Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Eine Wunde in unserer Gesellschaft» - bis 1981 platzierte der Kanton St.Gallen willkürlich Kinder und Erwachsene in Anstalten

«Der Staat hat die Pflicht, sich bei den Betroffenen von administrativer Versorgung und Fremdplatzierung zu entschuldigen und ihnen zu helfen», sagt der St.Galler Regierungsrat Martin Klöti.
Urs-Peter Zwingli
Die frühere Zwangsarbeitsanstalt Bitzi in Mosnang auf einer Flugaufnahme aus den 1960er-Jahren. Bild: M. Eggler, Jona/Staatsarchiv St.Gallen

Die frühere Zwangsarbeitsanstalt Bitzi in Mosnang auf einer Flugaufnahme aus den 1960er-Jahren. Bild: M. Eggler, Jona/Staatsarchiv St.Gallen

Es ist ein dunkles Kapitel der St.Galler Kantonsgeschichte, «eine Wunde in unserer Gesellschaft», wie es Regierungsrat Martin Klöti gestern formulierte: Bis zu Beginn der 1980er-Jahre wurden Kinder, Jugendliche und Erwachsene gegen ihren Willen vom Staat in Heimen, Strafanstalten oder bei Privaten fremdplatziert – ohne gegen Gesetze verstossen oder sonstige Verfehlungen begangen zu haben. «Opfer wurden vor allem Menschen, welche die damaligen sozialen Normvorstellungen nicht erfüllten», sagte Klöti. Viele Behörden hätten willkürlich gehandelt, Menschen umher geschoben und so ihre Macht missbraucht. Klöti: «Der Staat hat die Pflicht, sich bei den Betroffenen von administrativer Versorgung und Fremdplatzierung zu entschuldigen und ihnen zu helfen.»

Wie viele Opfer es über die Jahrzehnte waren, können die Verantwortlichen trotz ausführlicher Forschung nicht sagen. «Die Quellenlage ist schwierig. Oft fehlen Akten, weil damals viele der Heime und Anstalten privat betrieben wurden und keine Dokumentations- und Aufbewahrungspflicht hatten», sagte Regula Zürcher, stellvertretende St.Galler Staatsarchivarin. Von 2014 bis 2018 hat das Staatsarchiv Akten für mehr als 350 Betroffene gesucht, wobei laufend neue Gesuche eintreffen. Zürcher sagte:

«Wir gehen davon aus, dass diese Zahl nur die Spitze des Eisberges ist.»

Sicher ist, dass es schweizweit Zehntausende Betroffene gibt, wobei St.Gallen ein eigentlicher Anstalts- und Heimkanton war: Über 50 davon hat Historikerin Zürcher auf einer Karte aufgelistet, allein in der Stadt St.Gallen finden sich sechs Institutionen.

«Arbeitsscheue und liederliche Personen»

Viele sind längst geschlossen, andere werden weiterhin für nun rechtsstaatlich abgestützte Massnahmen genutzt. Wie etwa das Bitzi in Mosnang, das 1871 als «Toggenburgische Zwangsarbeitsanstalt» zwecks «Unterbringung von arbeitsscheuen und liederlichen Personen beiderlei Geschlechts» eröffnet wurde. Heute ist das Bitzi ein Massnahmenzentrum für Straftäter mit einer psychischen Störung und/oder Suchterkrankung.


Erinnerungszeichen

Am Samstag, 21. September, findet um 14 Uhr in der Lokremise St. Gallen ein Gedenkanlass für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen statt. Werner Fürer als Betroffener sowie Regierungsrat Martin Klöti werden sprechen. Weiter referieren der Zürcher Historiker Jakob Tanner sowie der St. Galler Rechtshistoriker Lukas Gschwend. Im Anschluss wird auf dem Spielplatz Kreuzbleiche ein Erinnerungszeichen eingeweiht. Der Anlass richtet sich in erster Linie an Betroffene und ihre Angehörigen, ist aber öffentlich.

Die antiquiert wirkenden Begriffe «arbeitsscheu» und «liederlich» waren für die Behörden damals zentral: Aufgrund solcher Zuschreibungen wurden Menschen ohne jegliche Rekursmöglichkeit eingesperrt.

Neben der Recherche für Betroffene hat das Staatsarchiv grosse Mengen Akten gesichert, archiviert und erschlossen. «Wir hatten zudem eindrückliche Begegnungen mit Menschen, die sich trotz des erlebten Unrechts ein erfülltes Leben erarbeitet haben», sagte Klöti.

25000 Franken ersetzen keine verlorenen Jahre

480 Betroffene haben sich bei der Opferhilfe SG-AR-AI für eine Beratung gemeldet. Neben persönlicher Unterstützung ­haben sie Anrecht auf eine finanzielle Entschädigung von 25000 Franken. Diese wird aus einem Bundesfonds bezahlt, in den die Kantone freiwillige Einlagen tätigen können. St.Gallen steuert 900000 Franken bei.

Stand heute hat die Opferhilfe ungefähr 450 Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen darin unterstützt, ihr Gesuch für den Solidaritätsbeitrag zu stellen. Eine vom Bund eingesetzte, unabhängige ­Expertenkommission forderte ­allerdings kürzlich, diese Ent­schädigung auszuweiten. «Die 25000 Franken sind ein symbolischer Betrag. Natürlich können so keine verlorenen Lebensjahre ersetzt werden», sagte dazu Klöti. Am 21. September findet in St.Gallen ein Gedenkanlass statt. «Das Ziel unserer Bemühungen muss sein, dass so etwas nie mehr passieren kann», sagte Klöti.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.