Einheitskasse stoppt Wettbewerb

Stark steigende Krankenkassenprämien haben in der Ostschweiz den Ruf nach einer Einheitskasse provoziert. Ökonom Bernd Schips untersucht seit Jahren, wie die Kosten in den Griff zu bekommen wären. Er setzt auf mehr Wettbewerb.

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Ökonomieprofessor Bernd Schips: «Die Wechselmöglichkeit gehört zum Wettbewerb.» (Bild: Markus Löliger)

Ökonomieprofessor Bernd Schips: «Die Wechselmöglichkeit gehört zum Wettbewerb.» (Bild: Markus Löliger)

Herr Schips, Sie haben vor drei Jahren die Einheitskasse als einen der möglichen Ansätze bezeichnet, die Krankenkosten in den Griff zu bekommen.

Bernd Schips: Die mit dem Krankenversicherungsgesetz (KVG) angestrebte Reform des Gesundheitswesens wollte so viele Vorschriften wie nötig und so viel Freiheit wie möglich. Das heisst, man wollte bewusst den Wettbewerb.

Mit dem Obligatorium, den Pauschalprämien und der Prämienverbilligung sollten die Probleme des früheren Krankenversicherungssystems gelöst werden. Gleichzeitig hat man für die Grundversicherung die Freizügigkeit garantiert, damit alle Kunden die Kasse wechseln können.

Wenn man die Prämienentwicklung betrachtet, wird man den Verdacht nicht los, dass der Wettbewerb versagt.

Schips: Die Politik hat seither zu wenig für den Wettbewerb getan.

Sie verordnete zwar einen Zulassungsstop für Ärzte, sie hat sich aber nicht zur Vertragsfreiheit durchringen können. Die Versicherten nutzten die Prämienunterschiede zu wenig, um die Kasse zu wechseln. Die Ausgestaltung der Prämienverbilligung hat die «Wechselfreude» gebremst. Die Prämienverbilligung hat bei den Versicherten die gleiche Wirkung wie der Risikoausgleich bei den Versicherern: Beides nimmt den Druck weg und verhindert dadurch den Wettbewerb.

Sie setzen auf den Kassenwechsel, der aber viel Geld verschlingt.

Schips: Der Wechsel kostet nur sehr wenig. Die Wechselmöglichkeit gehört aber unabdingbar zum Wettbewerb. Auch der Vorwurf, die Krankenversicherer wollten nur die guten Risiken – also junge Männer –, ist falsch. Noch nie hatte eine Klage wegen der Nichtaufnahme eines Versicherten auch Erfolg.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Kantone in diesem Wettbewerb, die sich zum Teil stark machen für die Einheitskasse?

Schips: Das Problem bei den Kantonen ist, dass sie mehrere Rollen im Gesundheitswesen spielen, die sich beissen: Sie sind Anbieter von Spitalleistungen, Mitfinanzierer und politische Entscheidinstanz. Diese Konstellation behindert den Wettbewerb.

Warum sind es vor allem die Ostschweizer Kantone, die sich für die Einheitskasse stark machen?

Schips: Das hat mich überrascht. Ich habe das Gefühl, die Motivation sei ein bisschen populistisch: Die Befürworter der Einheitskasse haben sich auf die Verwaltungskosten der Krankenkassen eingeschossen, die etwa bei fünf Prozent liegen. Das ist gar kein schlechter Wert angesichts des Aufwandes. Im besten Fall könnten ein bis zwei Prozent eingespart werden.

Das ist sehr wenig, angesichts der Abgeltungskosten, die bei Errichtung einer Einheitskasse an die bestehenden Krankenversicherer bezahlt werden müssten. Das eigentliche Problem sind doch die restlichen 95 Prozent der Ausgaben.

Unter welchen Umständen wäre die Einheitskasse eine Lösung?

Schips: Sie ist nur dann eine Lösung, wenn man keinen Wettbewerb will.

Die Suva zeigt aber, was das heissen würde: Sie hat höhere Verwaltungskosten als die Krankenversicherer, weil der Wettbewerb fehlt.

Was bringt denn der Wettbewerb in erster Linie?

Schips: Die Grundfrage heisst: Werden die Leistungen im Gesundheitswesen so effizient wie möglich erbracht? Ich bezweifle das. Wir haben mehr Betten, längere Verweildauern in den Spitälern im Vergleich mit dem Ausland.

Was wären denn Instrumente, die zu mehr gesundem Wettbewerb führten?

Schips: Im Vordergrund steht die Durchsetzung der Vertragsfreiheit gegenüber den Leistungserbringern, also Ärzten und Spitälern und so weiter, sowie gegenüber den Versicherten. Die Vertragsfreiheit bringt Druck auf die Ärzte, führt vermehrt zu den rentableren Gemeinschaftspraxen und zu mehr unternehmerischer Freiheit und Verantwortung der Praxisärzte. Da kommt ein grosses Aber: Das ausgeklügelte Tarifsystem (Tarmed) ist bequemer.

Ein grosser Bremsklotz sind zudem das Anspruchsdenken der Versicherten und die zu geringe Einkaufsmacht der Krankenkassen. Gleichzeitig sollte der Risikoausgleich abgeschafft werden, um den Wechsel zu fördern und Krankenkassen zu mehr Kosteneffizienz zu zwingen.

Sie setzen stark auf die Krankenversicherer.

Schips: Die Politik verheddert sich in Detailfragen und scheut die grossen Entscheidungen, und der einzelne Prämienzahler hat keine Macht. Also bleiben nur die Krankenversicherer.

Aber vielleicht packt Bundesrat Didier Burkhalter seine Chance, macht eine Auslegeordnung, richtet seine Botschaft ans Volk und ans Parlament und verlangt, dass sich die Politik entscheidet: Wettbewerb ja oder nein.

Interview: Markus Löliger

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