Eine Pfadi für alle

Sommerzeit ist Lagerzeit. Dies gilt auch für die Mitglieder der Pfadi Trotz Allem (PTA), der Pfadi für Menschen mit Behinderung. Rund 40 Jugendliche und junge Erwachsene aus den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Appenzell haben Anfang Juli in der Nähe von Frauenfeld gezeltet. Anina Rütsche (Text) und Christian Regg (Fotos) waren dabei.

Anina Rütsche
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Fussball einmal anders – Sport ist ein wichtiger Bestandteil des Lagers.

Fussball einmal anders – Sport ist ein wichtiger Bestandteil des Lagers.

Plötzlich wird es wieder hell. Verwundert blickt Carla um sich und blinzelt. Die Augenbinde ist weg, die Aufgabe erfüllt, die Taufe bestanden. Ihren ganzen Mut musste Carla zusammennehmen, um alleine und ohne etwas zu sehen die Zeitmaschine zurückzuerobern, die ein Bösewicht gestohlen hatte. Carla heisst nun Laguna – ihr neuer Pfadiname steht in geschwungenen Lettern auf der Urkunde, welche ihr die Leiterinnen und Leiter überreichen. Zum Abschluss des Aufnahmerituals gibt es für die 15-Jährige einen grossen Schluck Tauftrank. Das dunkelrote, dickflüssige Gebräu sieht alles andere als appetitlich aus. Laguna lacht trotzdem. «Laguna, Laguna, Laguna, bravo!», rufen die Pfadfinderinnen und Pfadfinder, die sich rund um ihr neues Mitglied versammelt haben. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages drängen sich in den Wald hinein und tauchen die Szene in rötliches Licht.

Die Lagerwoche als Geschichte

Dieser Sommerabend wird nicht nur der frisch getauften Laguna lange in Erinnerung bleiben, sondern der ganzen Gruppe. Die rund 40 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zelten auf einer weitläufigen Lichtung in Kalchrain zwischen Hüttwilen und Herdern, nahe Frauenfeld. Sie gehören zur Pfadi Trotz Allem, kurz PTA, zu den beiden Abteilungen Oberberg mit Mitgliedern aus St. Gallen und Appenzell sowie Summervogel aus dem Thurgau. Die PTA ist die Pfadi für junge Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder mehrfachen Behinderung (siehe Kasten). Zum Beispiel für Laguna. «Uh mega gerne» geht sie in die Pfadi.

Am Tag, an welchem sie ihren Pfadinamen bekam, feiern die «Oberbergler» und «Summervögel» den Abschluss ihres Sommerlagers unter dem Motto «Eine Reise durch die Zeit». Zu dieser Woche gehörten nebst einer Zeitmaschine eine zweitägige Wanderung mit Übernachtung im Stroh, ein Fussballturnier, ein Ausflug ins Freibad, ein Geländespiel und kreative Tätigkeiten wie Basteln, Werken und Singen. Auch Ämtli waren Teil des Lagerlebens. Ämtli, das hiess Holz sammeln, Wasserkanister auffüllen, WC-Papier holen, den Abwasch machen und Lagerberichte schreiben – alle packten mit an. Das Thema Zeitreise begleitete die Pfadfinder in Form von Aktivitäten und schauspielerischen Einlagen ihrer Leiterinnen und Leiter, die als zerstreuter Professor, blumengeschmückte Dame oder als wütende Muskelprotze auftraten und allerlei Turbulenzen verursachten. Das Happy End der Lagergeschichte war eine Hochzeit. Der Professor und seine Liebste gaben sich das Jawort, die Gäste jubelten, und dann gab es Kebab aus Cervelats.

Als sich die Gruppe an diesem späten Schlussabend gegen 22.30 Uhr im Kreis ums Lagerfeuer versammelt und das traditionelle Lied «Kein schöner Land» anstimmt, ist im Schein der Flammen manch einem Pfadfinder Müdigkeit, aber vor allem Zufriedenheit anzusehen. Nach dem Gang aufs Plumpsklo und dem Zähneputzen unter dem Sternenhimmel geht es ab in den Schlafsack. Nicht bei allen klappt dies auf Anhieb. «Wo ist mein Pischi?», tönt es aus einem der Zelte. Zum Glück ist eine Pfadileiterin mit Stirnlampe in der Nähe, die bei der Suche helfen kann.

