Eine Partei arbeitet an ihrem Comeback: Die CVP will in St.Galler Stadtrat zurückkehren

Erstmals seit über 100 Jahren ist die CVP aktuell nicht in der Exekutive der Stadt St.Gallen. Das will die Partei ändern.

Daniel Wirth
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Boris Tschirky kandidierte 2017 für die CVP für den Stadtrat. Er unterlag der Grünliberalen Sonia Lüthi im zweiten Wahlgang.

Boris Tschirky kandidierte 2017 für die CVP für den Stadtrat. Er unterlag der Grünliberalen Sonia Lüthi im zweiten Wahlgang.

Hanspeter Schiess

Die christlichdemokratische Volkspartei war lange Zeit unangefochten die stärkste politische Kraft in der Stadt St.Gallen. Doch das ist eine Weile her. Der Sinkflug der CVP dauert schon viele Jahre. Knüppeldick kam es für die CVP 2016 und 2017: Sie verlor im Stadtparlament einen Viertel ihrer Mandate und flog aus dem Stadtrat. Jetzt will die CVP durchstarten.

Raphael Widmer ist seit 2017 Präsident der CVP der Stadt St.Gallen. Er ist Pilot und Rechtsanwalt.

Raphael Widmer ist seit 2017 Präsident der CVP der Stadt St.Gallen. Er ist Pilot und Rechtsanwalt.

Samuel Schalch

Die eidgenössischen und die kantonalen Wahlen sind passé, im September wird auf Gemeindeebene neu gewählt. Raphael Widmer, Präsident der CVP der Stadt St.Gallen, hat die Messlatte für die Gesamterneuerungswahlen am 27.September zwar hoch gelegt, bleibt aber mit beiden Füssen auf dem Boden: "Wir wollen zurück in den Stadtrat, aber nicht um jeden Preis."

Die Partei will niemanden verheizen

Um es mit Widmers Worten zu sagen: Die Christlichdemokraten wollen niemanden verheizen. Nur wenn jemand aus der Exekutive zurücktritt, will die CVP ernsthaft angreifen. Allgemein wird angenommen, dass Stadtpräsident Thomas Scheitlin Ende Legislatur demissioniert. Der Freisinnige wird in diesem Sommer 67 Jahre alt und ist seit 2007 im Amt.

Nur: Mit wem will die CVP antreten? 2016 unterlag die damalige CVP-Baudirektorin Patrizia Adam im zweiten Wahlgang der Sozialdemokratin Maria Pappa. Und ein Jahr später zog der Gaiserwalder Gemeindepräsident und ehemalige Tourismusdirektor Boris Tschirky gegen die Grünliberale Sonja Lüthi im zweiten Wahlgang den Kürzeren.

Patrizia Adam wurde 2016 nicht wieder gewählt als Stadträtin. Im Kantonsrat politisiert sich nach wie vor.

Patrizia Adam wurde 2016 nicht wieder gewählt als Stadträtin. Im Kantonsrat politisiert sich nach wie vor.

Regiina Kühne

"Wir haben mit verschiedenen möglichen Stadtratskandidatinnen und Stadtratskandidaten Gespräche geführt", sagt Raphael Widmer. Namen nennt er freilich keine. Dafür sei es noch zu früh.

Eine ganze Reihe Papabili

Im Stadtparlament fällt in jüngster Zeit Patrik Angehrn auf. Der Präsident der CVP/EVP-Fraktion führt im Moment das Wort der Christlichdemokraten und reicht regelmässig Vorstösse ein. Der 46-jährige Grundbuchverwalter der Gemeinde Wittenbach scheint sich in Position zu bringen für eine Stadtratskandidatur.

Patrik Angehrn präsidiert die Fraktion von CVP und EVP im Stadtparlament.

Patrik Angehrn präsidiert die Fraktion von CVP und EVP im Stadtparlament.

