ENGAGIERT: Präsidentin des Rotary Clubs St. Gallen: "Ich hätte täglich weinen können"

Karin Uffer Schmid ist die neue Präsidentin des Rotary Clubs St. Gallen. Im Interview erklärt die Physiotherapeutin, warum der Männerclub sich Frauen öffnen sollte – und warum sie in ihrer Freizeit in Krisengebiete reist.

Michael Genova
Drucken
Teilen
«Ich habe nichts gegen reine Männerclubs, ich bin keine ideologische Feministin», sagt Karin Uffer Schmid, Präsidentin des Rotary Clubs St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

«Ich habe nichts gegen reine Männerclubs, ich bin keine ideologische Feministin», sagt Karin Uffer Schmid, Präsidentin des Rotary Clubs St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Interview: Michael Genova

Karin Uffer Schmid, ein Motto der Rotarier lautet «selbstloses Dienen». Das klingt wie das Ideal einer verschworenen Gemeinschaft.

Die Rotarier sind keine Mitglieder eines elitären Clubs, die sich gegenseitig Jobs zuschanzen. Das war lange das gängige Vorurteil. Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens, so wie viele Rotarier. Für mich ist es deshalb eine Selbstverständlichkeit, dass ich mich für andere Menschen einsetze.

Wie kommt man als Frau dazu, sich in einem traditionellen Männerclub zu engagieren?


Dass die Männer in der Mehrheit sind, war für mich nie ein Thema. Als ich 2006 Mitglied des Rotary Clubs St. Gallen wurde, habe ich mich eher grundsätzlich gefragt, ob ich ein solches Engagement ­eingehen möchte. Wenn ich etwas anpacke, dann setze ich mich voll und ganz dafür ein. Das zieht sich durch meine ganze Biografie.

Seit Juli stehen Sie für ein Jahr an der Spitze des Rotary Clubs St. Gallen. Ein Zeichen des Kulturwandels?

Ich hoffe es. Es gibt noch viele Rotary Clubs, die bis heute prinzipiell nur Männer aufnehmen. Ich habe nichts gegen reine Männerclubs, ich bin keine ideologische Feministin. Aber bei Rotary ist es nicht mehr zeitgemäss. Rotary Clubs sind ein Teil der Gesellschaft, und sie engagieren sich für Menschen im In- und Ausland, das ist ihre DNA. Die internationale Dachorganisation will schon lange, dass sich die Clubs auch für Frauen öffnen.

Welche Schwerpunkte wollen Sie als Präsidentin setzen?

Meist geht es in den Vorträgen an den montäglichen Rotary Lunches um Wirtschaft und Finanzen. Meine beiden Programmpräsidentinnen und ich wollen, dass sich die Männerwelt auch mal mit anderen Themen auseinandersetzt. Deshalb haben wir Vorträge zum Thema Sterbehilfe und Demenz organisiert. Ein anderer Schwerpunkt sind unsere ­Generationengespräche. Alte Rotarierer diskutieren mit jüngeren Mitgliedern über das Jahresthema: Mut, Demut, Anmut.

Was bedeutet Mut für Sie?

Als ich im vergangenen Jahr nach Afghanistan gereist bin, sagten mir viele, dass ich mutig sei. Ich würde mich jedoch nicht als mutig bezeichnen. Ich bin einfach konsequent. Wenn ich mich engagiere, dann mit Leidenschaft. Dazu gehört, dass ich manchmal meine Komfortzone verlasse. Das ist für mich Mut.

Warum sind Sie nach Afghanistan gereist?

Ich bin Stiftungsrätin der Stiftung Mine-ex, die vor mehr als 20 Jahren von Rotary Schweiz und Liechtenstein gegründet wurde. Wir unterstützten Minenopfer in Afghanistan und Kambodscha, finanzieren Prothesen und Schienen sowie die Rehabilitation in Rehakliniken. Jedes Jahr organisieren wir eine einwöchige Inspektionsreise, um vor Ort mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und den lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu besprechen, wie die Projekte laufen. In Afghanistan haben wir die Hauptstadt Kabul sowie Herat besucht, wo sich zwei der insgesamt sieben Orthozentren Afghanistans befinden.

In Afghanistan herrscht Krieg. Wie sind Sie damit umgegangen?

Es war sehr belastend. In Kabul gibt es überall Panzer und schwerbewaffnete Militärpatrouillen. In beiden Ortho­zentren zeigte man uns als Erstes den Schutzraum und die Geheimgänge, über die wir im Notfall hätten flüchten können. Wir erhielten ein Funkgerät und mussten unterschreiben, dass wir es rund um die Uhr auf uns tragen. Wir schliefen in einer Unterkunft des IKRK, die komplett mit Stacheldraht umzäunt war. Während der Nacht hörte ich Helikopter über der Stadt kreisen.

Gab es auch brenzlige Situationen?

Immer wieder. Zum Beispiel als wir mit unserem Auto über eine halbe Stunde in einem Verkehrskreisel feststeckten. In solchen Situationen denkt man: Jetzt könnte im Auto nebenan eine Bombe explodieren. Einen Tag nachdem wir nach Herat weitergereist waren, wurde in Kabul einer der grössten Anschläge seit langem verübt.

Was hat Sie am meisten berührt?

Ich hätte in Afghanistan jeden Tag 20 Mal weinen können. Wir haben einen siebenjährigen Buben getroffen, dem die Taliban in den Rücken geschossen hatten. Sie tun dies mit grausamer Absicht. Mich hat der Kampfgeist dieses Buben beeindruckt. Wie er den ganzen Tag am Gehbarren übte und sich mit seinen Schienen langsam vorwärtskämpfte. Das ist seine einzige Chance, denn Afghanistan ist nicht rollstuhlgängig. So wird er zu Hause wenigstens alleine zur Toilette gehen können.

Warum wollen Sie Minenopfern auch persönlich helfen?

Ich wollte vor Ort erfahren, wie die Hilfsprojekte von Rotary funktionieren. Deshalb bin ich bereits 2013 nach Kambodscha gereist, wo ich einen Monat lang als Physiotherapeutin im Rehazentrum von Battambang arbeitete.

Wie haben die Patienten in ­Kambodscha auf Sie reagiert?

Freundlich zurückhaltend, aber auch sehr neugierig. Zum Teil sprachen sie mich einfach in der Landessprache Khmer an. Die erste Frage lautete immer: Wie viele Kinder haben Sie?

Was haben Sie geantwortet?

Anfangs sagte ich wahrheitsgemäss, dass ich keine Kinder habe. Dann realisierte ich, dass die Kambodschaner meine ­Erklärungen nicht verstanden. Deshalb zeigte ich mit der Zeit die Fotos meiner beiden Göttibuben, behauptete aber nicht, dass sie meine Söhne seien. Einer der beiden Buben hat blonde, gerade Haare. Das wirkt exotisch auf die Kambodschaner. Innert Kürze bildete sich jeweils eine Menschentraube um mich und mein Tablet, auf dem die Bilder gespeichert waren.