St.Gallerin über ihre Reise zum Patenkind nach Nepal: «Ich habe das auch gemacht, um die restliche Skepsis zu beseitigen»

Nach 15 Jahren Patenschaft besuchte die 24-jährige St.Gallerin Flavia Angehrn ihr Patenkind in Nepal zum ersten Mal. Sie erzählt, wie sie die Reise und die Begegnung erlebt hat und wie positiv überrascht sie vor Ort war. 

Eva Wenaweser
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Bis vor einigen Wochen kannte die 24-jährige Patin ihr Patenkind aus Nepal nur von Fotos.

Bis vor einigen Wochen kannte die 24-jährige Patin ihr Patenkind aus Nepal nur von Fotos.

Bild: PD

Wie alles begann: Patenschaft als Geschenk zur Firmung

Seit 15 Jahren hat Flavia Angehrn ein Patenkind von der Organisation World Vision in Nepal. Dieses Jahr besuchte die 24-jährige Pflegefachfrau aus St.Gallen den 19-jährigen Kushal zum ersten Mal. «Vorher hatte es sich nicht ergeben», sagt Angehrn. Aber es sei ihr wichtig gewesen, ihn kennenzulernen und zu sehen, was sie mit ihrer Patenschaft bewirkt habe. Denn wie lange ihr Patenkind noch Teil des Programms sei, wisse sie nicht, da er bald 20 werde und nicht mehr zur Schule gehe, sondern für den Lieferservice seines Onkels arbeite.

Die Organisation: World Vision

Wie läuft eine Patenschaft bei World Vision?

World Vision unterstützt rund 31'000 Patenkinder und 44 Projekte in 24 Ländern. Zu den Ländern gehören beispielsweise Nepal, Bolivien, Bangladesh und Vietnam. Mit einem monatlichen Betrag von 45, 60 oder 75 Franken (nach Absprache sind auch andere Beträge möglich), den man monatlich, vierteljährlich oder jährlich einbezahlen kann, unterstützt man ein Patenkind, mit dem man kommunizieren und sich per Briefpost austauschen kann. Wenn der Wunsch besteht, ist es auch möglich, das Kind und dessen Familie zu besuchen. Die Spende geht nicht direkt an das einzelne Kind, sondern kommt einem Projekt zu Gute, somit profitieren immer mehrere Kinder oder sogar ein ganzes Dorf davon. Das eigene Patenkind nimmt dabei eine Art Botschafterrolle ein und zeigt die Veränderung am eigenen Beispiel. (evw) 

Die Paten erhalten Briefe und Fotos von ihren Patenkindern.

Die Paten erhalten Briefe und Fotos von ihren Patenkindern. 

Bild: PD
«Die Patenschaft war ein Geschenk zu meiner Firmung.»

Diese war im Jahr 2005. Seither sei World Vision zwar immer wieder in der Kritik gestanden, aber trotzdem habe Angehrn immer einen seriösen Eindruck von der Organisation gehabt. «Wenn man für irgendetwas spendet, hat man nie eine 100-prozentige Sicherheit.» Sie habe ausserdem immer die Möglichkeit gehabt, die Projekte, die sie unterstützt, einzusehen und ihrem Patenkind Briefe zu schicken. Zudem habe sie jährlich einen Gesundheitsbericht des Kindes zugeschickt und auch weitere Berichte und Fotos erhalten. Angehrn sagt: 

«Ich gebe aber zu, dass ich diese Reise zu einem Teil auch gemacht habe, um die restliche Skepsis zu beseitigen.»

Zusätzlich habe sie sich auch einen Einblick in die Kultur erhofft, schliesslich sei Nepal kein gewöhnliches Reiseland. Die Freude, ihr Patenkind und seine Familie endlich zu treffen, überwog laut Angehrn aber jeden anderen Grund.

Von World Vision habe sie im Vorfeld ein Programm erhalten und sei überrascht gewesen, wie gut alles organisiert gewesen sei und dass sogar die Transparenz gewährleistet worden sei, ihr Patenkind und dessen Familie im Dorf zu besuchen: «Ehrlich gesagt habe ich gedacht, dass unser Treffen in einem Büro oder einer anderen Räumlichkeit von World Vision sein wird.» 

Dieses Programm erhielt Flavia Angehrn vor der Reise nach Nepal von World Vision.

Dieses Programm erhielt Flavia Angehrn vor der Reise nach Nepal von World Vision.

Bild: PD 

Die Reise und der Besuch beim Patenkind 

«Ich war positiv überrascht», sagt Angehrn, als sie ihre Ankunft im Dorf ihres Patenkindes beschreibt. Dass sich die Lebensstandards in Nepal von unseren in der Schweiz unterscheiden, sei ihr klar gewesen. Aber sie könne sehen, dass es Kushal gut gehe und er glücklich sei. «Das hat er mir auch gesagt, als ich ihn danach gefragt habe.» Obwohl bei der ersten Begegnung die Nervosität von beiden Seiten spürbar gewesen sei, habe man sich mit der Zeit immer besser unterhalten – teilweise mit, teilweise ohne Übersetzer. 

Bei dem Treffen im Community Center seien dann viele Frauen aus dem Dorf mit ihren Kindern gekommen, um Angehrn Fragen zu stellen – über die Schweiz, ihren Beruf und zu ihrer Person. «Dort sind einige kulturelle Unterschiede sichtbar geworden. Ich fand es spannend, ihre Sicht auf die Dinge kennenzulernen», sagt Angehrn. Als sie von ihrem Patenkind erfahren habe, dass es FC-Barcelona- und Eminem-Fan sei, habe sie schmunzeln müssen: 

«Am Ende des Tages ist er eben ein normaler Jugendlicher.»

