EM 2016: Der grosse Run bleibt aus

Pizzalieferdienste und Getränkelieferanten haben wegen der Fussball-EM einen goldenen Juni - könnte man vermuten. Doch die Realität sieht anders aus. Schuld ist das Wetter.

Daniel Walt/Jolanda Riedener
Merken
Drucken
Teilen
Unter der Woche werden während der Fussball-Europameisterschaft mehr Pizzen ausgeliefert. (Bild: fotolia)

Unter der Woche werden während der Fussball-Europameisterschaft mehr Pizzen ausgeliefert. (Bild: fotolia)

600 Liter Bier konnte Pius Hollenstein, Geschäftsführer des St.Galler Getränkehandels Wiederkehr, kürzlich an ein Public Viewing in der Stadt liefern. Es war der grösste Auftrag, den die Firma bisher im Zusammenhang mit der Fussball-EM an Land ziehen konnte. „Wir spüren sicher, dass wir etwas mehr Arbeit haben“, sagt Hollenstein. Der ganz grosse Run sei vorerst aber ausgeblieben.

Kein zusätzliches Personal
Getränke Wiederkehr liefert insbesondere an kleinere Public Viewings. Bedient werden auch Fussballfans, die sich Spiele zusammen anschauen und dafür Flüssiges in genügender Menge bestellen. „Gefragt ist ganz klar Bier – und zwar Schweizer Bier. Es wird nicht einfach das Billigste vom Billigen bestellt“, sagt Pius Hollenstein. Das EM-Geschäft bewältigt Wiederkehr-Getränke mit dem angestammten Personal. Zusätzliche Leute anzustellen wäre auch nicht nötig gewesen, denn: Trotz des Grossanlasses in Frankreich wird die Firma die Juni-Vorjahreszahlen möglicherweise nicht erreichen. Der Geschäftsführer selbst kommt im Übrigen höchstens am Abend dazu, sich die EM-Partien anzusehen. „Und zwar im Bett – ohne etwas dazu zu trinken“, lacht er.

„Fussball schauen statt kochen“
Die Pizzeria Castello in Amriswil liefert während der EM rund 20 bis 25 Prozent mehr Pizzas, Kebabs, Pouletschnitzel oder Salate aus als normal. Die Mehraufträge fallen vor allem unter der Woche an. „Die Leute kommen von der Arbeit heim und wollen Fussball schauen, anstatt zu kochen“, hält Zoran Schwizer im Auftrag des Inhabers fest. So bestellt beispielsweise jeweils eine Fussballrunde acht Pizzas gleichzeitig beim Amriswiler Lokal. Erstaunlich findet Schwizer die Beobachtung, dass zu den Esswaren häufig Süssgetränke und nicht etwa Bier geordert werden. „Im Gleis-1-Bistro in Weinfelden, das um einiges grösser ist, stelle ich dasselbe Phänomen fest“, sagt Schwizer. Er macht bei den Jungen generell einen Trend weg vom Alkohol hin zu Energy-Drinks und Süssgetränken aus. Im Übrigen rechnet Schwizer wegen des regnerischen Junis auch für die Amriswiler Pizzeria mit einem Nullsummenspiel: „Bei schlechtem Wetter bleiben die Leute am Abend daheim, anstatt auswärts essen zu gehen“, sagt er.

Wetter entscheidet Bierkonsum
Auf älteste Brauerei der Schweiz, die St.Galler Brauerei Schützengarten, wirkt sich die EM positiv aus. „Der Umsatz steigt in einem EM-Jahr um rund ein Prozent“, sagt Reto Preisig, CEO der Brauerei Schützengarten. Das Wetter allerdings sei der Faktor, der beim Bierkonsum ins Gewicht falle. „Der schlechte Juni hatte einen grösseren Einfluss aufs Geschäft als die EM“, sagt Preisig. Verkaufsstarke Tage seien vor allem Montag und Dienstag. Dann lassen die Restaurants ihre Vorräte nach dem Wochenende wieder auffüllen. Im Sommer muss die Brauerei grundsätzlich mehr Personal bereitstellen: „Während den Sommermonaten haben wir 30 bis 40 Prozent mehr logistische Mitarbeiter im Einsatz als im Winter“, sagt Preisig.