Eingewandert: Stinkkäfer liebt junge Früchte

Die Marmorierte Baumwanze wird auch Chinesischer Stinkkäfer genannt. Das kleine, graugelb-braune Tier breitet sich auch in der Ostschweiz aus. Es kann landwirtschaftliche Kulturen schädigen und dringt in Wohnungen ein.

Carlo Schuler
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Wurde vermutlich beim Bau des Chinesischen Gartens in Zürich in die Schweiz eingeschleppt: Halyomorpha halys. (Bild: Mario Saccoman/Alamy)

Wurde vermutlich beim Bau des Chinesischen Gartens in Zürich in die Schweiz eingeschleppt: Halyomorpha halys. (Bild: Mario Saccoman/Alamy)

Er mag Licht, Wärme, obere Stockwerke, städtische Wohnungen und offene Fenster. Und er mag es gar nicht, wenn man ihm zu nahe kommt oder ihn gar zertrampelt. Dann beginnt er zu stinken. Die Rede ist vom Chinesischen Stinkkäfer, der Marmorierten Baumwanze. Seit ihrer Ankunft in der Schweiz vor rund 15 Jahren hat sich diese eingeschleppte Käferart rasant verbreitet. Besonders wohl zu fühlen scheint sie sich derzeit in den Grossräumen Basel und Zürich. Klar ist aber auch: Mittlerweile ist die kleine Wanze definitiv auch in der Ostschweiz angekommen.

«Diese neue Wanzenart kommt auch in unserem Kanton bereits vor», sagt Urs Müller, Leiter Obst, Gemüse und Beeren im Thurgauischen Bildungszentrum Salenstein. Bisher sei deren Verbreitung allerdings auf warme Standorte und Siedlungsgebiete beschränkt: «Funde in geringem Ausmass liegen aus verschiedenen Orten im Kanton Thurgau vor. Ein Monitoring hat gezeigt, dass neben dieser Art die Rotbeinige Baumwanze wesentlich stärker und bereits überall vertreten ist.» Besonders häufig scheint dieses Tierchen in der Gegend von Arbon und Neukirch-Egnach vorzukommen. Schäden durch Wanzen seien in den Obstkulturen insbesondere bei den Birnen festgestellt worden. Die Untersuchungen würden aber zeigen, dass diese Schäden mehrheitlich durch die Rotbeinige Baumwanze verursacht worden seien. «Wir gehen aber davon aus, dass sich die Marmorierte Baumwanze weiter ausbreiten wird und damit auch die Schäden zunehmen.»

Im ganzen Talgebiet des Kantons St.Gallen verbreitet

«Wir haben in diesem Jahr ein Monitoring gestartet. Demnach kommt die Marmorierte Baumwanze nun auch im Kanton St.Gallen vor», erklärt Nina Thomas von der kantonalen Fachstelle Pflanzenschutz. Die entsprechenden Fallen seien im obstbaulich genutzten Teil des Kantons aufgehängt worden, also im Linthgebiet, im Bodenseeraum und im Sarganserland sowie in Höhenlagen im Fürstenland. Die derzeit zur Verfügung stehenden Fallen liefern nur wenig sichere Resultate: «Wir arbeiten wie die anderen Kantone auch mit einem Prototypen, der leider noch verbesserungswürdig ist. Daher können wir im Moment nur sicher aussagen, dass ab Mitte September Fänge in den Talgebieten des Kantons verzeichnet wurden, aber nichts über eine Häufigkeitsverteilung.» Im Moment gehe es vor allem darum, die Gefährdung für den Obst- und Beerenanbau abschätzen zu können. «Schäden gab es bei uns bisher keine. Die Wanze trat allerdings auch erst im Zeitraum September–Oktober auf», bilanziert Nina Thomas.

«Wir sind auf diese invasive Wanze sensibilisiert», sagt Karin Küng vom Ausserrhoder Amt für Landwirtschaft. «Da diese Wanze normalerweise nicht über 600 Höhenmetern auftritt, haben wir jedoch keine Fallen aufgehängt. Wir stehen aber mit der Obstfachstelle von St. Gallen in Kontakt, so dass wir bei erhöhtem Vorkommen reagieren können.» Laut Rahel Mettler, Leiterin Landwirtschaftsamt Appenzell Innerrhoden, sind beim Amt für Natur- und Landschaftsschutz bisher noch keine Befallsmeldungen betreffend die Marmorierte Baumwanze eingegangen.

