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«Es ist ein Genuss, hier zu sein»: Jahrzehntelang war Max Niedermann nicht mehr am Fählensee – umso mehr freut er sich über den Tag in der schönen Alpstein-Welt. (Bilder: Ralph Ribi)

«Es ist ein Genuss, hier zu sein»: Jahrzehntelang war Max Niedermann nicht mehr am Fählensee – umso mehr freut er sich über den Tag in der schönen Alpstein-Welt. (Bilder: Ralph Ribi)

«Einmal ist es vorbei»: Ein Rucksack voller Erinnerungen – mit dem 91-jährigen Bergsteiger Max Niedermann zurück im Alpstein

Jahrzehntelang war Klettern das grosse Hobby des Oberbürers Max Niedermann. Seine ersten Touren hat er als junger Mann im Alpstein unternommen. Mittlerweile sind Niedermanns Wege kürzer geworden. Bei einem Besuch am Fählensee blickt er mit Wehmut, aber auch Dankbarkeit auf sein Leben zurück.
Daniel Walt

Es ist eine Reise zurück in seine eigene Vergangenheit.

«Lange, sehr lange bin ich nicht mehr hier gewesen – 25, vielleicht sogar 30 Jahre.»

Das sagt Max Niedermann, 91 Jahre alt, in Oberbüren aufgewachsen und mittlerweile in Hagenbuch im Kanton Zürich, gleich an der Grenze zum Kanton Thurgau, wohnhaft. Mit einem Schuss Wehmut bewundert er die Alpsteinkette, der wir uns nähern. Ab und an duckt sich der Senior auf dem Mitfahrersitz und verrenkt leicht den Kopf, um aus dem Autofenster hinaus einen Blick auf die Berge erhaschen zu können.

Vom Parkplatz der Alp-Sigel-Bahn in Brülisau aus fährt uns der Bollenwees-Wirt mit seinem geländegängigen Fahrzeug über ebenso schmale wie steile Wege hoch zum Bergrestaurant. Beim Anblick der Kreuzberge sagt Max Niedermann, nachdenklich und dankbar zugleich: «Es ist ein Genuss, hier zu sein.»

«Ein Genuss»: Beim Anblick des Alpsteins schwelgt Max Niedermann in Erinnerungen. (Bild: Ralph Ribi)«Ein Genuss»: Beim Anblick des Alpsteins schwelgt Max Niedermann in Erinnerungen. (Bild: Ralph Ribi)
Bergsteigen war sein Leben: Max Niedermann vor dem Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)Bergsteigen war sein Leben: Max Niedermann vor dem Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)
Idyllisch gelegen: der Fählensee. (Bild: Ralph Ribi)Idyllisch gelegen: der Fählensee. (Bild: Ralph Ribi)
Die ersten Touren führten Max Niedermann in den Alpstein – er kennt das Gebiet wie seine Westentasche. (Bild: Ralph Ribi)Die ersten Touren führten Max Niedermann in den Alpstein – er kennt das Gebiet wie seine Westentasche. (Bild: Ralph Ribi)
Zwischen Brülisau und der Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)Zwischen Brülisau und der Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)
Max Niedermann hat zahlreiche Erstbesteigungen gemacht – auch im Alpstein-Gebiet. (Bild: Ralph Ribi)Max Niedermann hat zahlreiche Erstbesteigungen gemacht – auch im Alpstein-Gebiet. (Bild: Ralph Ribi)
Anziehungspunkt für viele Wanderer und Bergsteiger: das Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)Anziehungspunkt für viele Wanderer und Bergsteiger: das Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)
Von der Bollenwees aus sind verschiedenste Routen möglich. (Bild: Ralph Ribi)Von der Bollenwees aus sind verschiedenste Routen möglich. (Bild: Ralph Ribi)
Artikel in Bergsteiger-Zeitschriften erzählen von den Touren Max Niedermanns. (Bild: Ralph Ribi)Artikel in Bergsteiger-Zeitschriften erzählen von den Touren Max Niedermanns. (Bild: Ralph Ribi)
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Bergsteiger Max Niedermann

Lob von Reinhold Messner

Max Niedermann – der Name ist in Bergsteigerkreisen wohlbekannt. Noch in der Kindheit hatte allerdings wenig darauf hingedeutet, dass aus dem Buben dereinst ein renommierter Alpinist werden sollte. Die Eltern waren keine Berggänger und Niedermann bereits 19, als ihm ein Kollege von einem Besuch auf dem Säntis vorschwärmte. Aufgrund dieser Schilderungen erwachte Niedermanns Interesse an der Bergwelt – umso mehr, als er von seinem Zimmer in Oberbüren aus jede Nacht das Licht des Ostschweizer Hausbergs sah. Es zog ihn magisch an.

