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Staatsanwalt Christoph Ill: Er bringt die Drogenhändler zum Reden

Christoph Ill wirkt ab 1. Oktober als Erster Staatsanwalt im Kanton St.Gallen. Anders als sein Vorgänger und langjähriger Wegbegleiter Thomas Hansjakob dürfte der Direktor der Luzerner Staatsanwaltschaftsakademie weniger im Rampenlicht stehen.
Marcel Elsener
Aus einer Gossauer Arbeiterfamilie an die Spitze der St.Galler Strafjustiz: Christoph Ill in seinem Büro. (Bild: Ralph Ribi)

Aus einer Gossauer Arbeiterfamilie an die Spitze der St.Galler Strafjustiz: Christoph Ill in seinem Büro. (Bild: Ralph Ribi)

Äusserlich ist der Unterschied frappant: Christoph Ill, markante Silbermähne, weiche Gesichtszüge, sportliche Statur, erscheint auf den ersten Blick als ganz anderer Typ als sein Vorgänger Thomas Hansjakob, der stets gut gekleidet mit schütterem Haar, Brille und «Polizeischnauz» wie der Inbegriff eines hart durchgreifenden Strafverfolgers wirkte. Doch Äusserlichkeiten können fatal täuschen und dürfen erst recht in diesem Beruf keine Rolle spielen; abgesehen davon, dass Christoph Ill zu verstehen gibt, dass er sich auf eine Personalisierung seines Amts nicht einlasse: «Der Erste Staatsanwalt wird nicht vom Volk oder Parlament gewählt. Zum Glück: Die Strafjustiz darf nicht Sache der Parteipolitik sein. Wäre es im Kantonsrat so gekommen, wäre ich jetzt nicht hier.»

Hier, das ist im Gebäude des kantonalen Untersuchungsamts in der St.Galler Altstadt, im Büro des Leitenden Staatsanwalts, der ab 1. Oktober zum Ersten Staatsanwalt und damit Nachfolger des Anfang Jahr an Herzversagen verstorbenen Thomas Hansjakob wird. Der war Sozialdemokrat, Ill aber hat nie einer Partei angehört; er begrüsst explizit, dass die Besetzung der Strafverfolgungsbehörden rein fachlich ausgelegt wird. Parteien spielten im Leben des 58-Jährigen nie eine Rolle, er stamme aus einer «apolitischen Arbeiterfamilie», sagt er. Dem liberalen Elternhaus in Gossau war der damalige «katholische Filz lästig», der Vater Bäcker-Konditor und nach dem Krieg aus dem Elsass in die Ostschweiz eingewandert, die Mutter aus Trogen. Genug der Familiengeschichte, winkt Ill ab, am liebsten wäre ihm die Beschränkung des Privaten auf «glücklich verheiratet, zwei Söhne».

In der Praxis der Strafjustiz angebissen

Ein wenig Biographie aber muss sein bei einem, der seine Karriere nicht gezielt, sondern zufällig gemacht hat. Wohl hätten sich nach der Kanti andere Felder eröffnet als die Strafjustiz: Immerhin schrieb er die Texte zu Daniel Kamms Musik für das St.Galler Rocktheater Tilt, spielte und spielt in Rockbands, verkehrte in der Grabenhalle. Die Leidenschaft für den Fussball ist bis heute geblieben – er schaut «zur Entspannung nichts lieber» und ist Trainer eines Gossauer Juniorenteams. Das Jusstudium in Zürich wählte er, weil es viele Möglichkeiten von Sozialarbeit bis Wirtschaft eröffnete. «Kein vergifteter Student» und kein «Bleistiftspitzer», finanzierte er sein Studium als Eisenleger; die Arbeit und das Milieu auf dem Bau schärften das Interesse für Alltagsprobleme. Folglich begründet sich seine Berufswahl mit der Praxis: Eine befristete Stelle im Untersuchungsamt St.Gallen und erste Erfahrungen in der «hoch spannenden Ermittlungsarbeit» bestätigten ihm, dass er im Strafrecht auf dem richtigen Gebiet war.

