Eine Rundreise um den Bodensee – der Tag der Grenzöffnungen zum Nachlesen: Lange Schlange vor Drogeriemarkt +++ Mittelmeer-Feeling auf dem Schiff +++ Stapelweise Formulare mit Daten von Restaurantgästen

Im Uhrzeigersinn umfahren wir heute Montag den Obersee des Bodensees, erfahren die neue, alte Freiheit und sprechen mit Menschen darüber, was die geschlossenen Grenzen für sie bedeutet haben.

Regula Weik und Christoph Zweili
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18:30 Uhr – Rorschach: Das Ende unserer Reise

Die Autoposer sind heute nicht unterwegs: Auf der Hauptstrasse ist es ruhig. Vor uns liegen noch wenige Kilometer dem See entlang zurück zum Ausgangspunkt Romanshorn.

Danke, dass Sie uns begleitet haben. Tschüss, Servus und en schöne Obed!

18:15 Uhr – St.Margrethen - der letzte Grenzübertritt

«Führen Sie Waren mit?» fragt der Zöllner in St.Margrethen den Autofahrer vor uns. Wir werden freundlich durchgewinkt. Die Wiedereinreise in die Schweiz geht so rassig, dass das Grenzfoto vergessen geht. Überhaupt: Vom Verwirrspiel um die Grenzöffnung in Deutschland und Österreich haben wir nichts gemerkt: Gelten die neuen Bestimmungen an der Grenze bereits tagsüber oder «mit Ablauf des 15.Juni», also erst ab Mitternacht, wie die Behörden in Deutschland und Österreich kommuniziert haben. Unsere Erfahrung: Die neuen Regeln sind an den Grenzen kein Thema.

17:15 Uhr – Bregenz im Feierabendverkehr

In Vorarlbergs Metropole Bregenz lassen wir einige Zeit auf der Strasse liegen: Feierabendverkehr!

Das Kunsthaus ist keine Alternative zum Shopping: Die Kultur schläft montags. Die Einkaufsstrasse ist ähnlich belebt wie die deutschen Städte. Was auffällt: Nur ganz wenige tragen eine Maske auf der Strasse. Heute ist Schluss mit der Maskenpflicht im öffentlichen Raum in Österreich. Sie gilt nur noch im öV, in der Gastronomie für das Personal, im Gesundheitsbereich, sowie in Apotheken, beim Friseur und bei der Fusspflege.

16:45 Uhr – Grenze: Tschüss Deutschland, Servus Österreich

Auf der Fahrt von Lindau überqueren wir eine weitere Landesgrenze: Das ist so wenig spürbar wie vor Coronazeiten. Einzig das Schild «Republik Österreich» weist darauf hin, dass wir deutschen Boden verlassen. Den Hausberg von Bregenz, den Pfänder, lassen wir links liegen - dem Wetter und der Zeit geschuldet.

15:45 Uhr – Lindau, ein Tourismus-Hotspot

Auf dem Weg nach Lindau reisen wir in den Freistaat Bayern ein. In den Gassen von Lindau reihen sich Eisdielen und Strassencafés schier endlos aneinander - alle sind gut besucht. Ein Gast erzählt seinem befreundeten Besitzer einer Gelateria von seinem Wasserschaden im Keller nach den heftigen Regengüssen der vergangenen Tage. Noch während er erzählt, fallen die ersten Tropfen.

14:45 Uhr – Kressbronn, das Camperparadies

Kressbronn ist bekannt für den Campingpark Gohren, mit 1800 Stellplätzen der grösste Campingplatz mit Seezugang am Bodensee. Hier reiht sich buchstäblich Wohnwagen an Wohnwagen inmitten eines Labyrinths von Hecken. «Ein paar Schweizer waren schon hier», sagt ein Mitarbeiter der Anlage. In «normalen Zeiten» betrage ihr Anteil rund 15 Prozent. Trotz der fast grenzenlosen Camperfreiheit gelten strikte Coronaregeln und «Selbstauskunft bei der Anreise»: 1,5 Meter Abstand auch am Strand, Gruppenbildung bitte vermeiden, im Wohnwagen oder Wohnmobil keine Personen aus andern Haushalten als Gäste empfangen.

