Ein luftiger Kontrast zum Betonbau: Das St.Galler Theaterprovisorium öffnet die Türen zum Rundgang – doch die heimliche Hauptrolle spielt das Virus

In zwei Wochen soll im Provisorium von Konzert und Theater St.Gallen der Spielbetrieb starten. Heute gab es erste Einblicke in den luftigen Holzbau. Trotz feierlicher Eröffnung bangen die Theaterleute wegen Corona um den Saisonstart.

Urs-Peter Zwingli
Drucken
Teilen

Bild: Ralph Ribi

Das Foyer im St.Galler Theaterprovisorium namens «UM!Bau» ist lichtdurchflutet, die hohe Decke macht den von hellem Holz dominierten Raum luftig – was für ein Kontrast zum «alten» Theaterfoyer, in dem Marmor und dunkle Farben herrschten. Geprägt ist das Foyer zudem von einer langen Bar, die aus rohen Brettern gezimmert, gut mit Flaschen bestückt und raffiniert beleuchtet ist. Das könnte auch ein szeniges Lokal in irgendeiner Grossstadt sein. «Die Idee war ursprünglich, mit dieser Bar einen Ort zu schaffen, an dem sich die Bevölkerung niederschwellig mit dem Theater vernetzen kann», sagte Werner Signer, Direktor von Konzert und Theater St.Gallen, am vergangenen Samstag bei der Einweihung des «UM!Bau». «Doch mit Corona ist das leider hinfällig geworden.»

Werner Signer, Direktor des Theaters St.Gallen

Werner Signer, Direktor des Theaters St.Gallen

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Damit gab Signer das Stichwort: Denn das Coronavirus spielte auch an diesem eigentlichen Festakt die heimliche Hauptrolle. Zum Publikum sagte Signer:

«Es bleibt eine Unsicherheit, wie unser Spielplan tatsächlich umgesetzt werden kann.»

Und die St.Galler Bauchefin Susanne Hartmann schien in ihrer Rede die Bevölkerung fast schon zu beschwören: «Überzeugen sie sich selber an einer Vorstellung von den Klängen im Holzbau», sagte sie. Das Schutzkonzept von Theater und Konzert St.Gallen garantiere sicheren Kulturgenuss.

Gemäss diesem Konzept trugen bei der Eröffnungsfeier alle Gäste und Theatermitarbeitenden eine Maske. Sogar die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters, die die Feier mit Stücken aus der anstehenden Spielzeit auflockerten, traten jeweils maskiert auf die Bühne. Blasinstrumentalisten nahmen die Maske nur zum Spielen ab. Auch bei der Planung der Spielzeit waren die Hygiene- und Abstandsregeln bestimmend. So werden bis Ende Jahr nur Stücke aufgeführt, bei denen der 89 Quadratmeter grosse Orchestergraben nicht voll besetzt sein muss. Dadurch können die Abstände zwischen den Musikern eingehalten werden. Wird die Vollbesetzung nötig (etwa bei der Oper «Aida» ab Januar), müssen etwa die Streichinstrumentalisten voraussichtlich Masken tragen.

26 Bilder

Bild: Ralph Ribi

«Kann 25 Jahre genutzt werden»

Die Musiker waren am Samstag die ersten Kulturschaffenden, die die neue Bühne im Provisorium vor Publikum in Besitz nahmen. Im Zuschauerraum davor hat es auf gepolsterten Klappsitzen Platz für 500 Besucherinnen und Besucher – und wenige, aber entscheidende Zentimeter mehr Beinfreiheit als im bisherigen Theatersaal, wie grössere Menschen beim Probesitzen bemerkt haben.

Bild: Ralph Ribi

Der «UM!Bau» wurde in einer Bauzeit von nur sechs Monaten auf dem Park vor der Tonhalle am Unteren Brühl hochgezogen. Er ist 50 Meter lang, 26 Meter breit und aussen mit silbrig glänzenden Profilblechen verkleidet. Die Konstruktion wird von Elementen aus insgesamt 350 Kubikmetern Fichten- und Tannenholz getragen. Angefertigt hat diese das Gossauer Holzbauunternehmen Blumer-Lehmann. «Der Bau ist hochwertig und kann sicher für 25 Jahre genutzt werden», sagte Signer, der die Gäste der Eröffnungsfeier – darunter etwa Stadtpräsident Thomas Scheitlin und die neue St.Galler Kulturministerin Laura Bucher – durch die Theaterräume führte. Er spielte damit darauf an, dass das Provisorium nach der zweijährigen Renovation und Erweiterung des Stammhauses an einem anderen Ort aufgebaut und weitergenutzt werden soll. «Für die St.Galler Kulturszene ist dieses Gebäude eine Riesenchance», sagte Signer im Gespräch mit Journalisten. Welchem Zweck der Bau dereinst dienen könnte, darüber wollte der Theaterdirektor aber nicht spekulieren.

Bild: Ralph Ribi

Ein logistischer Kraftakt

Die zweijährige Spielzeit im «UM!Bau» wird von den Bühnentechnikern viel Improvisation und Schweiss fordern. So müssen die Kulissen oft nach einer abendlichen Vorführung abgebaut und neue Kulissen aufgebaut werden, in denen am nächsten Morgen geprobt wird. Anders als im Stammhaus hat das Provisorium aber keine Nebenbühnen als Abstellraum. Auch kann nichts im Boden versenkt werden. Dafür ist in der Hinterwand des Saals ein Tor eingebaut, das direkt mit einer Hebebühne erschlossen ist. So werden die Kulissen der einzelnen Stücke schnell an- und abtransportiert. «Es wird fast täglich mehrere Umbauten geben», sagte Signer. Das sei ein logistischer Aufwand, könne aber auch eine Chance sein, «reduziertere Bühnenbilder zu bauen und sich damit dem Theater von früheren Zeiten anzunähern».

«UM!Bau» – die Spielstätte bis 2022

(upz) Während das Stammhaus von Konzert und Theater St.Gallen im Stadtpark umgebaut wird, weichen die Künstlerinnen und Künstler über die Strasse in den «UM!Bau» aus. Hier werden sie bis Ende 2022 ihre Produktionen aufführen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Musik- und Tanzstücken, da das Provisorium mit der dafür nötigen Ton- und Lichttechnik ausgerüstet ist. Das St.Galler Schauspiel wird hingegen weitgehend in den zwei Theatersälen der Lokremise Platz finden. Am Samstag war der «UM!Bau» bereits für die Bevölkerung zur Besichtigung geöffnet. Erstmals bespielt wird die neue Bühne am 24. Oktober mit der Oper «Giulio Cesare in Egitto» von Georg Friedrich Händel.

Mehr zum Thema