Entrümpler der Seen

Etliche Wracks hat der «Bomber-Schaffner» gehoben. Einen der grössten Weltkriegsbomber hat er 1954 in Steckborn aus dem See gefischt.

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Der «Bomber-Schaffner»» posiert mit einer B-17, die er zuvor aus dem Greifensee gefischt hat. (Bilder: www.warbird.ch)

Der «Bomber-Schaffner»» posiert mit einer B-17, die er zuvor aus dem Greifensee gefischt hat. (Bilder: www.warbird.ch)

Würde Martin Schaffner alias «Bomber-Schaffner» noch leben, hätte er sich wohl die Finger danach geleckt, die vor kurzem entdeckte Fliegerbombe aus der Staader Bucht herauszuholen. Er hätte das Gelände abgesperrt, Plakate drucken lassen und einen Eintrittspreis angesetzt. Um anschliessend die – mittlerweile als harmlos identifizierte – Fliegerbombe aus dem Bodensee zu hieven und auszustellen.

Bergung mit Hindernissen

Ähnlich hat es der imposante Aargauer nämlich 1954 getan. Mit einem sechsköpfigen Team richtete er Ende 1953 am Untersee in Steckborn ein Lager ein, um nach dem englischen Flugzeug des Typs «Lancaster» zu suchen. Dieses hatte, angegriffen von der deutschen Luftwaffe, im April 1944 vor Steckborn notgewassert. Lokale Fischer gaben Martin Schaffner Hinweise darauf, wo der über 25 Tonnen schwere britische Riesenbomber zu finden sei. Nach einer vierwöchigen Suche war dieser geortet.

Doch die Bergung wurde zur Zangengeburt: Im Herbst 1953 versenkte ein Sturm den stählernen Träger, an dem Schaffner sein Schiff verankert hatte. Dieses lag schwer im Wasser, da sein gesamtes Arbeitsmaterial mit Suchgeräten, Kompressoren und Taucheranzügen darauf verladen war. Martin Schaffner überliess die Aufsicht über das Schiff dreien seiner Männer und kehrte nach Hause, ins aargauische Suhr, zurück. Doch seine Angestellten machten einen Ausflug ins benachbarte Konstanz, um sich dort zu vergnügen. Es war eine kalte Nacht und jede Welle brachte mehr Wasser ins Boot, das zu Eis gefror. Gegen Mittag, während die Männer ihren Rausch ausschliefen, versank das Boot mitsamt Schaffners ganzer Ausrüstung, in die er sein gesamtes Vermögen gesteckt hatte. Schaffner war verzweifelt, fand jedoch schnell eine Lösung: Ein Linienschiff der Nähmaschinenfabrik Bernina sorgte dafür, dass der See an der Unglücksstelle nicht zufror, während ein Taucher Schaffners Ausrüstung barg. Einige Wochen später konnte das Flugzeugwrack schliesslich doch noch mit einem Taucher, Seilwinden und einem Kran aus dem See gehievt werden. Dieser Erfolg wurde ausgiebig gefeiert, danach räumte Schaffner und sein Team tonnenweise Sand aus dem Riesenbomber. Anschliessend stellten sie ihn in Steckborn aus. Wer einen Blick darauf werfen wollte, musste als Erwachsener 1.10 Franken bezahlen, Kinder den halben Preis.

Geheimaufträge en masse

«Später wurde die Lancaster vor Ort verschrottet, einige Teile wie der Propeller sind in meinem Privatmuseum ausgestellt», erzählt Werner Schmitter, der gemeinsam mit Rolf Zaugg und Dani Egger die Internet-Datenbank www.warbird.ch betreibt. Diese liefert umfangreiche Informationen über Militärflugzeuge, die während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz gelandet und abgestürzt sind. Auch weitere Bergungen des «Bomben-Schaffners», mit denen er schweizweit und im Ausland bekannt wurde, sind dort ausführlich dokumentiert. Etwa die Bergung eines B-17 Bombers aus dem Zugersee oder desselben Modells aus dem Greifensee. Der erfolgreiche «Bomber-Schaffner» erhielt immer mehr Anfragen, darunter auch Geheimaufträge wie etwa Gewässer in Deutschland und Österreich von Kriegsmaterialien zu entrümpeln. Diesem Ansturm konnte er aber nicht gerecht werden. Aus dem Bodensee fischte Schaffner insgesamt fünf Bomber, eine DC-3 der Swissair, zwei Kampfflugzeuge der schweizerischen Eigenentwicklung P-16, ein Kampfflugzeug des Typs «Vampire», das versunkene Tauchschiff «Jumbo», ein deutsches Kiesschiff sowie zahlreiche Autos. Bergungsexperte Schaffner betrieb nebenbei mehrere Tankstellen. Indem er als erster den Benzinpreis senkte entfachte er einen Preiskampf – damit machte er sich nicht nur Freunde.

Erfolgreichster Fischer

Getreu seinem Motto «Es gibt nichts, was es nicht gibt» war Schaffner ein gewiefter Geschäftsmann – als eine seiner Ausstellungen wegen heftigen Regens im Schlamm versank, liess er seine Arbeiter für 30 Rappen die Schuhe der Besucher putzen. Der Nebelspalter widmete ihm in den 50er-Jahren eine Karikatur und bezeichnete ihn darin als den «erfolgreichsten Fischer der Schweiz». Ausserdem soll Schaffner Modell für eine Konfektionsfirma gestanden haben. Eine Familie hatte er nicht, er lebte mit seiner Mutter in einem Haus in Suhr. Seine Vision – das Dampfschiff «Jura» aus dem Bodensee zu heben und in ein Restaurant zu verwandeln – konnte er nicht verwirklichen. Er verstarb 1965 im Alter von 42 Jahren an den Folgen einer Operation wegen seines Übergewichts. Kathrin Reimann

Die «Lancaster» wurde in Steckborn aus dem Untersee gezogen.

Die «Lancaster» wurde in Steckborn aus dem Untersee gezogen.

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