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«Mitleid darf nicht sein»: Eine Thurgauerin wacht über
das Frauengefängnis Hindelbank

Sie war Lehrerin, Pfarrerin und Sozialarbeiterin – seit 2011 ist Annette Keller Direktorin der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der deutschsprachigen Schweiz, im bernischen Hindelbank. Die 58-jährige Thurgauer Gefängnis-Chefin im Interview.
Andreas Ditaranto, Bruno Scheible
Gefängnisdirektorin Annette Keller. (Bilder: Christian Pfander/freshfocus)

Gefängnisdirektorin Annette Keller. (Bilder: Christian Pfander/freshfocus)

Was gab es heute im Strafanstalt Hindelbank zum Mittagessen?

Annette Keller: Kartoffeln, Lauchgemüse und Saucisson. (lacht) Unsere Küche, in der jeweils zehn Insassinnen den beiden Küchenchefs zur Seite gestellt werden, bietet eine ausgewogene Ernährung – eine günstige, aber schmackhafte Kost. Das Personal isst übrigens dasselbe wie die Insassinnen.

Welche Arbeiten verrichten die Insassinnen sonst noch?

Die Frauen arbeiten sieben Stunden in der Wäscherei, der Nähwerkstatt, der Gärtnerei, der Kartonage, der Hauswirtschaft – oder in der Küche. Wir versuchen, den Fähigkeiten gerecht zu werden. Unser Auftrag ist es, den maximal 107 Frauen eine Arbeit zur Verfügung zu stellen, sie auf den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft vorzubereiten und gleichzeitig mit ihnen zu arbeiten, damit sie nicht rückfällig werden.

«Jeder Mensch hat eine Würde.»

Wie viel Personal braucht es?

Eine Strafanstalt wie Hindelbank ist ein 7-mal-24-Stunden-Betrieb, rund um die Uhr bewacht. Insgesamt sind es rund 100 Mitarbeitende, davon 45 Betreuerinnen und Sozialarbeiterinnen. Man darf nicht vergessen, dass ein Drittel der Eingewiesenen eine psychische Erkrankung aufweist und viele Frauen hier traumabelastet sind.

Welche Delikte haben die Frauen begangen und wie hoch ist der Ausländerinnenanteil?

Von den eingewiesenen Frauen im Alter zwischen 21 und 75 Jahren wurde ein Drittel wegen Tötungsdelikten verurteilt, ein Drittel ist mit dem Betäubungsmittelgesetz in Konflikt geraten und ein Drittel hat Betrugs- oder Diebstahldelikte begangen. Etwa die Hälfte hier sind Ausländerinnen.

Viele Insassinnen sind Mütter ...

Ja, etwa die Hälfte der Frauen in Hindelbank haben Kinder. Bis zum Alter von drei Jahren dürfen Kinder mit ihren Müttern im Gefängnis in einem speziell dafür vorgesehenen und eingerichteten Bereich leben. Tagsüber, während die Frauen arbeiten, besuchen die Kleinen im Dorf eine Kindertagesstätte. Die meisten Kinder werden nach Vollendung des dritten Lebensjahres fremdplatziert. Das ist für die meisten Frauen hier auch sicher der härteste Teil der Strafe: nicht für sein Kind da sein zu können. Die Insassinnen leiden deshalb nicht selten unter diesen Schuldgefühlen. Freiheitsentzug als Strafe bedeutet nicht nur, abends in einer Zelle eingeschlossen zu werden, sondern vor allem auch, für eine gewisse Zeit nicht mehr selbstbestimmt leben zu dürfen.

«Mich interessieren die Brüche im Leben der Menschen. Jeder Mensch ist wertvoll, widersprüchlich und entwicklungsfähig.»

Und Sie, haben Sie Mitleid?

