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«Keine Bewilligung, keine Arbeit, keine Zukunft»: Endstation Vilters – wie abgewiesene Asylbewerber zur Ausreise bewogen werden sollen

Am südlichen Ende des Kantons liegt seit Anfang Jahr die Endstation des St.Galler Asylwesens. Auf dem Sonnenberg in Vilters soll abgewiesenen Asylbewerbern die Perspektivlosigkeit ihrer Lage aufgezeigt werden.
Noemi Heule
Da geht's zum Ausgang: Die Bewohner von Vilters sollen zur Ausreise bewogen werden. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

Da geht's zum Ausgang: Die Bewohner von Vilters sollen zur Ausreise bewogen werden. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

Die Strasse windet sich den Berg hoch. 30 Minuten dauert der Marsch von Vilters Zentrum hinauf auf den Sonnenberg. Der Blick geht über das St.Galler Rheintal, das sich hier verengt und flussaufwärts zum Bündner Rheintal wird. In der Mitte zieht sich die A13 durchs Tal, Verbindungsachse von Nord und Süd.

Aussichtslos ist dagegen die Lage der 88 Bewohner aus fast genauso vielen Nationen auf dem Sonnenberg. «Keine Perspektive bieten», lautet das offizielle Credo des Ausreise- und Nothilfezentrums. Der Sonnenberg, abseits des Dorfes, das Dorf wiederum abgelegen am südlichen Kantonszipfel, ist die Endstation im St.Galler Asylwesen. «Illegal» lautet der Aufenthaltsstatus der Bewohner, die hier geduldet sind und deren Leben so unattraktiv wie möglich und so erträglich wie nötig sein soll. Es ist ein Ort der Widersprüche.

«Keine Bewilligung, keine Arbeit, keine Zukunft.»

So fasst Almat S. aus Äthiopien ihr Schicksal kurz zusammen. Die 33-Jährige, deren richtiger Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geheim bleiben soll, sitzt auf einem Kajütenbett im Familientrakt, um ihren Hals baumelt ein Kreuz aus Strasssteinen. Von der roten Bettwäsche lacht ein Disney-Auto. Sie weint. Sie sei traurig, sagt sie und zeigt mit einer Handbewegung um sich, als sei der Grund offensichtlich.

Ein Bett, drei Mahlzeiten, ärztliche Versorgung

Das Haus auf dem Sonnenberg war einst Kurhaus, dann Institut, zuletzt Asylheim und seit der Neuausrichtung des Asylwesens Anfang Jahr das einzige Ausreise- und Nothilfezentrum im Kanton. Während an drei Standorten – Amden, Oberbüren und Eggersriet – die Integration im Vordergrund steht, steht Vilters nicht für Ein-, sondern für Ausgliederung. Ein Ort für abgewiesene Asylbewerber, die ausgeschafft werden sollten, aber nicht konnten oder wollten. Weil die Herkunftsländer sie nicht zurücknehmen, weil ihre Identität unklar ist oder weil sie nicht kooperierten.

Spielende Kinder im Familientrakt.

Spielende Kinder im Familientrakt.

140 Betten fasst das Zentrum, 88 sind derzeit belegt. Die Zahl kann täglich ändern. Manche tauchen unter, andere wieder auf, nachdem sie in einem anderen Dublinstaat aufgegriffen wurden. Nothilfe ist alles, was sie im «Wegweisungsvollzug» erhalten: Ein Bett, drei Mahlzeiten, ärztliche Versorgung. Aber kein Geld, keine Beschäftigung, keine Beschulung, nur minimale Betreuung. Einzig die Kinder, derzeit sind zwei schulpflichtig, erhalten vor Ort Unterricht. Die Bewohner sollen dazu bewogen werden, von allein abzureisen. Aus purer Hoffnungslosigkeit.

Letzte Hoffnung Härtefall

Almat S. packt Kleider in einen Koffer. Nicht, weil sie abreisen möchte, sondern weil er ihre ganzen Habseligkeiten enthält. Nein, sagt sie und wischt brüsk die Tränen weg, hoffnungslos sei sie nicht. Denn:

«Wer die Hoffnung verliert, verliert alles.»

Im Moment heisst ihre Hoffnung: Härtefall.

Im November kündigte der Kanton eine einmalige Härtefallüberprüfung an. Von 200 abgewiesenen Asylbewerbern schrieb er 50 an. Erfüllen sie die Bedingungen – Deutschkenntnisse, keine Vorstrafen, Mindestaufenthalt von fünf Jahren, Aussicht auf Arbeit und ein gültiges Reisepapier – stellt das Migrationsamt beim Staatssekretariat für Migration einen Antrag auf Erteilung einer Härtefallbewilligung.

Eine vierköpfige Familie und wenige Einzelpersonen erhielten laut Amtsleiter Jürg Eberle bereits eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung. Eine Handvoll Gesuche sei beim Bund hängig. Andere Personen erfüllen die Anforderungen noch nicht, weshalb die Frist verlängert wurde.

