«Entweder erreiche ich den Matterhorngipfel oder ich komme in einer Spalte um»: Die Ostschweizer Feministin Martha Beéry im neuen Buch der Rheintaler Autorin Jolanda Spirig

In ihrem neuen Buch spürt Jolanda Spirig dem Leben von Martha Beéry nach. Wir haben beide Frauen zum Gespräch über einen weiblichen Aufbruch getroffen.

Rolf App
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Die Rheintaler Autorin Jolanda Spirig (links) bearbeitet historische Stoffe. Nun erscheint ihr neues Buch «Hinter dem Ladentisch» über die Kindheit der Ostschweizer Feministin Martha Beéry (rechts).

Die Rheintaler Autorin Jolanda Spirig (links) bearbeitet historische Stoffe. Nun erscheint ihr neues Buch «Hinter dem Ladentisch» über die Kindheit der Ostschweizer Feministin Martha Beéry (rechts).

Bild: Michel Canonica

Als sie ihre erste AHV bekommt, lädt die Journalistin und Buchautorin Jolanda Spirig viele ihrer Freundinnen ein und stellt jeder die selbe Frage: Woher kennen wir uns eigentlich? Mit dabei ist auch Martha Beéry. Sie gehört zwar nicht zum Freundinnenkreis, aber Spirig arbeitet inzwischen an einem Buchprojekt über sie.

Beérys Bemühungen um eine stärkere Berücksichtigung der Frau in den Medien über Theaterprojekte bis hin zum Vorhaben, für die Geschichte der Frauen in der Schweiz ein eigenes Museum zu schaffen – all dies hatte sie bisher nur von weitem verfolgt. «Als Martha erzählte, wo sich unsere Wege schon überall gekreuzt hatten, geriet ich ins Staunen», sagt Jolanda Spirig. «Denn ich erinnerte mich nicht.»

«Ich kann und will nicht auf halbem Weg stehen bleiben»

So stösst sie auf jene zwei Seiten in der Persönlichkeit von Martha Beéry-Artho, die jetzt auch in «Hinter dem Ladentisch» immer wieder aufscheinen – dem Buch, in dem Jolanda Spirig Martha Arthos Kindheit und Jugend «zwischen Kolonialwaren und geistlichen Herren» nachgeht, wie es im Untertitel heisst. Da ist die eine, stille, zurückhaltende Martha, «das liebe Kind», wie sie selber sagt. Und da gibt es die andere, die zielgerichtet und zäh ihre Anliegen verfolgt.

Als sie den aus Ungarn in die Schweiz geflüchteten Tierarzt-Studenten Fritz Beéry kennen lernt, mit dem sie später in die Ostschweiz zieht und noch heute verheiratet ist, meint er, für eine Tierarztfrau reiche die kaufmännische Ausbildung vollkommen. Sie aber schreibt in ihr Tagebuch:

«Ich bin stolz und selbstbewusst geworden. Aber ich kann und will nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Entweder erreiche ich den Matterhorngipfel oder ich komme in einer Spalte um.»

Das klingt schon nicht mehr nach jener Devise, die ihr die Mutter auf den Lebensweg gegeben hat: «Lieber etwas Unrechtes erleiden, als etwas Unrechtes tun.»

Luxus hier, ein karges Leben da

Unrechtes bekommt diese Martha Artho genug zu sehen in der Nachbarschaft. Denn ihr Vater, der in Bern als Chauffeur des Nuntius arbeitet, kämpft ein Leben lang vergeblich um eine Pension. Und während in der Nuntiatur, der Botschaft des Vatikan in der Schweiz, ein unauffällig zur Schau gestellter Luxus herrscht, rackert sich die Mutter lange Tage in ihrem Lebensmittelgeschäft ab, und die drei Töchter arbeiten mit.

Kein Wunder, kommen Martha, der Ältesten, schon früh Zweifel, denn sie hat ja Augen im Kopf. Zweifel an der katholischen Kirche und ihrem Personal, die dann später zu ihrem Austritt aus der Kirche führen. Zweifel aber auch an dem, was die Bibel über die Frauen zu erzählen weiss. Doch bleiben diese Zweifel isoliert. Heute, mit 78, sagt Martha Beéry:

«Ich fragte nach, formulierte Zweifel, doch die Überlegungen wurden mit der Bibel und mit der Gesetzgebung widerlegt. Der Pfarrer meinte sogar: ‹Du denkst zu viel›».

Deshalb hätte sie dem Buch auch gern den Titel gegeben: «Du sollst nicht denken.»

Denken lernt sie auf vielen Umwegen. Martha Beéry sei, schreibt Jolanda Spirig am Ende ihrer stimmungsvoll-detailreichen, ganz in die Welt eines Kindes eintauchenden Schilderung, während Jahrzehnten «mit angezogener Handbremse» durchs Leben gegangen, «gehemmt durch die Lehre der katholischen Kirche, die von den Frauen Aufopferung verlangt». Schritt um Schritt löst sich die Handbremse. «Sie war eine Persönlichkeit, kein Durchschnittsmädchen», erinnert sich ihr Mann, und als eine Kollegin am Tierspital Bern über ein «Skandalbuch» herfährt, muss sie es lesen: «Frauen im Laufgitter» von Iris von Roten bestätigt der 21-jährigen Martha zum ersten Mal ihr gesellschaftliches Unbehagen. Nur die von der Autorin propagierte freie Liebe lehnt sie ab.

Es war «unheimlich viel Arbeit»

Heute liegt «unheimlich viel Arbeit» hinter den beiden Frauen, wie Jolanda Spirig Veränderungen beschreibt, die nicht nur von konservativen Bremsern in Frage gestellt werden, sondern auch vom in rechtsextremen Kreisen wieder aufflammenden Frauenhass. Weshalb auch unheimlich viel Arbeit vor kommenden Generationen liegt. «Jede Generation muss wieder neu anfangen, das hemmt den Fortschritt», sagt Jolanda Spirig. «Aber es funktioniert trotzdem. Der Frauenstreik hat gerade wieder viele junge Frauen auf die Strasse gebracht.»

Selbstverständlich ist auch Martha Beéry dabei gewesen, im Rahmen eines Strassentheaters. «Das Thema war: ‹Gestalten wir die Welt, wie sie uns gefällt.›» Dass in dieser Welt Frauen ganz selbstverständlich auch Karriere machen, das ist für sie nur ein Teil jener Veränderung, die in unserer Gesellschaft gerade ansteht. Denn es darf ja nicht sein, dass sich die Frauen in eine von Männern geprägte Wirklichkeit einpassen. Die Realität muss sich vielmehr auch ihnen anpassen. «Im Grunde treffen da zwei Welten aufeinander», sagt Martha Beéry – «die patriarchal konnotierte Familie auf der einen, die neoliberale Wirtschaft auf der andern Seite. Beide müssen sich verändern.»

Hinweis: Jolanda Spirig: «Hinter dem Ladentisch – Eine Familie zwischen Kolonialwaren und geistlichen Herren», erscheint nächste Woche im Chronos-Verlag.