PD

Ein anderer CVP-Parlamentarier, dem Ambitionen nachgesagt werden, ist Beat Rütsche. Er ist gegenwärtig höchster Stadtsanktgaller. Als Präsident des Stadtparlaments geniesst er Öffentlichkeit, in der Coronakrise allerdings weniger als seine Vorgänger. Der 52-jährige Wirtschaftsprüfer arbeitet bei PricewaterhouseCoopers (PWC).

Beat Rütsche (Mitte) ist in diesem Jahr höchster Stadtsanktgaller.

Beat Rütsche (Mitte) ist in diesem Jahr höchster Stadtsanktgaller.

Urs Bucher

Immer wieder wird als möglicher CVP-Kandidat ein Mann genannt, der heute Stadtschreiber in Zug ist: der 42-jährige Martin Würmli. Der ehemalige Stadtparlamentarier und vormalige Präsident der CVP der Stadt St.Gallen ist noch immer eng mit der Gallusstadt verbunden.

2017 sagte Würmli gegenüber dem "St.Galler Tagblatt" als es um die Nachfolge von CVP-Stadtrat Nino Cozzio ging, er stehe nicht bereit für eine Kandidatur. 2020 könne die Situation anders aussehen, sagte er. Würmli ist im Verwaltungsrat der Spitalverbunde des Kantons St.Gallen. Im Juli wird er vom Kantonsrat aller Voraussicht nach im Amt bestätigt.

Martin Würmli auf dem Roten Platz in St.Gallen. Heute ist er Stadtschreiber in Zug.

Martin Würmli auf dem Roten Platz in St.Gallen. Heute ist er Stadtschreiber in Zug.

Hanspeter Schiess

Nino Cozzio war bis 2017 der bis heute letzte Christlichdemokrat im St.Galler Stadtrat. Er starb im September 2017 im Amt. Eine mögliche CVP-Stadtratskandidatin ist seine Witwe Trudy Cozzio. Die schulische Heilpädagogin und Lehrerin hat Jahrgang 1958 und will zurück in die Politik. Sie trat schon bei den Nationalrats- und Kantonsratswahlen an.

Trudy Cozzio hat politische Erfahrung. Sie war von 1996 bis 2007 Mitglied des Stadtparlaments, aus dem sie 2007 zurücktrat, weil ihr Mann in den Stadtrat gewählt worden war. Trudy Cozzio ist in der Kantonshauptstadt bekannt. Bei den Kantonsratswahlen im März holte sie im Wahlkreis St.Gallen-Gossau auf der CVP-Liste 4373 Stimmen und landete mit diesem guten Ergebnis auf dem ersten Ersatzplatz hinter den fünf Gewählten.

Trudy Cozzio machte bei den Kantonsratswahlen ein sehr gutes Resultat.

Trudy Cozzio machte bei den Kantonsratswahlen ein sehr gutes Resultat.

Bild: pd

Noch mehr Stimmen konnte Christoph Bärlocher auf sich vereinen, nämlich 5078. Er wurde wieder in den Kantonsrat gewählt, in den er vor drei Jahren für Nino Cozzio nachgerückt war. Der 41-jährige Doktor der Staatswissenschaften lebt mit seiner Familie in Eggersriet. Er ist in der Stadt St.Gallen aufgewachsen und hier heute auf vielen Ebenen aktiv.

Er leitet in vierter Generation das 1908 gegründete Baugeschäft Bärlocher. Das Unternehmen mit Sitz im Osten der Stadt hat rund 50 Angestellte. Christoph Bärlocher ist Präsident von Wirtschaft St.Gallen Ost (WSGO) und im Vorstand des Hauseigentümerverbands (HEV).

Christoph Bärlocher rückte für Nino Cozzio in den Kantonsrat nach.

Christoph Bärlocher rückte für Nino Cozzio in den Kantonsrat nach.

Urs Bucher

Die möglichen CVP-Papabili lassen sich heute noch nicht in die Karten schauen, was eine Kandidatur angeht. Parteipräsident Raphael Widmer attestiert dem gesamten Quintett Qualitäten für die Exekutive.

