ENTKORKT

Der Wein, der aus der Schachtel kommt «Was wollen Sie? Vergessen Sie es! Ich habe mir schliesslich einen Namen aufgebaut!» So oder ähnlich lautet schon mal die Antwort, wenn Christoph Moser mit einem Schweizer Winzer ins Geschäft zu kommen versucht.

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Der Wein, der aus der Schachtel kommt

«Was wollen Sie? Vergessen Sie es! Ich habe mir schliesslich einen Namen aufgebaut!» So oder ähnlich lautet schon mal die Antwort, wenn Christoph Moser mit einem Schweizer Winzer ins Geschäft zu kommen versucht. Mosers besonderes Anliegen: Er kauft keine Flaschen, sondern Lose von unabgefülltem Wein, den er in Schachteln à drei Liter in den Handel bringen will. «In Südeuropa ist das Bag-in-Box-System eher gängig, in Australien oder Südafrika ohnehin», sagt Moser. Mitteleuropa aber ist zurückhaltender, Bag-in-Box ist hierzulande weitgehend Synonym für billig und schlechte Qualität. Gerade dagegen aber will Moser mit seinem Online-Weinhandel «hauswein.ch» ankämpfen.

Die Wahl des Top-Sommeliers

Sein in Basel ansässiges Unternehmen wurde nach deutschem Vorbild lanciert und führt derzeit vier Weine im Sortiment, einen Blanc de Noirs, einen Riesling und einen Spätburgunder aus Deutschland sowie einen Tempranillo der Bodegas Antaño aus Castilla y Léon. Als nächstes wird je ein Wein aus Österreich und Südafrika dazukommen, die Suche nach einem Schweizer Produzenten ist im Gang. «Wir müssen hier Vor- und Imagearbeit leisten», sagt Moser. Perspektiven sieht er am ehesten bei jungen Winzern, die offen sind für Neues.

Tatsächlich bezeichnet Moser sein Konzept in einem Communiqué als «stilvollen Tabubruch». Mit von Hand aufgerissenen Tetrapaks, die im Kühlschrank vor sich hingrümmeln, haben seine «Hauswein»-Bags folgerichtig nichts zu schaffen. Beim Bag-in-Box-System wird der Wein in Kunststoffbeutel abgefüllt, welche in Schachteln verpackt werden und mit einem Zapfhahn versehen sind. Das garantiert, dass auch nach dem Öffnen des Behältnisses kein Sauerstoff dazukommt. Die Folge: Der Wein bleibt über mehrere Wochen ohne Qualitätsverlust haltbar, wie unser Test mit dem Tempranillo eindeutig bewies. Das Problem der angebrochenen Flaschen ist damit gelöst.

Stil und Qualität geniessen auch beim Inhalt hohe Priorität. Zusammengestellt wird das Sortiment von Gunnar Tietz, einem Star der deutschen Weinszene und Chef-Sommelier im Berliner «first floor», das einen Michelin-Stern und 18 Gault-Millau-Punkte aufweist. Seine Aufgabe ist es, qualitativ anspruchsvolle Alltagsweine auszusuchen, die den Kostenrahmen nicht sprengen. Die vier Weine des aktuellen Sortiments werden zu 49.50 Franken verkauft, das entspräche einem Flaschenpreis von knapp 12.40 Franken. Im Fall des Tempranillo ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Lieferfrist beträgt zwei bis drei Tage.

Kein Wein zum Lagern

Vorbehalte bleiben dennoch. Zum einen kann sich beim Weisswein ein Platzproblem im Kühlschrank ergeben, zum andern ist schwer abzuschätzen, wie viel Wein die Schachtel noch enthält. Ausserdem entfällt das Ritual des genüsslichen In-den-Keller-Steigens und Entkorkens einer Flasche. Doch es hat durchaus seinen eigenen Reiz, vor dem Essen das Glas unter den Zapfhahn zu halten oder eine edle Karaffe abzufüllen. Das ist fast wie das eigene Fässchen Wein im Haus. Dem gut assortierten Flaschen-Keller macht Bag-in-Box indes keine Konkurrenz: «hauswein.ch» weist explizit darauf hin, dass es sich bei seinem Angebot nicht um Lagerweine handle. Beda Hanimann

www.hauswein.ch

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