Eine tägliche Dosis Zigaretten für die Kinder

Ein Ehemann muss auf Betreiben der Ehefrau die Familie und das Haus im St. Galler Oberland verlassen.

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Rolf Vetterli Alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Rolf Vetterli Alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein Ehemann muss auf Betreiben der Ehefrau die Familie und das Haus im St. Galler Oberland verlassen. Als er nach längerer Pause seinen beiden Töchtern, Zwillingen im Alter von 14 Jahren, wieder einmal begegnet, stellt er erschrocken fest, dass die Kinder inzwischen angefangen haben, regelmässig Zigaretten und gelegentlich auch mal einen Joint zu rauchen. Die Schuld daran gibt er der Mutter. Sie habe die Kinder «kaputtgemacht».

Tägliche Zigarettenlieferung

Der Vater glaubt, es nütze nichts, Teenagern etwas zu verbieten. Also schliesst er mit den Töchtern einen Pakt. Er liefert ihnen täglich je fünf Zigaretten, wenn sie versprechen, nicht zu kiffen und nicht mehr als die geschenkten Glimmstengel zu rauchen. So viel, meint er, werde der Organismus einer Jugendlichen schon noch vertragen. Er kann nicht kontrollieren, ob die Kinder sich an die Abmachung halten, sondern muss ihnen einfach vertrauen. Manchmal hätten sie ihm gebeichtet, dass sie es nicht mehr ausgehalten und ein Päckchen Zigaretten gekauft hätten – dann habe er ihnen eine Weile nichts mehr gegeben.

So geht das fünf Monate lang. In dieser Zeit konsumieren die beiden Mädchen vielleicht je drei Stangen Zigaretten auf Vaters Kosten. Dann ist Schluss mit dem Gratisangebot. Die Ehefrau zeigt den Mann nämlich an. Zudem beklagt sie sich darüber, dass er sie per E-Mail als «verdorbenes und verlogenes Wesen», ja sogar als «Dienerin des Teufels» bezeichnet habe. Der Staatsanwalt erlässt im Frühjahr 2014 einen Strafbefehl. Er auferlegt dem Mann wegen Verabreichens gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder, Beschimpfung und Missbrauch einer Fernmeldeanlage eine happige Geldstrafe von 80 Tagessätzen, die immerhin bedingt aufgeschoben wird, und eine zusätzliche Busse von 1000 Franken.

Keine Schuldgefühle

Der Beschuldigte erhebt Einsprache und muss nun vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland erscheinen. Er verteidigt sich selbst und tut das in spürbarer Erregung: Er sei ein anständiger Bürger und werde behandelt wie ein Schwerverbrecher. Er habe seinen Kindern doch nur helfen und keineswegs schaden wollen. Sein Programm der dosierten Abgabe von Zigaretten sei als erzieherische Massnahme gedacht gewesen. Das Ziel habe immer darin bestanden, die Kinder vom Tabak wegzubringen und von härteren Drogen fernzuhalten.

Man mag sich fragen, was der Vater hätte unternehmen sollen, nachdem er entdeckte, dass die Kinder in seiner Abwesenheit zu rauchen begonnen hatten. In Ratgebern wird den Eltern empfohlen, auf strikte Verbote zu verzichten und stattdessen das Gespräch mit den Jugendlichen zu suchen. Der Vater hat also nicht ganz unverständlich, sondern bloss unüberlegt gehandelt. Strafbar gemacht hat er sich trotzdem. Dafür genügt es, dass man Kindern unter 16 Jahren alkoholische Getränke oder andere Stoffe in schädlicher Menge abgibt. Eine tägliche Ration Zigaretten stellt allemal ein erhebliches Gesundheitsrisiko für Kinder dar und das hat der Vater offensichtlich bagatellisiert.

Zufällige Entdeckung

In der Schweiz werden pro Jahr weniger als fünfzig Personen nach dieser Strafbestimmung verurteilt. Verfolgt werden müssten vor allem Angestellte im Detailhandel, die Kindern bedenkenlos beliebige Mengen Tabak oder Alkohol verkaufen. Aber sie werden kaum je erwischt. Das Bundesgericht hat eine Kassierin freigesprochen, die einem von der Polizei losgeschickten Jugendlichen eine Flasche Wodka aushändigte, ohne nach dem Alter zu fragen. Das Resultat eines solchen Testkaufs dürfe nicht verwertet werden. Hier besteht eine Gesetzeslücke, die vom Bund oder vom Kanton geschlossen werden müsste – aber das ist bisher nicht geschehen.

Der Beschuldigte hat also nicht ganz grundlos den Eindruck gewonnen, er sei nur zufällig in die Mühlen der Justiz geraten. Zu einem Schlusswort aufgefordert, sagt er, darauf verzichte er; ihn verstehe sowieso niemand. Da hat er sich allerdings getäuscht.

Mildes Urteil

Die Einzelrichterin verurteilt den Mann zwar wegen Abgabe von Raucherwaren an die Kinder und Beleidigung der Ehefrau, spricht ihn aber vom Vorwurf des Missbrauchs der elektronischen Post frei, weil das Verschicken eines einzigen E-Mails gewiss noch nicht schikanös sei. Sie setzt die Strafe sodann nur halb so hoch an wie der Staatsanwalt, weil der Vater bei seinem eigenwilligen Erziehungsversuch wohl in guter Absicht gehandelt habe. Genützt hat das Experiment freilich nichts: Die beiden Kinder qualmen immer noch wie die Schlote.