Genügend politisches Personal scheint bei der CVP vorhanden zu sein. Ob es den steten Sinkflug der Partei in der Stadt stoppen kann, wird sich am 27. September weisen. Ambitionen jedenfalls hat die ehemals stärkste politische Partei in Stadt und Kanton St.Gallen. Nach der Wahlschlappe vor vier Jahren sagte Raphael Widmer, die Talsohle sei jetzt erreicht.

Die Diskussion ums C im Parteikürzel

In St.Gallen war die CVP sehr ausgeprägt die Partei des katholischen Millieus. Zur Frage, ob es das C für christlich im Parteikürzel noch braucht, wird in der CVP Schweiz diskutiert. Raphael Widmer lehnt sich nicht allzu weit aus dem Fenster. Er sagt dazu: "In St.Gallen richten wir uns diesbezüglich nach der CVP Schweiz." Er wisse, die Meinungen darüber in der Gallusstadt gingen weit auseinander. Christliche Werte seien vielen CVP-Wählerinnen und -Wählern nach wie vor sehr wichtig, sagt Widmer.

Ziel bei den Parlamentswahlen: Ein Sitzgewinn

Die CVP-Liste für die Gesamterneuerungswahlen ins Stadtparlament mit seinen 63 Sitzen ist gemäss Stadtparteipräsident Raphael Widmer noch in Arbeit. Ziel sei es, eine volle Liste mit 32 Namen zu präsentieren. 31 Kandidierende sollen dabei zweimal aufgeführt werden.

Widmer, der das Parteipräsidium seit 2017 innehat, ist zuversichtlich, dass dies gelingen wird. Das Tüpfchen auf dem i wäre für den Rechtsanwalt und Piloten, wenn die Liste nach Geschlechtern ausgeglichen wäre.

Vor vier Jahren verlor die CVP einen Viertel ihrer Sitze. In der Legislatur 2013-2016 hielten die Christlichdemokraten noch zwölf Mandate, in der laufenden sind es noch deren neun. Im Herbst 2016 wurde vor allem der christlich-soziale Flügel der CVP abgestraft. Stefan Grob, der nicht wieder gewählt wurde, ist inzwischen wieder nachgerückt, dasselbe erlebte Gisela Keller.

Heute noch gleich gross wie die SVP

Mit aktuell neun Sitzen ist die CVP gleich stark vertreten wie die SVP, aber ist schwächer als die FDP (zwölf Sitze) und als die SP mit 19 Vertretern. Widmers Ziel: « Der Gewinn eines Sitzes.»

Im Laufe dieser Legislatur hat sich die CVP-Delegation im Stadtparlament verjüngt. Mit Werner Ruppeiner, Bäckermeister aus St.Georgen, und dem Architekten und langjährigen Fraktionspräsidenten Daniel Stauffacher, sind zwei Routiniers zurückgetreten und haben jüngeren Kräften Platz gemacht. An ihre Stelle rückten Louis Stähelin, der Sohn des Thurgauer alt Regierungs- und Ständerats Philipp Stähelin, und Ivo Liechti nach.

Die Bildungspolitik auf die Fahne geschrieben

Aufgefallen ist die CVP/EVP-Fraktion im Stadtparlament in jüngster Zeit mit Vorstössen in Zusammenhang mit der Bildung. Beat Rütsche war beharrlich mit Forderungen zu einem Ausbau des familienergänzenden Betreuung von Schulkindern.

Und Patrik Angehrn seinerseits wollte mit Vorstössen Licht ins Dunkel bringen, in dem sich der Dauerkonflikt zwischen Lehrerschaft und Amt für Schule und Musik bewegt und im Rücktritt der Amtsleiterin Marlis Angehrn gipfelte.

Raphael Widmer freut, dass die Exponenten seiner Partei im Stadtparlament als Bildungspolitiker wahrgenommen werden. Die CVP habe die Bildung in der laufenden Legislatur als Schwerpunkt definiert.

Die CVP hat eine Reihe mit Podiumsveranstaltungen zur städtischen Bildungspolitik angekündigt. Diese mussten zum Teil verschoben oder abgesagt werden wegen des Coronalockdown und dem damit verbunden Veranstaltungsverbot.

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