Ein Strafverfahren von den ersten Ermittlungen bis zum Zugriff zu planen und durchzuführen, das fasziniert den jungen Untersuchungsrichter und baldigen Staatsanwalt. Und rasch begreift er, vorzugsweise mit schweren Drogendelikten beschäftigt, dass man mit funktionierenden Netzwerken im Vorteil ist – hüben wie drüben. Will heissen: Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei müssen eng zusammenarbeiten und so innovativ wie grenzüberschreitend agieren. «Praktisch jeder Fall betraf andere Kantone oder führte ins Ausland.» Vernetzung und Weiterbildung sind in der Schweiz dringlich gefragt, merken Berner, Zürcher oder St.Galler Strafverfolger. Christoph Ill ist dank seiner Fachkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis, speziell in der Einvernahmetechnik, von Anfang an dabei, als es um den Aufbau von Kursen für angehende Staatsanwälte und Untersuchungsrichter geht. 2005 wird in Luzern ein Studiengang eingeführt, der stark auf die Praxis ausgerichtet ist und Delikte aus vielen Gebieten (Betäubungsmittel, Tierschutz, Sexualbereich usw.) abdeckt. «Diese Lehrgänge aufzubauen und auszufeilen war sehr kreativ und ein Riesenprivileg», schwärmt Ill. Bis heute wirkt er an der Uni Luzern als Studienleiter CAS Forensics, II seit diesem Jahr sogar als Direktor der Staatsanwaltsakademie.

Selbstverständlich propagiert Ill dort jene Befragungstechnik in der Einvernahme, die er zusammen mit seiner Zürcher Kollegin, der forensischen Psychologin Henriette Haas verfeinert hat: die Trichterbefragung, die vereinfacht gesagt mit einem offenen Bericht beginnt und sich mit gezielten Fragen verengt. Als Spezialist für eine Gesprächsführung, die urteilsfrei Informationen gewinnen will, ist er gefragt – auch an Journalistenschulen. Meisterhafter Interviewer, ausgewiesener Praktiker, intellektueller Schaffer – über Christoph Ill hört man in Justizkreisen nur Gutes. Entgegen seines Aussehens «sicher kein Blender» und «keiner, der das Rampenlicht sucht». Darauf angesprochen, will sich der neue Erste Staatsanwalt nicht in die stille Ecke drängen lassen: «Wo es nötig ist, werde ich öffentlich Stellung nehmen.» Trotzdem: Verspricht seine Person einen Stilwechsel nach dem medial omnipräsenten Vorgänger, oder wo liegen die Unterschiede? «Brauchts die denn?», fragt Ill zurück. Und er betont die langjährige Freundschaft, 25 Jahre arbeiteten sie oft Seite an Seite an langwierigen Fällen; als Gründungspräsident der Konferenz der Strafverfolgungsbehörden der Schweiz (KSBS) gab Hansjakob wichtige Impulse zur Vernetzung, die Ill nun weitertreiben will.

Im Kollektiv Innovationen wie das Cyberzentrum vorantreiben

«Gerade mit Blick auf Innovationen waren wir sehr verwandt», sagt Ill. «In einer Zeit, in der Kriminalität oft nur eine Steckdose braucht, können wir uns eine abwehrende Haltung nicht leisten.» Für die Zukunft wappnen will man sich etwa mit dem im August gegründeten Cyberzentrum mit gemeinsamen Ressourcen und Räumen von Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Und die oft gehörten Vorwürfe, dass Hansjakob speziell gegen Kiffer, Hooligans oder Raser vorging? «Sind falsch», sagt Ill trocken und verweist auf ihre grossen Drogenringfälle und auf eine «ausgeprägt legalistische Haltung», die angemessen sei, solange die Politik «es nicht anders will». Das geradezu verbissene Vorgehen gegen Hanfshops habe allerdings noch einen anderen Grund gehabt: «Die weckten den Sportsgeist in ihm. Er hatte Leute auf dem Radar, die ihn über den Tisch ziehen wollten.» Nun floriert der Drogenhandel aller Repression und Strafrechtsmassnahmen zum Trotz in der Bitcoin- und Darknet-Welt weiter wie früher, als die Telefonüberwachung via Hausanschlüsse funktionierte und Drogengeld-Transfers Papierspuren hinterliessen. Die weltweite Drogenfreigabe, wie sie von Politikern gefordert wird, sei ein «interessantes Modell», meint Ill. Doch könne die Schweiz «nicht auf Insel machen», wenn Grossmächte wie die USA «voll auf Repression setzen» und die Drogenmafia in neue Märkte im Osten expandiere. Und auch wenn die Liberalisierung beim Cannabis eine Frage der Zeit sei, bleibt er in einem Punkt skeptisch: «Der Jugendschutz funktioniert beim Alkohol nicht, also wird er auch beim Kiffen nicht funktionieren.»