Es folgten erste Touren mit den Zielen Säntis, Lisengrat und – barfuss, die genagelten Schuhe an den Bändeln um den Hals gehängt – Altmann. Bereits mit 25 gelangen ihm zwei Erstbesteigungen – einmal am Altmann, einmal am 1. Kreuzberg. Es sollten gegen 40 weitere folgen: im Alpstein, in den Berner und Urner Alpen, im Wäggital.

Artikel in alpinen Zeitschriften legen Zeugnis davon ab, dass die Leistungen des Oberbürers in Fachkreisen auch Jahrzehnte später auf Bewunderung stossen. «Überall steht der Name Max Niedermann für logische Linienführungen, höchste Schwierigkeiten in freier und technischer Kletterei und viel Genuss», heisst es in einem Artikel. In einem anderen steht über den Ostschweizer zu lesen: «Ein Bergsteiger wie tausend andere auch? Nein, wirklich nicht.»

Sogar Bergsteiger-Legenden wie Reinhold Messner bewundern Max Niedermann. So erhielt der Ostschweizer vor zwei Jahren die Anfrage, ob er auf einer Ehrentafel in Messners Museum in Bozen neben anderen Bergsteigergrössen erwähnt werden dürfe – «in Anbetracht dessen, welche Leistungen Sie besonders für die Welt des Alpinismus erbracht haben», wie es im entsprechenden Schreiben hiess.

Von einem Freund weiss der Oberbürer, dass sein Name mittlerweile tatsächlich auf der Tafel prangt – an viertunterster Stelle:

(Bild: pd)

(Bild: pd)

Mit eigenen Augen gesehen hat Max Niedermann das Schild noch nie – zu seinem Bedauern, wie er sagt.

Es war auch viel Glück nötig

Es ist Max Niedermann anzumerken: Der Kletterveteran freut sich über die Anerkennung, die ihm für seine Leistungen selbst im hohen Alter zuteil wird. Im Gespräch lässt er aber keinen Zweifel daran, was für ihn in seiner Bergsteiger-Karriere stets das Wichtigste war:

«Bei meinen Erstbegehungen ist keiner der 22 Seilkameraden verunfallt, die mich begleitet haben.»

Nicht nur die Sicherheit seiner Kollegen lag Max Niedermann am Herzen, sondern auch seine eigene – insbesondere ab jenem Moment, in dem er zum ersten Mal Vater wurde. Früher wurden die Sicherheitshaken noch von Hand in den Fels geschlagen und nicht gebohrt. Umso wichtiger war es, einen guten Tritt zu haben – «jeder Sturz hätte der letzte sein können.»

Max Niedermann am dritten Kreuzberg, aufgenommen im Jahr 1954. (Bild: pd)

Max Niedermann am dritten Kreuzberg, aufgenommen im Jahr 1954. (Bild: pd)

Aber natürlich sei am Berg neben Vorsicht immer auch eine Portion Glück notwendig, sagt Max Niedermann. Er erwähnt Wetterumstürze und Touren, die er gerade noch rechtzeitig abbrechen konnte. Oder einen Vorfall aus dem Jahr 1953: Eine Seilschaft löste oberhalb von Max Niedermann einen Steinschlag aus. Der Ostschweizer erlitt einen Schädelbruch, kam aber mit dem Leben davon.

Glimpflich ging 1957 auch ein Versuch aus, der Reihe nach Eiger, Mönch und Jungfrau zu besteigen. Am Mönch schlug das Wetter um, es gab Nebel, Schneetreiben und starken Wind mit Geschwindigkeiten von 150 km/h. Niedermann musste zurück zum Eiger-Westgrat, aufgrund des miserablen Wetters während rund 50 Stunden in einem Schneeloch biwakieren – und beim Abstieg sogar noch absichtlich eine Lawine auslösen, um sicher vom Berg zu gelangen.

Klettern – die schönste Nebensache der Welt

Max Niedermann legte die Prioritäten in seinem Leben klar auf den Beruf als Betriebsleiter in einer Maschinenfabrik – «hier kam das Geld rein», sagt der zweifache Familienvater. Etwas weh tat es ihm freilich, dass er wegen seines Jobs einmal ein Angebot ablehnen musste, als technischer Berater für eine Expedition im Himalaja zu wirken.