Auf der Suche nach weiteren Leitern

Die Aktivitäten der «Oberbergler» und «Summervögel» unterscheiden sich nicht von denjenigen anderer Pfadiabteilungen. «Im Vordergrund steht nicht die Beeinträchtigung. Sondern, dass die Kinder und Jugendlichen den Pfadi-Spirit erleben können – Gemeinschaft, Abenteuer und Natur», sagt dazu Oliver Gross, in der Pfadi Neon genannt. Neon ist einer der elf Leitenden, die dieses Zeltlager seit Ende März ehrenamtlich auf die Beine gestellt haben. Der ETH-Student ist seit vergangenem Jahr Abteilungsleiter der PTA Summervogel. 2008 kam er dank einer Kollegin in diese Abteilung, denn die Gruppe aus Triboltingen war wie so oft auf der Suche nach neuen Leitern. «Zuerst war ich nicht sicher, ob ich mit dieser Rolle umgehen kann», erzählt der 22-Jährige im Hinblick auf Berührungsängste, die er damals gegenüber Behinderten hatte. «Doch bereits am Schnuppernachmittag fühlte ich mich sehr wohl in der PTA», fügt er lachend an.

Die Leitersuche ist ein Thema, das auch die in der Stadt St. Gallen beheimatete PTA Oberberg beschäftigt. «Die regulären Abteilungen haben Nachfolger aus den eigenen Reihen. Wir von der PTA müssen ausserhalb der Pfadi nach Verstärkung suchen, weil die meisten unserer Teilnehmer nie eine Leitungsfunktion übernehmen werden», erklärt der 21jährige Simon Oppitz, der den Pfadinamen Scratch trägt. Er amtet seit 2012 als Abteilungsleiter der PTA Oberberg und trägt als Lagerleiter zudem während der ganzen Woche die Hauptverantwortung. Der St. Galler kümmert sich um die organisatorischen Belange wie die Materialbestellungen, die Koordination, das Sicherheitskonzept und die Finanzen. «Das Lager kostet insgesamt rund 5000 Franken», verrät er. Die PTA erhält – wie andere Pfadis auch – Geld von Jugend + Sport (J+S), dem grössten Sportförderungswerk des Bundes. Hinzu kommen Teilnehmerbeiträge sowie Spenden von Vereinen, Stiftungen und Privaten. Ausserdem bekommen die «Oberbergler» und die «Summervögel» Nahrungsmittel geschenkt, die in den Läden nicht mehr verkauft werden können. «Wir sind froh um jede Art von Unterstützung», sagt Lagerleiter Scratch. Man könne auf unterschiedliche Weise dazu beitragen, ein solches Sommerlager zu ermöglichen. «Hauptsache, man engagiert sich.»

«Es ist fast alles möglich»

«Hilfe anbieten» und «sich entscheiden und Verantwortung tragen» sind zwei der Leitsätze aus dem Pfadigesetz. Für PTA-Leitende sind diese besonders wichtig, haben sie doch etliche Kinder und Jugendliche in ihrer Obhut, die sich im Alltag nicht immer alleine zurechtfinden. Junge Menschen mit Entwicklungsstörungen, Lernbehinderungen, Geburtsgebrechen oder Trisomie 21 bilden die Teilnehmerschar in Kalchrain. Auch gibt es PTA-Mitglieder, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Sie könnten im Zeltlager ebenfalls mit dabei sein. Doch der Zufall hat es gewollt, dass sich dieses Jahr bei beiden Abteilungen kein Rollstuhlfahrer angemeldet hat.

«Aussenstehende wundern sich oft, dass mit unseren Teilnehmern so vieles möglich ist», sagt Neon. Einige Leute würden jedoch in Frage stellen, ob so junge Leiterinnen und Leiter – sie sind zwischen 19 und 24 Jahre alt – ihrer anspruchsvollen Aufgabe gewachsen seien. Neon hat diesbezüglich keine Bedenken. «Als PTA-Leiter trägt man nicht mehr Verantwortung als jemand, der sich in einem anderen Jugendverein engagiert», ist er überzeugt. «Der einzige Unterschied zwischen nicht behinderten und behinderten Teilnehmern besteht darin, dass man letzteren genauere Strukturen vermitteln muss», sagt Neon. So sorge er beispielsweise dafür, dass die Jugendlichen regelmässig frische Kleider anziehen. «Es ist also gar nicht so extrem schwierig, PTA-Leiter zu sein», fügt der Thurgauer augenzwinkernd an. Er schätze es sehr, sich auch an den kleinen Dingen des Lebens zu freuen: «Die Teilnehmer geben einem mit ihrer Begeisterung unglaublich viel zurück.»