Die Antworten haben sie zwar teilweise überrascht, aber sie haben Angehrn auch gezeigt, dass es ihm gut gehe. Nach einem Mittagessen bei der Tante von Kushal habe ihnen der Direktor der Schule erzählt, wie sie von World Vision unterstützt worden seien. Er habe ihr die einzelnen Veränderungen gezeigt und ihre Fragen dazu beantwortet. 

Das ist die Schule, die Kushal besucht hat.

Das ist die Schule, die Kushal besucht hat. 

Bild: PD

Rückblick auf die Reise und ein Fazit über die Patenschaft

Nach ihrer Rückkehr in der Schweiz blickt Angehrn auf die Reise zurück und sagt: «Bei der Verabschiedung habe ich sowohl von der Mutter als auch von Kushal selbst eine riesige Dankbarkeit gespürt – das war ein tolles Gefühl.» Jetzt seien alle ihre Zweifel weg, und sie sei sehr glücklich darüber, diese Erfahrung gemacht zu haben. Solange Kushal noch in dem Programm sei, werde sie ihn auf jeden Fall weiter unterstützen. Und danach hätte sie gerne ein neues Patenkind.

«Beim nächsten Mal würde ich mein Patenkind aber früher besuchen gehen, um das Kind persönlich kennenzulernen und mir das Projekt anzuschauen.»

World Vision

World Vision legt Wert auf Transparenz und erhält dafür nicht nur Lob – Pressesprecher Koch erzählt

Alexander Koch, Pressesprecher von World Vision Schweiz, bestätigt, dass Transparenz bei ihnen ein grosses Thema sei. «Jedes Patenkind gibt als authentischer Botschafter Auskunft über sein Leben und die Fortschritte in der Projektarbeit. Begegnungen mit dem Patenkind finden normalerweise in Gemeinschaftsräumen von World Vision statt. Wenn es im Land erlaubt ist und das Kind und die Familie einverstanden sind, können Patinnen und Paten im Rahmen eines Projektbesuchs auch bei ihnen zu Hause vorbeischauen und sehen, wo und wie sie leben,» sagt Koch. 

«Wir wollen so transparent wie irgend möglich sein und den Paten zeigen, wie die Kinder wirklich leben. So sehen sie auch direkt die Veränderungen durch die Spenden im Dorf.»

Dennoch gibt es auch Stimmen wie zum Beispiel von der Zewo, die Besuche kritisch beurteilen.

Alexander Koch ist Pressesprecher von World Vision Schweiz und hat selbst auch ein Patenkind in Vietnam.

Alexander Koch ist Pressesprecher von World Vision Schweiz und hat selbst auch ein Patenkind in Vietnam. 

Bild: ZVG

Koch versteht die Bedenken, denn zwischen der gewünschten Transparenz und Voyeurismus sei es manchmal nur ein schmaler Grat. «Wir sehen jedoch, dass unsere Paten wirklich interessiert sind an der Kultur. Sie empfinden es als Bereicherung, die tägliche Umgebung der Kinder, die sie unterstützen, zu sehen und zu erleben», sagt Koch. Ausserdem sei immer jemand aus der Organisation anwesend – eine Patin oder ein Pate sei daher nie alleine mit dem Kind.

Koch persönlich findet es schöner, durch ein Kind eine Bezugsperson zu dem Projekt zu haben als es einfach «anonym» zu unterstützen. Denn auch wenn der Patenschaftsbeitrag nicht dem einen Kind, sondern dem Projekt zu Gute komme, so mache das Kind das Projekt anschaulicher, greifbarer und interessanter für ihn. Er selber habe ein Patenkind in Vietnam und schätze es sehr, Fotos und Briefe von dem Mädchen zu bekommen und die Fragen des Kindes zu beantworten.

«Zudem hat World Vision eine grosse Anzahl freiwilliger Mitarbeiter, die rund dreimal im Jahr jedes Patenkind besuchen.»

Somit habe die Organisation einen sehr guten Überblick über das Wohlergehen der Kinder. Für Menschen, die diesen persönlichen Kontakt nicht wollen oder brauchen und sich durch eine Patenschaft eher gezwungen sehen, mit dem Kind Kontakt zu halten, gebe es aber auch die Möglichkeit eine Dorfpatenschaft abzuschliessen. 

Die Arbeit von World Vision in den Dörfern 

Die Projektplanung in den einzelnen Dörfern ist laut Koch ein langer Prozess: Es werde vor Ort nachgefragt, welches die Probleme seien und dann werde ein Projekt-und Budgetplan erstellt.

«Darin wird festgehalten, welche Massnahmen mit welchen Prioritäten und mit wie viel Geld umgesetzt werden.»
Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, gesund und geschützt aufzuwachsen.

Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, gesund und geschützt aufzuwachsen.

Bild: PD

Die Zeitdauer solcher Projekte sei immer langfristig – zwischen zehn und 15 Jahren – aber zeitlich begrenzt. Die lokale Bevölkerung werde von Anfang an in das Projekt eingebunden und wisse, dass sie danach die Arbeit selbständig weiterführen muss. «So wird die Bewusstseinsveränderung möglich und die Eigenverantwortung gefördert», sagt Koch. Wenn aber beispielsweise eine Dürre herrsche oder es einen Erdrutsch gebe, werde die Planung gegebenenfalls angepasst. Schwerpunkte in der Arbeit mit den Kindern ist der Schutz vor Gewalt, eine gesunde Ernährung – wozu sauberes Wasser und das Essen gehören –, Bildung und Hilfe beim Einstieg ins Berufsleben, so dass die Kinder irgendwann sich und die eigene Familie ernähren können. Zusammenfassend sagt Koch:

«Es ist unser Ziel, dass sich die Kinder gesund und geschützt bilden und frei entfalten können.»
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