«Eine Ohrfeige»: Eklat um «Mini Schwiiz – dini Schwiiz» – Appenzeller Fotograf Mäddel Fuchs überwirft sich mit TV-Machern

Der bekannte Appenzeller Fotograf hätte in der Sendung «Mini Schwiiz, dini Schwiiz» mitmachen sollen. Doch es kam anders.

Markus Rohner
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Aus der SRF-Produktion ausgestiegen: Fotograf Mäddel Fuchs in seinem Wohnort Speicher. (Bild: Hanspeter Schiess / 20. November 2019)

Aus der SRF-Produktion ausgestiegen: Fotograf Mäddel Fuchs in seinem Wohnort Speicher. (Bild: Hanspeter Schiess / 20. November 2019)

In diesen Tagen sind sie wieder einmal in der Ostschweiz unterwegs. An fünf Tagen haben die Leute von den ITV Studios Germany im Appenzellerland fünf weitere Folgen der im Schweizer Fernsehen ausgestrahlten Vorabendsendung «Mini Schwiiz, dini Schwiiz» aufgenommen. Fünf Frauen und Männer waren auserkoren, vier Gästen und dem Fernsehpublikum ihren Wohn- oder Heimatort unter den Aspekten «Freizeit», «Tradition» und «Kulinarik» vorzustellen.

Deutsche Studios produzieren Schweizer Sendung

Die Suche nach geeigneten Personen, die sich vor laufender Kamera als Tourguides betätigen, gestaltet sich nicht immer einfach. Anmeldungen von möglichen Interessenten soll es zwar mehr als genug geben, aber wie so oft sind es halt nicht die geeigneten Personen, die sich vor der Fernsehkamera sehen. Zum peinlichen Eklat kam es im letzten Jahr in der Sendung «Mini Beiz, dini Beiz», die ebenfalls von ITV im Auftrag des Schweizer Fernsehens produziert wird. Da schaffte es ein Betrüger und Halbgefangener tatsächlich als Gastgeber in die beliebte Vorabendsendung.

So begeben sich die Fernsehmacher von den ITV Studios Germany von ihrer Zürcher Filiale aus manchmal selbst auf die Suche nach Frauen und Männern, die sie gerne in ihren Sendungen hätten. Bei «Mini Schwiiz, dini Schwiiz» ist dies nicht anders. Mäddel Fuchs, der Fotograf aus dem Appenzellerland, war einer von ihnen. Mit seinen Bildbänden über appenzellisches Brauchtum und Lebensweisen ist er weit über die Region hinaus bekannt geworden. Für die Fernsehmacher der Idealfall, der dem Zuschauer zu Hause viel Interessantes und Sehenswertes aus seinem neuen Wohnort Speicher hätte erzählen ­können.

Nationalräte, Künstler und der Assistent von Edison

Mitte Oktober nahmen die Produzenten ein erstes Mal mit Fuchs Kontakt auf. Drei Tage später tauchten bereits zwei Frauen von ITV Schweiz für ein erstes Casting im Appenzellerland auf. «Ich wagte den Versuch, weil ich mir sicher war, dass mein Wohnort viele interessante und schöne Facetten bietet, die ideal ins Konzept dieser Sendung gepasst hätten.»

So wollte Fuchs dem Fernsehpublikum auf einem Spaziergang zeigen, welche wichtigen Persönlichkeiten hier aufgewachsen sind. Von den zwei Brüdern und Nationalräten Howard Eugster-Züst (SP) und Arthur Eugster (FDP) bis zu John Krüsi, dem Hauptassistenten von Thomas Edison, und dem Art-Brut-Künstler Hans Krüsi war die Rede. Dazu sollte es einen Treff mit einem Chlauseschuppel und der Frau, welche die gelben Appenzeller Sennenhosen gelb auffrischt, geben. In der Sparte Kulinarik wurde ein Besuch in der Küche des Designers Urs Bürki vorgeschlagen.

Eine Stunde Aufnahme pro Station sagten die Fernsehmacher dem Fotografen im ersten Casting mündlich zu. Als daraus ein paar Tage später 30 Minuten Drehzeit und fast alle Vorschläge zu Makulatur wurden, war Fuchs ein erstes Mal verärgert: Er war davon ausgegangen, dass diese Fernsehsendung ihrem Titel gerecht werden möchte. Um aber bald zu merken, dass er sprichwörtlich im falschen Film sass: «Wie will man in dieser kurzen Zeit vertieft einen Ort vorstellen können?» Seriöses Filmschaffen sieht in Fuchs’ Augen anders aus.

Fragwürdige Geheimhaltungsklausel

Fuchs ist nicht der Einzige, der mit ITV seine Überraschungen erlebt hat. Jemand, der vor ein paar Monaten bei «Mini Schwiiz, dini Schwiiz» seinen Auftritt hatte, sagt:

«Sehr oft wird an Drehtagen, wo alles sehr schnell gehen muss, vieles anderes realisiert, was vorher vereinbart worden ist.»

Seinen Namen darf er nicht nennen, weil er wie alle anderen einen fünfseitigen «Mitwirkendenvertrag» unterzeichnet hat. Darin ist alles detailliert geregelt, von den 350 Franken Entschädigung für eine Präsenz an fünf Tagen von 10 bis 19 Uhr bis zu einer fragwürdigen Geheimhaltungsklausel.