Dafür nutzte Niedermann, unterstützt von seiner Frau und oft begleitet von den Kindern, in seiner Freizeit und in den Ferien jede Gelegenheit für Wander-, Berg- und Klettertouren – die schönste Nebensache der Welt, wie er sagt. Abschalten und in der Natur sein, sich aber gleichzeitig immer von neuem herausfordern, den Kick verspüren: Diese Mischung ist es, die Max Niedermann am Bergsteigen fasziniert. Ferien am Meer hingegen wären seine Sache nicht gewesen: «Spätestens nach einem halben Tag am Strand wäre es mir langweilig geworden», lacht er.

Im Lauf der Jahre führten ihn seine Touren immer seltener in den Alpstein, sondern in andere Gebirge in der Schweiz, Österreich oder Deutschland. Der Grund:

«Ich hatte im Alpstein bald einmal alle herausfordernden Kletterrouten gemacht. Den Kick findet man hier rasch nicht mehr.»

Unvergessen bleibt Max Niedermann ein Ausflug nach Österreich. Er und sein Kollege hatten ein Dreitages-Visum erhalten, um klettern zu gehen. Sie blieben dann allerdings eine ganze Woche. Und kamen schliesslich, um keine Probleme mit den Zöllnern zu bekommen, über die grüne Grenze im Kanton Graubünden wieder zurück in die Schweiz, wie Max Niedermann schmunzelnd erzählt.

Was das Bergsteigen entwertet

Wir laufen mit Max Niedermann vom Bergrestaurant Bollenwees hinunter zum Fählensee. Der 91-Jährige muss sich zwar auf einen Stock abstützen – sein Tritt ist aber bestechend sicher, jener des geübten Berggängers halt. Die Frage, ob er zwischendurch eine Pause einlegen wolle, beantwortet der Senior mit einem klaren «Nei, nöd nötig».

Wer dem Fählensee entlanggeht und das wunderbare Panorama geniesst, versteht, weshalb Max Niedermann nichts von Kletterhallen hält, die überall aus dem Boden geschossen sind. «Das ist schön und gut – aber man ist nicht draussen in der Natur», sagt er.

Und was hält er vom Bergsteigen als Massenphänomen? Dieses Bild des Ansturms auf den Mount Everest ging kürzlich um die Welt:

(Bild: Keystone)

(Bild: Keystone)

Niedermann äussert sich zurückhaltend, verurteilen will er niemanden. Der 91-Jährige sagt, durch die vielen Menschen, die aufs Dach der Welt wollten, komme wenigstens Geld in ein armes Land wie Nepal. Er lässt schliesslich aber doch ein gewisses Bedauern darüber durchblicken, dass es heutzutage praktisch jeder auf den Everest schaffe, sofern er genügend Kondition und das nötige Kleingeld habe. In Niedermanns Augen entwertet diese Entwicklung die immense Leistung, die eigentlich hinter der Besteigung des höchsten Bergs der Welt steckt. Genauso bedauert Niedermann, dass die Klettergebiete hierzulande teils übererschlossen und mit Bohrhaken zugepflastert sind.

«Einmal ist es vorbei»

Wenn Max Niedermann in Bergsteiger-Zeitschriften blättert, entdeckt er in praktisch jedem Heft Bilder von Wänden, die er durchstiegen hat. «Dann kommt schon etwas Wehmut auf», sagt der Oberbürer. Wehmut darüber, dass ihm das Klettern, wie er es jahrzehntelang praktiziert und geliebt hat, nicht mehr möglich ist. Und darüber, dass mittlerweile sogar der Alpstein eine halbe Weltreise für ihn entfernt liegt. Eine schmerzhafte Arthrose hat Max Niedermanns Bewegungsradius eingeschränkt. Seine letzte grosse Tour datiert von 2017, die Wege sind kürzer geworden.

«Ich vermisse das Bergsteigen natürlich. Doch damit muss man sich einfach abfinden. Einmal ist es vorbei – das ist der Lauf des Lebens.»

Was bei Max Niedermann aber überwiegt, sind Dankbarkeit und Glücksgefühle ob allem, was er in seinen geliebten Bergen erleben durfte.

«Es war ein Genuss», sagt Max Niedermann, als uns die Bollenwees-Wirtin über enge, steile Strassen an den Kreuzbergen vorbei wieder in Richtung Brülisau fährt.

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