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EMIGRATION: St.Galler flüchteten nach Amerika

Das Linthgebiet gehörte im 19. Jahrhundert zu den Regionen mit der höchsten Auswanderung. Die Emigration geschah aus Armut und Ausweglosigkeit, aber auch aus Abenteuerlust, wie das Beispiel des späteren Rapperswiler Stadtpräsidenten Xaver Suter zeigt.
Marcel Elsener
Xaver Suters Geschäft in Marine (Ilinois), er mit Bart und Hut vor dem Eingang (nach links gewandt), Fotografie um 1868.

Xaver Suters Geschäft in Marine (Ilinois), er mit Bart und Hut vor dem Eingang (nach links gewandt), Fotografie um 1868.

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Elf Wochen dauert die Reise, und längst nicht alle 300 Passagiere auf dem Segler «Charlemagne», darunter 30 aus der Schweiz, werden die Fahrt über den Atlantik überleben. «Mein Tagebuch gleicht bald einem Leichenanzeiger», notiert Xaver Suter am 7. April 1849, «denn schon muss es wieder den Tod zweier Personen melden». Ein Franzose, der am Vortag «noch ganz munter Damenbrett spielte», erlag in der Nacht «fürchterlichen Krämpfen» im Leib, vermutlich Cholera. Nebst diesem schaurigen Leichnam, «ganz blau und schwarz», werde eine Frau «mit ähnlicher Todesursache ins Meer geworfen, ihnen folgt auch ihr Bettzeug nach». Ausserdem ringen auf dem Verdeck zwei Kinder mit dem Tod: «Sie werden wahrscheinlich auf den Abend auch im kühlen Grunde schlafen.» Allein die Cholera wird bis zum Ende der Reise 21 Opfer fordern.

Vier Wochen später ein anderes Erlebnis der Todesgefahr: Das Schiff passiert einen herrenlos treibenden Dreimaster mit gebrochenen Masten, keine Seele an Bord, man hoffe nur, dass alle Personen gerettet wurden. Freilich erzählt Suter auch viel Freudiges, vom gemeinsamen Kochen, Spielen, Musizieren, von prächtigen Winden und Weiten, von Begegnungen mit Walen und fliegenden Fischen, neuen Freund- und Liebschaften und sogar einer Geburt, «als kleiner Ersatz für die vielen Toten».

Authentischer Bericht einer strapaziösen Auswanderung

Die ersten Amerikaner, die er trifft, sind zwei Vögel, die ermüdet aufs Deck fallen, «sie sprechen aber, namentlich der Nachtkauz, ein schlechtes Englisch». Der «erhabene Anblick» der Mississippi-Mündung «entschädigt für hundert Mühseligkeiten der Reise»; auf der Fahrt nach New Orleans bewundert er Zucker- und Baumwollplantagen, auf denen allerdings nur Sklaven arbeiten, «50, 60zig und noch mehr deren; die armen schwarzen Teufel dauern mich». Amerika ist auch sonst nicht nur paradiesisch: «Im Zwischendeck haben wir schlechte Gesellschaft, schmutzige Irrländer; americanisierte Deutsche, deren Beruf Betrügerey ist, sind unsere Bettnachbarn». Obwohl Suter aus vermögendem Haus in St. Gallenkappel stammt, sein Vater ist Gemeindeammann, Bezirksrichter und Kantonsrat, befindet er sich mit 25 Jahren in einer misslichen finanziellen Lage und reist wie alle ärmeren Auswanderer im Zwischendeck mit Doppelstockbetten. Die Strapazen lohnen sich, er wird dank eines St. Galler Freundes sein Glück bei St. Louis finden; der Kaufmann Arnold Rietmann, 1848 mit Frau, vier Kindern und Dienstmagd ausgewandert, betreibt in der Schweizer Kolonie Highland eine Farm. Suter eröffnet mit einem anderen St. Galler im Nachbardorf Marine einen Laden für Haushalts- und Landwirtschaftsartikel («Variety Store»). Das Geschäft floriert, Suter lebt so gut, dass ihm 1856 seine beiden Brüder folgen. Nach fünf Jahren auch rechtlich zum Amerikaner geworden, etabliert er sich als populärer Bürger – er gründet einen Männerchor («Frohsinn»), doziert im Bibliotheksverein, wirkt im Komitee des «Amerikanischen Schützenbundes» und wird gar in die Bezirksregierung gewählt.