Mitleid darf nicht sein – es gibt nichts, was die Tat rechtfertigt –, aber ohne Mitgefühl geht es nicht. Und man fragt sich zuweilen schon, was aus einem selber geworden wäre bei einem solchen Hintergrund. An erster Stelle steht für mich bei meiner Arbeit als Direktorin die Wertschätzung, gefolgt von Klarheit und Verantwortung – das gilt für die Mitarbeitenden und für die Strafgefangenen gleichermassen. Wie alle Menschen haben auch die eingewiesenen Frauen eine Würde, und jeder Mensch ist wertvoll, widersprüchlich und entwicklungsfähig. Die Strafe soll auch nicht bloss abgesessen werden, es geht darum, dass die Insassinnen einsehen, welche Konsequenzen ihre Tat für die Opfer hatte. Ohne Einsicht und Mitgefühl kann ein Rückfall nicht verhindert werden.

Freiheitsentzug bedeutet nicht nur, abends in einer Zelle eingeschlossen zu werden, sondern auch, für eine gewisse Zeit nicht mehr selbstbestimmt leben zu dürfen.

Freiheitsentzug bedeutet nicht nur, abends in einer Zelle eingeschlossen zu werden, sondern auch, für eine gewisse Zeit nicht mehr selbstbestimmt leben zu dürfen.

Auf Sie wartet von Montag bis Freitag jeweils ein 10-Stunden-Tag mit vielen Sitzungen. Klingt nicht gerade nach Traumjob ...

Für mich ist es ein Traumjob – wahnsinnig spannend und vielfältig! Die Strafanstalt ist wie ein Mikrokosmos – mit Menschen zu arbeiten, die Brüche in ihrer Biografie haben, ist herausfordernd und interessant zugleich. Strafe, Freiheitsentzug und Zwang zum einen, Rücksichtnahme, Integration und Solidarität zum anderen.

Konnten und können Sie Ihre Erfahrungen aus Ihren früheren Tätigkeiten miteinbringen?

Ja, sehr sogar – auch schon in meiner Zeit hier als Vollzugsleiterin. Als ehemalige Lehrerin bringe ich pädagogisches Wissen mit, als frühere Pfarrerin baue ich auf christlich-humanitären Werten und als ehemalige Sozialarbeiterin kenne ich mich mit komplexen Situationen aus. Und selbst von meiner Tätigkeit als internationale Wahlbeobachterin – zuletzt war ich im Dezember in Armenien im Einsatz – kann ich hier profitieren, sei es nur schon hinsichtlich des interkulturellen Diskurses.

Was verbindet Sie heute noch mit Ihrer Ostschweizer Heimat?

Sehr vieles! Den Dialekt habe ich ja – wie man hört – behalten. (lacht) Auch besuche ich regelmässig meine Eltern in Ermatingen. Mich zieht es dann gleich an den See – und wenn immer möglich, gehe ich schwimmen. Ich bin und bleibe ein Seemeitli – da hat die Aare einen schweren Stand.

Annette Keller hat schon so einiges erlebt im Laufe ihrer Karriere - unter anderem war sie 1994 als internationale Wahlbeobachterin in Südafrika, als das Land die ersten demokratischen Wahlen nach dem offiziellen Ende der Apartheid durchführte.

Annette Keller hat schon so einiges erlebt im Laufe ihrer Karriere - unter anderem war sie 1994 als internationale Wahlbeobachterin in Südafrika, als das Land die ersten demokratischen Wahlen nach dem offiziellen Ende der Apartheid durchführte.

Annette Keller (Jahrgang 1961) ist in Ermatingen am Untersee aufgewachsen. Sie besuchte das Lehrerseminar in Kreuzlingen, unterrichtete ein paar Jahre und absolvierte dann eine Landwirtschaftsschule. Es folgte das Theologie-Studium in Bern, danach wurde Keller Pfarrerin in Urtenen-Schönbühl. Ein erneuter Berufswechsel führte die Thurgauerin in den Sozialdienst der Universitären Dienste Bern und brachte sie mit der Justizvollzugs­anstalt Hindelbank in Kontakt. Zwischendurch reiste Annette Keller als internationale Wahlbeobachterin in Länder wie Südafrika, Tadschikistan und die Ukraine. In der Frauenstrafanstalt war sie zuerst Betreuerin, dann Leiterin Vollzug. Berufsbegleitend absolvierte sie ihr Studium Sozialarbeit und machte den Master in Management in Luzern. Seit Juni 2011 ist Annette Keller, die in Bern lebt, Direktorin der JVA Hindelbank.

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