Kurse und Coaching für die Leiter

Ähnlich sieht es Scratch, der seit zehn Jahren zur Abteilung Oberberg gehört. «Mit der Zeit lernt man, Situationen angemessen einzuschätzen und entsprechend zu reagieren.» Ausserdem gebe es etliche Ausbildungskurse für Leiterinnen und Leiter – dies innerhalb und ausserhalb der Pfadibewegung – sowie einen Coach und den Elternrat. Bei Scratch hatte die PTA sogar Auswirkungen auf die Studienwahl: Er beginnt im Herbst die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule und möchte den Schwerpunkt auf die Sonderpädagogik legen. Die PTA behält er nach wie vor als Hobby bei: «Ich bin gerne draussen, und ich mache gerne andere Menschen glücklich.»

Wenn alle Pfadfinderinnen und Pfadfinder in ihren Zelten liegen, versammeln sich das Leitungsteam und die Lagerköche zum nächtlichen Höck in der Feldküche. Über dem Feuer brutzeln Würste, es werden Getränke und Knabbereien herumgereicht. Was ist heute gut gelaufen, was können wir verbessern? Wann gibt es Zmorge? Wer hilft beim Abbau, wer wandert mit den Kindern zur Bushaltestelle? Das alles gilt es zu besprechen. Es kann durchaus vorkommen, dass eine Leiterin oder ein Leiter nach dem Höck, noch im Campingstuhl sitzend, erschöpft ins Land der Träume entschwindet.

Witze machen, gut essen und spielen

Der letzte Lagertag beginnt kurz nach 8 Uhr. Im grossen Gemeinschaftszelt, das Sarasani genannt wird, gibt es Brote, Aufstriche und gekochte Eier. Milch und Kaffee werden ausgeschenkt. Vor dem Essen singen die Pfadfinder, jedes Mal das gleiche Lied mit dem Titel «Marmelade Karmelade», denn Fixpunkte im Tagesablauf sind wichtig und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Am Frühstückstisch sitzen neben Pfadi-Neuling Laguna, die bereits auf ihren Namen hört, auch einige erfahrene PTA-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Die 16jährige Schülerin Momo zum Beispiel ist «seit immer in der PTA Oberberg», wie sie verschmitzt sagt. «Ich bin hier, weil das Spass macht», so ihr Kommentar zum Lager, das nun beinahe zu Ende ist. Die «Summervögel» Tjuri und Tschinuk, beide 14 Jahre alt, mögen an der PTA vor allem eines: «Man kann mit den Leitern Witze machen.» Auch Schai, 15, geht gerne in die Pfadi. Vor fünf Jahren ist sie der PTA Oberberg beigetreten. Ihr gefalle, dass man in der Pfadi viele Spiele mache und gut esse. «Und meine grosse Schwester ist Pfadileiterin», sagt sie stolz.

Wie Schai blickt auch Frodo auf mehrere Jahre Oberberg-Erfahrung zurück. Der 19-Jährige hat eine Stelle im Reinigungsdienst in einer Lehr- und Arbeitswerkstätte für Menschen mit Behinderungen und bezeichnet die Pfadi als sein liebstes Hobby. Am Sommerlager gefällt Frodo vor allem, «dass man endlich einmal machen darf, was man will, ohne dass einem jemand dreinredet.» Sein 17jähriger Kollege Bosco wiederum ist begeistert vom Leben in Wald und Feld: «Eine Woche ohne Handy, das finde ich zwischendurch ganz schön.» Während er sich ein Brot streicht, fasst Bosco zusammen, was die PTA für ihn bedeutet: «Im Lager kann man so sein, wie man ist. Wir haben es lustig, helfen einander und dürfen auch mal laut sein und herumtoben. Bei uns sind alle Menschen normal.» – «Das stimmt», sagt Frodo – und nach einer Pause: «Wir sind eine Pfadi für alle, und das ist gut so.»

www.ptaoberberg.ch www.pta-summervogel.ch

Die Taufe ist bestanden – Laguna (rechts) hat die Zeitmaschine gerettet.

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Jedes Lager hat ein Motto – an der Abschlussparty wird Hochzeit gefeiert.

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Kreativität gehört dazu – zum Beispiel beim gegenseitigen Schminken.

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Gemeinsam den Weg finden – die Kartenkunde läuft spielerisch ab.

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Ämtli in der Feldküche – alle helfen mit, den Platz sauber zu halten.

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