ENERGIEFÖRDERUNG: Für neue Pläne fehlt der Elan

Zuerst die Euphorie, dann die Ernüchterung: Nach dem Ende der Geothermie-Vorhaben tut sich die Ostschweiz schwer mit neuen Grossprojekten für erneuerbare Energien. Einzige Ausnahme: Windräder.

Andreas Kneubühler (sda)
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Windenergie-Projekte gibt es derzeit im Thurgau und in Appenzell Innerrhoden. (Bild: Benjamin Manser (Chur, 27. 4.2016))

Windenergie-Projekte gibt es derzeit im Thurgau und in Appenzell Innerrhoden. (Bild: Benjamin Manser (Chur, 27. 4.2016))

Andreas Kneubühler (SDA)

Es ist noch nicht lange her, da spielte die Ostschweiz bei der Geothermie schweizweit eine Vorreiterrolle: In der Stadt St. Gallen stimmten über 80 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger einem Kredit von 159 Mio. Franken für ein Geothermie-Kraftwerk und den Ausbau der Fernwärme zu. Danach wurde im Sittertobel 4400 Meter tief in den Untergrund gebohrt.

Es sollte nicht das einzige Projekt bleiben: Im Kanton Thurgau gab es ähnliche Pläne der Energie Thurgau AG für die Region zwischen Arbon, Romanshorn und Amriswil sowie ein weiteres Vorhaben der Geo-Energie Suisse AG in Etzwilen.

Doch dann bebte in St. Gallen im Juli 2013 die Erde und vorbei war es mit dem Elan: Die Arbeiten in St. Gallen wurden schrittweise eingestellt. Auch die EKT beurteilte nun das Risiko als zu gross. Übrig blieb noch das Vorhaben in Etzwilen. Allerdings ist es schon Jahre her, seit es dort zuletzt Aktivitäten gab. Die Geo-Energie Suisse konzentriert sich auf ein bereits weit fortgeschrittenes Geothermie-Projekt in Haute-Sorne im Kanton Jura. Als vorläufig letztes Zeichen des Geothermie-Booms beschloss das Thurgauer Kantonsparlament 2015 ein Gesetz über die Nutzung des Untergrunds. Damit ist nun zwar alles geregelt für die kommerzielle Nutzung der Tiefenenergie – nur fehlen inzwischen die Projekte.

Aber es gab nicht nur die Geothermie: Am Walensee planten die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) zusammen mit den St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerken (SAK) in einem ehemaligen Steinbruch eine riesige Solaranlage. Doch seit Dezember 2016 ist das Projekt sistiert – wohl für immer: Es gebe derzeit keine Pläne, das Projekt am Walensee zu reaktivieren, gibt EKZ-Sprecher Noel Graber Auskunft.

Bund fördert dezentrale Energiegewinnung

Gibt es in der Ostschweiz nach dem Scheitern der Geothermie und dem Ende des Solarkraftwerks überhaupt noch grössere Projekte für erneuerbare Energien? Eine Umfrage zeigt, dass sich die Energieunternehmen damit schwer tun: Im Kanton Thurgau gebe es einzelne Vorhaben – sie befänden sich aber noch in einem sehr frühen Stadium, erklärt Thomas Volken von der Abteilung Energie im Departement für Inneres und Volkswirtschaft. Dabei geht es um Windenergie. Initianten sind Unternehmen ausserhalb des Kantons. Die EKZ haben in Thundorf ein Projekt angestossen. Die Windmessungen sind abgeschlossen, der Mast wurde zurückgebaut. Derzeit sei man daran, die Daten auszuwerten, erklärt der EKZ-Sprecher. Anschliessend werde die Machbarkeit untersucht. Für ein zweites Windprojekt im Raum Braunau/Wuppenau will die in Genf domizilierte Ennova die Voraussetzungen abklären.

Die EKT hat auf ihrer Homepage unter der Rubrik «Projekte und Kampagnen» zwar immer noch ein Kapitel über Geothermie aufgeschaltet. Auf Anfrage bestätigt die Energie Thurgau AG aber, dass das Erschliessen der Tiefenwärme «aktuell kein Thema» sei. Zu den grösseren Projekten zählt das Energieunternehmen den Neubau einer Biogasanlage in Herdern. Sie soll bis im Januar 2018 starten.

Und sonst? Ein Windprojekt gibt es auch im innerrhodischen Oberegg: Im März hat die Appenzeller Wind AG die Machbarkeitsstudie sowie den Bericht zur Umweltverträglichkeit dem Kanton übergeben und hofft auf eine Baubewilligung bis Ende Jahr. Geplant sind zwei Windräder mit einer Nabenhöhe von 135 Metern. Die Anlage könnte 12 Prozent des Stromverbrauchs von Appenzell Innerrhoden decken. Wie bei den beiden Windprojekten im Thurgau formierte sich allerdings auch in Oberegg Widerstand aus der Nachbarschaft.

Im Kanton St. Gallen gebe es aktuell kein Projekt in den Dimensionen des Geothermie-Kraftwerks, sagt Lorenz Neher, Leiter Energieförderung bei der Energieagentur St. Gallen. Die SAK setzen zwar ebenfalls auf Windenergie, der Standort der geplanten Anlage befindet sich aber in Glarus Nord. Braucht es für die Energiewende überhaupt Grossprojekte? Neher erinnert daran, dass mit dem Energiekonzept des Bundes vor allem auch die dezentrale Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen vorangetrieben werde. 2017 liegen die Förderbeiträge dafür deutlich höher als im letzten Jahr.