Interview
Energieexperte bei WWF Schweiz verortet den Kanton St.Gallen: «Die Heizungen sind der einfachste Hebel»

In einer Studie hat der WWF die Klimapolitik der Kantone im Gebäudebereich verglichen. Studienleiter Elmar Grosse Ruse verortet den Kanton St.Gallen.

Noemi Heule und Adrian Lemmenmeier
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Elmar Grosse Ruse ist Energieexperte bei WWF Schweiz.

Elmar Grosse Ruse ist Energieexperte bei WWF Schweiz.

Bild: PD

Im WWF-Rating schneidet kein Kanton so gut ab, dass er die Klimaziele von Paris erreichen würde. Was ist der wichtigste Hebel eines Kantons im Kampf gegen CO2?

Elmar Grosse Ruse: Das sind im Gebäudebereich definitiv die Heizungen, zwei Drittel sind in der Schweiz mit Öl und Gas befeuert. Deshalb hat der Kanton eigentlich einen einfachen und dankbaren Hebel, er muss aber dafür sorgen, dass er zügig von diesen schmutzigen CO2-Quellen wegkommt.

St.Gallen hat die Diskussion um eine Regelung für den Heizungsersatz vertagt. Was sind die Folgen?

Das ist gleich doppelt fatal: Einerseits werden munter weiter fossile Heizungen eingebaut. Manch einer handelt vielleicht gar – schlecht beraten – in Torschlusspanik und wechselt seine Heizung noch aus, bevor ein neues Gesetz greift. Andererseits ist das Signal verheerend; seit mehr als einem Jahr geht die Jugend auf die Strasse – und wird weiter vertröstet.

Welcher Kanton geht mit gutem Beispiel voran?

Der Kanton Basel Stadt setzt auf ein einfaches Prinzip: Die Hausbesitzer sind verpflichtet, erneuerbare Heizungen einzubauen – ausser es ist technisch nicht möglich oder die fossile Variante kommt nachweislich günstiger. Es ist ja auch im Interesse der Eigentümer, die günstigste Variante zu wählen. Dazu tragen natürlich auch Förderprogramme bei.

In der Anschaffung sind fossile Heizungen allerdings günstiger.

Die Anschaffungskosten können tatsächlich eine Hürde sein, meist aber eher eine psychologische. Über die zwanzigjährige Lebensdauer betrachtet sind Wärmepumpen, Holzpellet-Heizungen oder der Anschluss an ein Fernwärmenetz fast immer günstiger als die fossile Konkurrenz. Privathaushalte sind sich manchmal nicht gewohnt, derart langfristig zu rechnen, aber unterm Strich zahlt es sich aus.

Kann man den Stadtkanton Basel mit einem ländlichen Kanton wie St.Gallen vergleichen?

Der Hauptunterschied ist politisch; die Mehrheitsverhältnisse sind anders. Basel hat bei den Gebäuden aber sogar schwierigere Voraussetzungen; der Kanton hat ein gut ausgebautes Gasnetz, bislang noch ein regelrechter Goldesel für einen Kanton. Der politische Wille musste gross sein, diese Einnahmequelle zu Gunsten des Klimaschutzes zu schliessen. Allerdings hat Basel seit langem eine Lenkungsabgabe auf Energie. Dadurch stehen mehr Förderungsmittel zur Verfügung.

Was macht der Kanton St.Gallen gut in der Gebäudepolitik?

In St.Gallen stehen vergleichsweise viele Fördermittel zur Verfügung. Nicht nur im Budget, sondern auch tatsächlich gesprochene Gelder. Je höher dieser Betrag ist, desto eher werden auch jene angesprochen, die nicht ohnehin ökologisch vorbildlich handeln.

Was müsste St.Gallen konkret machen, um den CO2-Ausstoss zu verringern? Ist das Basler Modell der Weisheit letzter Schluss?

Es führt nicht nur ein Weg ans Ziel. Das Basler Modell funktioniert, weil es zu etwas verpflichtet, das ohnehin günstiger ist. Eine andere Möglichkeit ist es, CO2-Grenzwerte für Gebäude festzulegen. Sie müssten allerdings so tief sein, dass schnell keine fossilen Heizungen mehr gebaut werden können. Daran führt kein Weg mehr vorbei: Wir müssen von Öl und Gas wegkommen, um das Klima zu schützen.

Einen solchen Grenzwert sieht das nationale CO2-Gesetz vor. Werden die Kantone vom Bund übersteuert?

Faktisch wird das frühestens 2023 passieren. Gemäss Verfassung sind zwar die Kantone verantwortlich, den Energieverbrauch bei den Gebäuden zu senken. Weil sie dieser Verpflichtung nicht nachgekommen sind, muss nun der Bund seine übergeordnete Pflicht in Sachen Klimaschutz wahrnehmen.

Dann können sich die Kantone eigentlich zurücklehnen.

Das ist ein vorschneller Schluss. In den kantonalen Regelungen geht es ja nicht nur um Heizungen. CO2-Grenzwerte sagen nichts darüber aus, wie viel Energie ein Gebäude braucht. Es gibt in der Schweiz nicht genügend sauberen Strom oder Holzpellets, um alle schlecht isolierten Häuser zu heizen. Der Kanton kann für mehr Sanierungen und weniger Energieverbrauch sorgen.

Drastische Massnahmen sind in einem bürgerlich dominierten Parlament nicht mehrheitsfähig.

Bürgerliche Politiker argumentieren jeweils mit einem Angriff auf die Freiheit der Hauseigentümer. In anderen Bereichen schränken wir die Eigentumsfreiheit aber ganz selbstverständlich ein. Beispiel Strassenverkehr: Wenn mein Auto nicht durch die Fahrzeugprüfung kommt, dann muss ich es ausser Betrieb nehmen. Und beim Klimaschutz soll dies nicht möglich sein?

In Bern und Solothurn wurden die Energiegesetze vom Volk verworfen. Läuft man mit strengen Vorschriften nicht Gefahr, dass man an einem Referendum scheitert?

Es ist sicherlich eine Herausforderung, die Bevölkerung mitzunehmen, wenn ehrgeizige Massnahmen beschlossen werden. In Luzern wurde aber fast die gleiche Regelung wie in Solothurn an der Urne angenommen.

Die Mustervorschriften der Kantone sehen eine gesetzliche Lösung bis 2020 vor. Was passiert, wenn die Kantone im Verzug sind?

Gar nichts. Diese Vorschriften sind Empfehlungen, die zwar von allen 26 Energiedirektoren beschlossen wurden, trotzdem können diese ihren Regierungen und Parlamenten keine Vorschriften machen.