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer verpflichten sich, sowohl vor als auch «unbefristet danach» über «sämtliche im Rahmen seiner Tätigkeit für ITV Germany bekannt gewordenen geschäftlichen und betrieblichen Angelegenheiten von ITV Germany, der Auftraggeberin der Produktion, und sonstiger beteiligter Dritter Stillschweigen zu bewahren». Dazu gehörten auch Interviews zu führen oder seine Erfahrungen als Beteiligter zu verfassen. «Solches ist nur mit vorgängiger Zustimmung der ITV Germany zulässig.»

Willkür der Fernsehmacher

Wer einen solchen Vertrag ohne schriftliche Zustimmung zu den eigenen Vorschlägen unterzeichne, setzte sich mit Haut und Haaren der Willkür und den Launen der Fernsehmacher aus, ist Fuchs überzeugt. Die Fernsehleute könnten dann am Drehtag das zuvor mündlich Vereinbarte kurzfristig ändern und das Ganze aufs Wetter oder die Dramaturgie abschieben.

ITV reagierte auf Fuchs’ Einwände mit der Begründung, man könne den vorgestellten Ort «nur in Auszügen und nie in seiner ganzen Vielfalt vorstellen». Der «zeitliche Rahmen eines Drehtages» als auch «die Kürze der Sendung» liessen etwas anderes gar nicht zu.

Wenig Engagement, wenig Herzblut

Der Fesseln nicht genug. Die Mitwirkenden treten alle Urheber-, Eigentums- oder sonstigen Rechte aus dieser Sendung an ITV Germany mit Sitz in Köln ab. Berufsfotograf Fuchs ärgert sich:

«Das ist eine Ohrfeige und Missachtung für alle Kunst- und Kulturschaffenden, aber auch alle anderen Teilnehmer.»

 Da könne ITV meine Fotos oder Filmaufnahmen auf dem Set von ihm und allen Mitwirkenden später dann irgendwo und irgendwie weiterverwenden. Fuchs ist nun aus der Produktion ausgestiegen.

Der Fotograf aus dem Appenzellerland ist aber nur einer von mehreren, die sich an diesem Umgang stören. Auch andere Kulturschaffende, die mit ITV Kontakt hatten, beklagen sich. Man lasse wenig Engagement und Herzblut in diese Produktion einfliessen, wird bemängelt. Fuchs ist überzeugt:

«Wenn das mit unseren Zwangsgebühren finanzierte öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen eine Sendung mit engem Bezug zu allen Regionen des Landes auf diese Art herstellen lässt, kommt sie dem Service public nicht mehr nach.»

Die Sendung «Mini Schwiiz – dini Schwiiz» könnte für den Fernsehzuschauer ein ideales Fenster in die Schweiz hinaus sein und hätte deshalb eine ausreichende Finanzierung durch SRF verdient. Dann könnte man auch auf diese oberflächliche Billigproduktion verzichten.

Negativschlagzeilen für SRF wegen Kölner Firma

An der Schärenmoosstrasse 105 in Zürich, gleich neben den Fernsehstudios von SRF, betreibt die ITV Studios Germany GmbH mit Hauptsitz Köln ihre Schweizer Niederlassung. Die Nähe zum Schweizer Fernsehen ist kein Zufall. In den letzten Jahren hat ITV im Auftrag von SRF verschiedene Reality-Soaps (darunter «Mini Beiz – dini Beiz», «Mini Schwiiz – dini Schwiiz») produziert.

ITV Studios Germany ist eine senderunabhängige TV-Produktionsfirma und gehört zu 100 Prozent dem britischen Medienkonzern ITV plc. Die Firma realisiert Formate wie «Das perfekte Dinner», die deutsche Ausgabe von «Der Bachelor» oder auch «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus», besser bekannt als das «Dschungelcamp». Als 2014 bekannt wurde, dass ITV im Auftrag von SRF «Mini Beiz – dini Beiz» produzieren wird, gab es viel Kritik. Der damalige SRF-Unterhaltungschef Christoph Gebel wehrte sich: «Wir bieten keine Subventions- und Überlebenshilfe für Schweizer TV-Produzenten.» Der Auftrag sei ausgeschrieben worden, doch die eingereichten Konzepte aus der Schweiz hätten zu wenig Qualität gehabt.

«Wichtige Faktoren bei der Wahl sind Produktionserfahrung, Know-how sowie Rechte beziehungsweise Lizenzen», ergänzte damals ein SRF-Sprecher. «Was ITV für das Schweizer Fernsehen produziert, könnten einheimische Firmen mit Sicherheit besser machen», sagt dagegen ein privater Filmproduzent, der auch für SRF arbeitet. Nur wäre es halt ein bisschen teurer als bei den Billig-Produzenten aus Köln. Auf Kritik stiess die Auslagerung der Produktion nach Deutschland auch beim Schweizerischen Syndikat Medienschaffender (SSM). «Sinnvoller wäre es, wenn SRF seine externen Aufträge an Schweizer Firmen vergeben würde», sagte ein SSM-Sprecher gegenüber der Keystone-SDA. «Es gibt auch hier Firmen, die ein solches Format produzieren könnten.» (M.R.)