Eine Schule in der Nähe

Das Gesuch von Almat S. liegt beim Bund, die Bedingungen sind erfüllt. Dennoch geht sie weiterhin zweimal die Woche nach St.Gallen zur Integra-Schule, um kostenlos Deutsch zu lernen. So wie viele andere. 30 Minuten marschieren sie die gewundene Strasse talabwärts nach Vilters, acht Minuten braucht der Bus nach Sargans, eine Stunde der Zug nach St.Gallen oder Wattwil, wo sich ebenfalls ein Schulstandort befindet. Das Zugbillett übernimmt das Solidaritätsnetz Ostschweiz, das auch die Integra-Schulen unterhält.

Offiziell erhalten die Bewohner keinen Unterricht. Viele besuchen stattdessen die Integra-Schule in St.Gallen.

Offiziell erhalten die Bewohner keinen Unterricht. Viele besuchen stattdessen die Integra-Schule in St.Gallen.

Rund 50 Bewohner reisen wöchentlich das Rheintal oder Toggenburg hoch und runter. Die Tickets sind der grösste Posten der Hilfsorganisation. Seit dem Umzug der Nothilfeempfänger nach Vilters seien die Kosten weiter gestiegen, sagt Geschäftsleiterin Barbara Weibel. Weil die Wege länger geworden sind und die Schule eine beliebte Abwechslung ist. Das Solidaritätsnetz plant deshalb einen Standort in der Nähe.

«Ich bin erstaunt, wie gut die Bewohner vernetzt sind.»

Das sagt Luan Skenderi, Leiter des Ausreisezentrums. Viele seien in Kontakt mit Hilfswerken, Schulen, Kirchen oder Privatpersonen. So entfliehen sie dem Alltag vor Ort, der laut Skenderi aus «schlafen, sitzen, vielleicht spazieren» besteht.

Bewohner schlagen im Aufenthaltsraum die Zeit tot.

Bewohner schlagen im Aufenthaltsraum die Zeit tot.

Tatsächlich sitzen viele Bewohner einfach herum. Im Aufenthaltsraum flimmert ein Fernseher rund um die Uhr. Es läuft «Gute Zeiten, schlechte Zeiten». Eine Frau schaut durch dunkle Sonnenbrillengläser auf den Bildschirm. Andere starren vor sich hin, jemand summt monoton zu Musik, die nur er unter dicken Kopfhörern hört. Die Bewohner benutzen aber ein anderes Verb, wenn sie von ihrem Alltag sprechen: warten. Die einen, wie Almat S., auf die Antwort auf ein Härtefallgesuch, andere auf den nächsten Schulbesuch. Wieder andere wissen nicht so recht, ­worauf.

Motten im Risotto bleiben nicht die einzige Kritik

Ein Wurm, eine Raupe, eine Mottenmade? Die Bewohner des Ausreise- und Nothilfezentrums Vilters wissen nicht so recht, was da aus dem Steinpilzrisotto lugt. Es ist eine Made, die auf einem Bild festgehalten ist, das im Esssaal aufgenommen wurde. Es kursiert im Heim und hat auch Hilfswerke erreicht. Andere Bilder zeigen Lebensmittel, deren Ablaufdatum überschritten ist. Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamtes, kennt die Kritik. «Es finden regelmässig Lebensmittelkontrollen statt», entgegnet er. Eine Made in einem Pilzmenu sei ein Einzelfall, der vorkommen könne, wenn Frischprodukte verarbeitet würden – wie eine Schnecke im Salat. Lebensmittel, die vom Produzenten irrtümlich mit einem falschen Ablaufdatum bedruckt, aber absolut einwandfrei seien, seien Spenden ans Zentrum und würden in der Küche verarbeitet. Weder für Bewohner noch für Mitarbeitende habe jemals die geringste Gefahr bestanden.

Dieses Bild, im Esssaal von Vilters aufgenommen, kursiert zwischen Bewohnern und Hilfswerken. (Bild: pd)

Dieses Bild, im Esssaal von Vilters aufgenommen, kursiert zwischen Bewohnern und Hilfswerken. (Bild: pd)

Die Kritik von Hilfswerken beschränkt sich nicht auf das Essen. Sie bemängeln auch die Abgeschiedenheit und die Durchmischung von Frauen, Familien und Männern, zumal Letztere teils betrunken seien oder unter Drogen stünden. Frauen und Familien seien in einem separaten Trakt untergebracht und verfügten über einen eigenen Rückzugsbereich, sagt Eberle. Sicherheitsdienst und Eingangskontrolle seien rund um die Uhr anwesend.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das Rayonverbot: Im Gegensatz zur Mehrheit der Kantone dürfen sich die Nothilfeempfänger in St.Gallen nur innerhalb der Kantonsgrenzen bewegen. Wurde jemand straffällig, schränkt sich der Radius weiter ein. Einige Bewohner dürfen deshalb das Gemeindegebiet von Vilters nicht verlassen. Dass die Einschränkung der Bewegungsfreiheit innerhalb des Kantons rechtens ist, hat laut Eberle kürzlich die zuständige Rechtsmittelinstanz entschieden.

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