisen dürfen, haben kein Recht, anderen dasselbe zu verwehren.» Zudem könne man nicht auf der einen Seite mehr Integration fordern, und auf der anderen Seite Gelder für Sprachkurse streichen. Diesen Geist der Offenheit lebt Christian Rutishauser auch im Lassalle-Haus im zugerischen Edlibach. Von 2001 bis 2012 war er Bildungsleiter im jesuitischen Bildungszentrum. Noch heute ­leitet er dort Kurse.

«Ich muss ich offen bleiben und von anderen lernen können.»

Das Programm im ­Lassalle-Haus ist äusserst vielseitig: ­Seminare, Exerzitien, Lehrgänge von christlich über Yoga bis Zen. «Es ist aber nicht das Ziel, dass sich die Leute hier ihre eigene Patchwork-Religion zusammenschustern.» Es gehe darum, in einer offenen Gesellschaft seinen eigenen religiösen Standpunkt zu finden. Mission und Dialog seien kein Widerspruch, so Rutishauser. Eher ein Spannungsverhältnis. «Auch wenn ich von meinen persönlichen Werten überzeugt bin, muss ich offen bleiben und von anderen lernen können.» Dasselbe gelte auch für die Katholische Kirche. Beispielsweise über die Sexualität müsse unbedingt neu und grundsätzlich nachgedacht werden. Verurteilende Äusserungen eines Bischofs Vitus Huonder zur Homosexualität oder Genderfragen teilt Rutishauser nicht. Er hält es mehr mit dem St. Galler Bischof Markus Büchel, der sagt, die Geschlechtlichkeit sei ein «Geschenk Gottes», und die Kirche müsse sich den historischen Lasten im Umgang mit Homosexualität stellen. Ein Gedanke, von dem selbst der liberale Franziskus noch ein Scheibchen abschneiden könnte.

Der erste Jesuitenpapst besucht die Schweiz

Der Jesuitenorden, 1534 von Ignatius von Loyola gegründet, trat für die Einheit der Kirche ein, war also gegenreformatorisch, setzte sich gleichzeitig aber für innere Kirchenreformen ein. Die Mitglieder des Ordens führen die Abkürzung SJ hinter ihren Namen: «Societas Jesu», Gesellschaft Jesu – böse Zungen übersetzen heute mit «Schlaue Jungs». Lange galten sie als durchtriebene Papstgetreue mit ausgeprägtem Machtbewusstsein. In der Schweiz war der Orden von 1874 bis 1973 verboten. Die Zeiten haben sich geändert. Die weltlichen Machtansprüche sind in den Hintergrund gerückt, nicht aber die kirchlichen. Franziskus ist der erste Papst, der den Jesuiten angehört. Letztmals war mit Papst Johannes Paul II. 2004 ein Papst in der Schweiz zu Gast. Der diesjährige Besuch vom 21. Juni wird mit weniger Pomp über die Bühne gehen und nur einen Tag dauern. Franziskus folgt der Einladung des Ökumenischen Rats der Kirchen (World Council of Churches) zum innerchristlichen Dialog und trifft sich mit dem Bundesrat. (hrt)

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