«Emsiges Treiben, obwohl weniger Patienten da sind als sonst»: St.Galler Spitalangestellte über die Ruhe vor dem Sturm

Im Kanton St.Gallen werden aktuell 43 Covid-19-Patienten im Spital behandelt. Neun werden beatmet, zwei dieser Patienten kommen aus dem Elsass. Noch hat der Kanton St.Gallen Kapazitäten auf seinen Intensivstationen. 

Katharina Brenner
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Im Bereich Intensivstation hat der Kanton St.Gallen 114 Beatmungsplätze.

Im Bereich Intensivstation hat der Kanton St.Gallen 114 Beatmungsplätze.  

Bild: Keystone

Die St.Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz hat gestern die aktuellen Zahlen präsentiert: «Wir haben aktuell 394 bestätigte Covid-19-Fälle.» Das sei ein Bruchteil der tatsächlichen Zahl, da nicht alle Infizierten getestet werden. Tests werden vor allem bei Risikopatienten, schweren Verläufen und Gesundheitspersonal durchgeführt. 43 Covid-19-Patienten sind hospitalisiert, neun beatmet, zwei davon sind aus dem Elsass. Am Montag hat der Kanton St. Gallen zwei Männer, 54 und 67, aus dieser stark vom Coronavirus betroffenen Region aufgenommen. Sie werden auf der Intensivstation des Kantonsspitals behandelt.

Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann

Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann

Bild: Urs Bucher

«Solange der Platz da ist und wir aushelfen können, möchten wir Solidarität leben», sagt Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann. Darauf setzt auch der Thurgau. Der Kanton hat am Sonntag zwei Covid-19-Patienten aus dem Elsass in den Kantonsspitälern Münsterlingen und Frauenfeld aufgenommen. Diese Unterstützung schränke die Kapazität des Thurgauer Gesundheitswesens nicht nachhaltig ein, schreibt der Kanton in einer Mitteilung.

41 Coronapatienten aus Spital entlassen

Im Kanton St.Gallen sind bislang sieben Personen an Covid-19 gestorben. Es gebe auch gute Nachrichten, so Reinholz: «41 Patienten sind bereits wieder aus der Spitalpflege entlassen worden.» Auch Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann hat Positives zu berichten:

«Die Zahlen sind im Vergleich mit anderen Kantonen eher tiefer. Dafür sind wir sehr dankbar.»

Das zeige, dass die Massnahmen auch umgesetzt werden. Der Kanton Waadt zählt über 3000 Coronafälle, Genf und Tessin über 2000. Das Bundesamt für Gesundheit hat am Dienstag schweizweit 16176 Coronafälle erfasst. Der Kanton St.Gallen war bislang zurückhaltend mit Informationen bezüglich Hospitalisationen und Beatmungen, andere Kantone informieren täglich und detailliert. St.Gallen wolle ab Ende dieser Woche mehr Daten bekanntgeben, so Reinholz.


Gemäss Regierungspräsidentin Hanselmann stehen im Bereich Intensivstation 114 Beatmungsplätze zur Verfügung.

«Wir werden alles in Bewegung setzen, um gerüstet zu sein.»

Seit Dienstag sind die drei Konsultationszentren in Rapperswil-Jona, Sargans und St.Gallen geöffnet, seit Montag unterstützt die Armee mit zwei Sanitätsfahrzeugen und je drei Sanitätssoldaten die Rettung St.Gallen. Zehn Sanitätssoldaten sind in der Spitalregion Wil und Wattwil im Einsatz, in der Spitalregion Rheintal-Werdenberg Sarganserland befindet sich eine Eingangstriage der Armee im Aufbau.

Kantonsärztin Danuta Reinholz

Kantonsärztin Danuta Reinholz

Bild: Urs Bucher 

Über die Triage sagt Kantonsärztin Reinholz: «Sie gehört zum klinischen Alltag. Es geht darum, das Richtige für die Patienten zu tun.» Um diese Wege zu vereinheitlichen, brauche es Richtlinien. Diese würden in der Intensivmedizin bereits seit 2013 gelten. Sie seien nicht für die Krise entwickelt, sondern präzisiert worden. Reinholz betont die Bedeutung einer Patientenverfügung. Es sei wichtig, die Entscheidung des Patienten zu kennen – auch für die Angehörigen. Die Patientenverfügung sei deshalb für alle sinnvoll, mit oder ohne Coronavirus. Wie würde die Kantonsärztin die Lage an den St.Galler Spitälern beschreiben? «Die Ruhe vor dem Sturm.»

Dieses Bild zeichnen auch Spitalangestellte. Eine Pflegefachfrau beschreibt halb leere Stationen. Grossen Teilen des Personals sei freigegeben worden, damit sie keine Freitage einlösen müssten, wenn der Ansturm kommt. «Es fühlt sich sehr nach einem Ausnahmezustand an, obwohl wir derzeit nicht viel zu tun haben.» Die Fälle nehmen zwar zu, von einem Ansturm könne man aber noch nicht sprechen, so ein Arzt.

Der Nierenstein bleibt unbehandelt

«Es ist eine sonderbare Zeit, die von allen mehr abverlangt», sagt ein anderer Arzt. Alles geschehe mit Blick auf die Pandemie. Es herrsche emsiges Treiben, obwohl weniger Patienten da seien als sonst. Man bereite sich intensiv vor auf das, was kommen kann. «Wir wissen, dass sich ein gewisser Mangel an Medikamenten wie Antibiotika oder Schmerzmittel einstellen kann.» Daher werde verschoben, was verschoben werden kann. Prostatabeschwerden oder Nierensteine werden derzeit nicht mittels Operation behandelt. Wie kommen die Patienten damit zurecht, fragt sich der Arzt?

Dann sagt er: «Sehe ich meine Kolleginnen und Kollegen in Pflege, Ärzteschaft, im Labor, am Empfang oder in der Reinigungsequipe – ich fühle mich sicher und bin zuversichtlich.»

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