Xaver Suter (1824-1907) um 1848 in Rapperswil, kurz vor seiner Auswanderung.

Xaver Suter (1824-1907) um 1848 in Rapperswil, kurz vor seiner Auswanderung.

Nach 20 Jahren kehrt er als wohlhabender Mann nach Rapperswil zurück und macht Politkarriere bis zum Kantonsrat; zuletzt ist er 18 Jahre Stadtpräsident und verantwortet etwa den Bau des Seedamms. Kein typischer Amerika-Emigrant, gibt Suter nun Anlass für eine Ausstellung und ein schönes Begleitbuch. Der Grund ist sein authentischer Reisebericht, verfasst in kleinster Schrift auf 17 Seiten hauchdünnen Papiers, der sich im Nachlass im Stadtarchiv Rapperswil findet. Ein einzigartiges Zeugnis und allgemeingültiger Bericht über die damalige Emigration, wie der Historiker und Museumsleiter Mark Wüst feststellt.

Massenexodus armer Leute vor allem aus dem Gasterland

Die Mehrheit der Auswanderer war nicht so privilegiert, von ihnen gibt es keine Berichte. Sie emigrierten aufgrund von Armut und Ausweglosigkeit. Strukturelle Probleme und eine Ernährungskrise (nasskalte Perioden, Kartoffelpest) führten zwischen 1845 und 1850 vor allem im Osten der Schweiz zu einer Auswanderungswelle. Nebst Glarner und Bündner Gebieten gehörte das Gasterland zu den Regionen mit der höchsten Emigrationsrate; im Kanton St. Gallen folgten die Bezirke Sargans und Werdenberg. Oft benötigten die Auswanderer, meist Taglöhner und Handwerker, die Unterstützung der Ortsgemeinden, die fürs Armenwesen zuständig waren. Unter Wüsts Beispielen eine Gruppe aus Schänis: «Von den 93 Personen war mehr als die Hälfte so arm, dass sie nicht einmal über das Notwendigste für die Reise verfügten. Die Gemeinde finanzierte ihnen Kleider, Schuhe und Kisten, worin sie ihre Habseligkeiten verpacken konnten.» Dies passierte nicht nur aus Nächstenliebe, sondern auch mit dem Gedanken, arme oder unliebsame Personen abschieben zu können – eine Frage, die in der Presse heftig diskutiert wurde.

Reisegesellschaft für zwei Monate: Zwischendeck eines typischen Auswandererschiffes, Druckgrafik von 1849.

Reisegesellschaft für zwei Monate: Zwischendeck eines typischen Auswandererschiffes, Druckgrafik von 1849.

Manche erleiden schon auf dem Landweg nach Le Havre Rückschläge: Emigrationsagenten agierten offiziell, aber ähnlich skrupellos wie heutige Schlepper. Berührend der Bericht der Witwe Magdalena Albrecht aus Weesen, die gegen alle Widerstände allein mit sechs Kindern auswanderte. Weil sie in einem Brief an die St. Galler Regierung ihre Lebensumstände schilderte, ist es das seltene Zeugnis einer weiblichen Auswandererbiografie. Wie viele Gasterländer hatte sie auch in Amerika ein hartes Leben – und längst nicht so viel Glück wie der Rapperswiler Xaver Suter.

Hinweis

Ausstellung im Stadtmuseum Rapperswil bis 24. Juni. Mark Wüsts Begleitbuch erhältlich im Stadtmuseum, beim Chronos-Verlag und im Buchhandel.

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