Im Schiff der Verrückten den Humor nicht verlieren

Seine Erfahrung in aufwändigen, komplexen Fällen lässt ihn auch in Zukunft nicht leicht erschüttern. Ills Lieblingsfall machte national Schlagzeilen: Jener über 60-jährige, biedere Maschineningenieur und Honorarkonsul, der kiloweise Rauschgift durch halb Europa beförderte und Millionenumsätze machte, bis er 1993 verhaftet wurde. Und dann alles gestand und Einblick in all seine Drogengeschäfte gewährte: «Er öffnete uns einfach die Tür und zeigte uns seine Welt.» Ein seltener Glücksmoment in einem Beruf, der auf der Schattenseite spielt. Entsprechend wichtig sei zur Psychohygiene ein klares Rollenverständnis, betont Ill. «Man muss die Rolle ablegen können, sonst verschleisst es einen.»

Mit seiner Kernarbeit in St.Gallen und Luzern (durchschnittlich ein halber Tag wöchentlich) wird Ill nicht zusätzlich Bundesfälle übernehmen. Aber seine Manager- und Moderatorenqualitäten bleiben über den Kanton hinaus gefragt. In diesen Tagen bereitet er eine Tagung der Staatsanwaltsakademie zum Thema «Föderalismus und Strafverfolgung» vor, eine Retraite im Alpstein, der Fall des freigestellten Innerrhoder Staatsanwalts wird Wasser auf die Mühle interkantonaler Strukturen sein.

Als ein Vorbild nennt Christoph Ill den Berner Strafrechtler Jürg Sollberger: «Er hatte Elan, Weitsicht, Vitalität, Sinn für Vernetzung. Wenn ich solch innovativer Treiber bin, geht es mir gut.» Der Fussballfan wird als Erster Staatsanwalt die Bälle richtig verteilen wollen – an die Politik oder an die Polizei. Zum Beispiel: «Prävention ist grundsätzlich nicht Sache der Staatsanwaltschaft, wir müssen uns gegen solche Tendenzen wehren.» Die Ballverteilung betrifft auch seine Kolleginnen und Kollegen: «Die Staatsanwaltschaftskonferenz ist ein Kollektivgremium», sagt der neue Kapitän, ganz Primus inter pares. «Ich werde das Kollektiv stärker betonen, auch bei medialen Auftritten.» Dass in Sachen Hanf und Stadiongewalt eine «gewisse Beruhigung» eingetreten ist, wird ihm helfen, sich «zurückhaltender zu äussern» als sein Vorgänger Hansjakob. Mit dem Verstorbenen gemeinsam hat Ill die Vorliebe für schwarzen Humor, etwa für die britische Gruppe Monty Python oder den deutschen Comiczeichner Walter Moers. Ein Hinweis hängt im Büro: Das Bild «Ship Of Fools» des für seine Entenfabeln berühmten Künstlers Michael Bedard zeigt ein Boot voller verrückter Enten inmitten bedrohlich hoher Meerwellen. Da lässt manche Interpretation zu, wie das erwähnte Schweizer Inseldasein, oder den Rat, in stürmischen Zeiten die Ruhe oder eben den Humor nicht zu verlieren – Christoph Ill ist alles recht.

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