In der Umgebung weisen überall Tafeln am Strassenrand auf Himbeeren, Erdbeeren und Spargeln hin.

14:15 Uhr – Langenargen, Riet und Schloss

Vorbei am Eriskircher Riet gelangen wir nach Langenargen, bekannt für sein im maurischen Stil erbauten Schloss Montfort. Heute gilt Langenargen als Alte-Leute-Dorf und zieht in der Früh- und Nachsaison vor allem Rentner und Familien an. Auf den ersten Blick bestätigt sich dieser Eindruck.

13:00 Uhr – Friedrichshafen, belebte Seepromenade

Zwei Einheimische fragen am Hafen nach der Ablegestelle des Katamarans nach Konstanz. Wir können nicht weiterhelfen. Die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Schiffe zeigt, dass der Ausflugsverkehr wieder in Fahrt kommt.

Velofahren ist hier äusserst beliebt: Wer in der Zeppelinstadt aufs Velo steigen will, der kann dies selbst an der Tankstelle – «Radverleih hier», heisst es einer Tafel.

Die Eisdiele am Seeufer verspricht Spaghettieis in zig-Varianten: Wir halten uns aber an die warme Version der Teigwaren: En Guete! Geheim bleibt unsere Mittagspause eh nicht: In Coronazeiten müssen sich Gäste registrieren. Ein Wirt sagt:

«Wir haben bereits einen ganzen Stapel ausgefüllter Formulare.»
12:30 Uhr – Fischbach, Obst und Welt

In der näheren Umgebung lösen Obstplantagen die Weinberge ab. «Obst vom Erzeuger» wird allerorten angeboten.

Wer erwartet, heute sei bereits die halbe Welt unterwegs, wird eines Besseren belehrt: Zwischen Meersburg und Friedrichshafen begegnen uns auf der Landstrasse ein Fahrzeug aus Italien, eines aus Luxenburg und eines aus Zürich. Alle andern sind Einheimische, Deutsche.

12:15 Uhr – Hagnau, Wein und Velo

Auf dem Weg von Meersburg nach Hagnau begleiten uns beidseits der Strasse Rebstöcke, soweit das Auge reicht. Die Reben wachsen sogar bis ins Dorf hinein. Was qualitativ vom Wein zu erwarten ist, verrät das Restaurant in der Dorfmitte. Es heisst: «Guter Tropfen».

Ähnlich häufig wie die Weinstöcke sind auch die Velofahrer anzutreffen, sie sind allerdings weniger geduldig und genügsam. Mehrfach werden wir von ihnen weggeklingelt.

11:15 Uhr – Meersburg, Maskenautomat

Selbst die Souvenirstände erinnern daran, dass in Deutschland in den Geschäften die Maskenpflicht besteht: Es gibt sie in allen Farben und Mustern - in Geschäften, an Ständern auf der Gasse und selbst aus dem Automaten. Wo üblicherweise regionales Gemüse – «Natürlich von daheim, gesicherte Qualität aus Baden-Württemberg» – angeboten wird, werden jetzt Masken und Hygienespray ausgespuckt.

10:45 Uhr – Meersburg, Flaniermeile

Das Feriengefühl bleibt auch beim Spaziergang auf der Flaniermeile in Meersburg. Hier gibt's Stände mit Sonnenhüten, Sonnenbrillen, Postkarten, Badelatschen – man wähnt sich in Italien. Einzig die Weinstuben, der Krautsalat und die Currywurst auf den Menükarten erinnern daran, dass wir nicht am Mittelmeer, sondern am Schwäbischen Meer sind.

