Eine riskante Rückkehr

ST.GALLEN. Vergangenes Jahr zog er nach München weg, jetzt findet der europäische Darmkongress wieder in St. Gallen statt. Für die Veranstalter ist das ein Unterfangen mit unsicherem Ausgang.

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
Die Olma-Hallen werden nach einjähriger Pause wieder internationaler Treffpunkt für Darmspezialisten. (Bild: Regina Kühne/Olma Messen St. Gallen)

Die Olma-Hallen werden nach einjähriger Pause wieder internationaler Treffpunkt für Darmspezialisten. (Bild: Regina Kühne/Olma Messen St. Gallen)

Die Mitteilung am Dienstagabend kam überraschend: Der 9. European Colorectal Congress findet Anfang Dezember wieder in St.Gallen statt. Vor einem Jahr hatten die Kongressverantwortlichen der Ostschweiz den Rücken gekehrt, der Anlass wanderte nach München ab. Die Gründe für den Wegzug: Für Kongresse ist das Hotelangebot in Stadt und Region St.Gallen seit Jahren zu knapp, gleichzeitig sind die Preise im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Eine Veranstaltung wie der Darmkongress mit Teilnehmern aus über 60 Ländern bekommt das besonders zu spüren.

Die Probleme der vergangenen Jahre sind allerdings nicht gelöst. Im Gegenteil: Die Region krankt weiterhin an einer sehr tiefen Zahl an erschwinglichen Hotelbetten im Zwei- und Drei-Sterne-Segment. Verschärft wird die Situation durch den starken Franken. Schon vor der Aufhebung des Euromindestkurses waren Ostschweizer Hotelbetten für viele der 1500 Kongressteilnehmer kaum bezahlbar; seit Januar sind die Währungsunterschiede nochmals grösser geworden. Die Rückkehr des Darmkongresses nach St. Gallen wird damit ein Unterfangen mit unsicherem Ausgang.

«Alle ziehen am gleichen Strang»

«Es ist ein sehr mutiger Entscheid, nach St.Gallen zurückzukehren», sagt Daniela Marx vom Kongressveranstalter Medkongress AG. Man habe sich für die Ostschweiz entschieden, weil die Unterstützung der Stadt St.Gallen, der Olma-Messen und St.Gallen-Bodensee Tourismus sehr gross gewesen sei. Langsam lasse sich erkennen, dass in der Region «alle am gleichen Strang ziehen».

Den Erfolg des St.Galler Darmkongresses können Veranstalter und regionale Organisationen aber nur bedingt steuern – auch wegen der Konkurrenz: Im September findet in Dublin das European Society of Coloproctology Annual Meeting statt, mit gut 1000 Teilnehmern der zweitgrösste Darmkongress in Europa. «Wenn das Angebot in St. Gallen nicht stimmt, weichen die Leute nach Dublin aus», sagt Daniela Marx. Die Medkongress AG hat deshalb via St. Gallen-Bodensee Tourismus Kontingentsverträge mit über 20 Hotels ausgehandelt.

Doppelt so hohe Kosten

Dass die Rückkehr des Darmkongresses ein mutiger Akt ist, wissen auch die Verantwortlichen von St.Gallen-Bodensee Tourismus und Olma-Messen. «Im Vergleich mit europäischen Kongressstädten sind die Preiserwartungen der Besucher fast nicht zu erfüllen», schreiben die beiden Organisationen in einer gemeinsamen Medienmitteilung. Gegenüber einer Durchführung in München müssten die Teilnehmer mit fast doppelt so hohen Gesamtkosten für ihren Aufenthalt rechnen. Das könne sich negativ auf die Teilnehmerzahl auswirken. Der Entscheid sei den Veranstaltern deshalb «hoch anzurechnen».

Und die Vorteile von St.Gallen? Laut St.Gallen-Bodensee Tourismus sind das vor allem «die hohe Dienstleistungsbereitschaft» und der Charme der Region. Ob dies genügt, um den Kongress hier zu behalten, bleibt abzuwarten: Bei einer Onlineumfrage unter früheren Kongressteilnehmern stimmten 70 Prozent für München – und gegen St.Gallen.