Die Aufmerksamkeit, die man diesem kleinen Tier mittlerweile zukommen lässt, hat ihren konkreten Grund: Die Marmorierte Baumwanze hat in der Landwirtschaft nämlich grosses Schadenspotenzial. Denn sie ist beim Fressen nicht wählerisch. Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Zwetschgen, Trauben, Mais, aber auch Gemüse wie Tomaten oder Gurken, ja sogar Zierpflanzen stehen auf ihrem Speiseplan. Die Wanze hat es vorab auf junge Früchte abgesehen. An der Einstichstelle wächst die Frucht in der Folge nicht mehr weiter.

Im Herbst suchen sie gerne die Nähe von Wohnungen

Die Art Halyomorpha halys – so heisst die marmorierte Baumwanze mit ihrem Fachnamen – versammle sich im Herbst an geschützten Standorten, um dort zu überwintern, erklärt Barbara
Egger von der Forschungsstelle Agroscope in Wädenswil: «Dies können Wohngebäude sein, wo die Wanzen sehr unangenehm werden können, weil sie bei Bedrohung ein Alarmpheromon freisetzen, das für uns sehr unangenehm riecht.» Die kleinen Tiere suchen vor allem Ritzen und Spalten an der Gebäudehülle, Rollladenkästen und Dächer auf. Im Frühjahr, an warmen Tagen manchmal aber auch im Winter, erwachen sie und kommen vermehrt über die Fenster in die Wohnungen. Ende April kehren sie dann wieder auf die Bäume und Büsche der näheren und weiteren Umgebung zurück.

Tim Haye befasst sich am Forschungszentrum Cabi Switzerland in Delémont mit der Bekämpfung von invasiven Arten. An warmen Tagen dringen die Wanzen bis weit in den Herbst hinein in Wohnungen ein, erklärt Haye. Man könne auch im November noch einzelne Wanzen finden. Immerhin seien sie jetzt nicht mehr so zahlreich wie noch vor wenigen Wochen.

Wichtig zu wissen: Die Wanzen richten an Gebäuden keinen Schaden an. Auch für den Menschen sind sie völlig harmlos: Sie können weder stechen noch sich in den Häusern vermehren. Offenbar gibt es aber viele Menschen, die sich durch die laut surrend fliegenden Tiere oder auch von deren unangenehmen Wanzengeruch belästigt fühlen.

Tilgung absolut aussichtslos

Die Tiere zu töten, ist ganz grundsätzlich keine gute Idee. Es gibt in der Schweiz viele Wanzenarten, die sich oft sehr ähnlich sehen und teilweise auch mit der Marmorierten Baumwanze zu verwechseln sind. Unter den einheimischen Wanzen gibt es viele Nützlinge, die für das Ökosystem wichtig sind. Von einer Bekämpfung mit Insektiziden raten die Fachleute ab. Solche Mittel hätten nur eine lokale und vorübergehende Wirkung, sagt Alfred Klay vom Bundesamt für Landwirtschaft: «Die Tilgung des Insekts ist absolut aussichtslos.»

Die meisten chemischen Mittel würden kaum wirken, weshalb man sie nicht verwenden sollte, bestätigt der Biologe Tim Haye . «Die Mittel mit einer guten Wirkung töten alle Nützlinge ab, was dann wieder dazu führen kann, dass andere Schädlinge sich vermehren.» Sein Team habe einheimische Schlupfwespen als Widersacher der Marmorierten Baumwanze getestet, allerdings seien diese nicht effektiv genug gewesen. Nun sei aber der natürliche Gegenspieler aus Asien ins Tessin eingeschleppt worden (Trissolcus japonicus). Diesen haben Haye und sein Team dort vor kurzem per Zufall entdeckt. Die sogenannte Samurai-Wespe könnte das Potenzial haben, die Wanze zu kontrollieren.

Es gibt die These, dass die marmorierte Baumwanze vor rund 15 Jahren beim Bau des Chinesischen Gartens im Zürcher Seefeld in die Schweiz gelangte. «Das ist eine Möglichkeit», meint dazu Tim Haye. «Beweisen könne man die These allerdings nicht. «Direkt beim Bau wurde die Wanze eher nicht eingeschleppt. Allerdings wurden später Dachziegel ersetzt, die dann aus China in Kisten importiert wurden. Dies wäre einer der möglichen Wege der Einschleppung.»