10:30 Uhr – Überfahrt Konstanz–Meersburg

15 Minuten Mittelmeer-Feeling: Darauf haben wir uns gefreut. Auch hier: «Maske auf», wer das Auto verlässt. Daran halten sich nicht alle, vor allem die Schweizer nicht. Eine Frau will sich nicht fotografieren lassen: «Ich bin doch kein Freiwild», sagt sie. Andere Passagiere geniessen das unerwartet schöne Wetter und die Überfahrt nach Meersburg.

09:51 Uhr – Konstanz, Lago

Noch auf der Einfahrt in die Parkgarage des Einkaufszentrums will sich ein Mann nach unseren Einkaufsgelüsten erkundigen. Schnell stellt sich heraus: Es ist ein Berufskollege, ein Mitarbeiter einer Zürcher TV-Station.

Überall weisen Schilder daraufhin, dass Mund und Nase im Zentrum bedeckt sein müssen. In Deutschland gilt Maskenpflicht beim Einkaufen. Der Mann am Infostand weist Nichtmaskierte auf diese Pflicht hin. Hält sich ein Kunde nicht daran, kann er ihn zurückweisen. An Spitzentagen verzeichne das Lago 80'000 Kunden, «ganz so viele werden es heute nicht sein», sagt er.

Bereits reger Betrieb ist im Aldi. Vor der Drogeriekette dm bildet sich schon um 8.30 Uhr eine lange Schlange – Ladenöffnung ist erst um 9 Uhr. Die meisten Geschäfte und Boutiquen öffnen allerdings erst um 9.30 Uhr: Während der Coronakrise gelten verkürzte Öffnungszeiten. Mehrere Wartende sprechen Schweizer Mundart. Haben sie auf den Einkauf in Konstanz geplant? – Schweigen. Hinter der Maske wohl ein verlegenes Lächeln. Die Migros-Einkaufstaschen am Arm verraten auch so genug ...

08:40 Uhr – Konstanz, Zoll

Zahlreiche Autos mit Schweizer Kennzeichen passieren die Grenze – St.Galler, Thurgauer, Schaffhauser, Zürcher. Eine Kontrolle gibt es nicht. Die Grenzwächter und Polizisten scheinen nicht überbeschäftigt.

08.30 Uhr – Kreuzlingen, Boulevard

Die Hauptstrasse ist noch leer. Der Stau eingangs Stadt hatte getäuscht: Die Autos wurden wegen einer Baustellenausfahrt gebremst.

Ein paar wenige Gäste sitzen in den Gartenrestaurants. Fahren Sie heute noch nach Konstanz zum Einkaufen? Die Antworten: Alle negativ.

Weniger gesprächig geben sich die Ladenbesitzer. Ihre Geschäfte seien während der Krise nicht so schlecht gelaufen. Doch nun, da die Grenzen wieder offen sind, befürchten sie, einige ihre Kundinnen und Kunden wieder an Deutschland zu verlieren. Ihre geschätzte Umsatzeinbusse mögen sie nicht benennen. Eine Filialleiterin sagt:

«Ich hoffe, dass uns einige Kunden treu bleiben werden.»
08:15 Uhr – Romanshorn

Bahnhof Romanshorn – Wenige Meter trennen uns vom Ufer. Zum Start ein rascher Sprung in den Bodensee? Nicht an diesem Morgen. Die Wassertemperatur beträgt kühle 17 Grad. Und der Wetterbericht verspricht genügend Nass vom Himmel. Also ab ins Auto und los geht die Fahrt.

08:00 Uhr

Die Schweiz öffnet heute die Grenzen zu allen EU- und Efta-Staaten: Der Bodenseeraum ist wieder vereint. Nach drei Monaten Coronastarre dürfen wir wieder unbeschränkt nach Deutschland und Österreich einreisen. Die Grenzkontrollen entfallen gänzlich. Das wollen wir heute testen – und schauen, wen es ebenfalls bereits ins nahe Ausland zieht.

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