Eine Kugel für General Wille

ST. GALLEN. «Ein schöner, sternklarer Abend hat den Haupttag der Mobilisation unserer Division abgeschlossen. Vor der <Walhalla>, wo General Wille Quartier bezogen hat, staute sich eine grosse Menge. (…) Um halb sechs Uhr traf General Wille ein, vom Publikum freudig begrüsst.

Peter Stahlberger
Drucken
Teilen
«&hellip;so soll eine Kugel nicht fehlen»: Die Erschiessungsdrohung gegen General Wille, abgeschickt in St. Gallen. (Bild: Stadtarchiv St. Gallen)

«…so soll eine Kugel nicht fehlen»: Die Erschiessungsdrohung gegen General Wille, abgeschickt in St. Gallen. (Bild: Stadtarchiv St. Gallen)

ST. GALLEN. «Ein schöner, sternklarer Abend hat den Haupttag der Mobilisation unserer Division abgeschlossen. Vor der <Walhalla>, wo General Wille Quartier bezogen hat, staute sich eine grosse Menge. (…) Um halb sechs Uhr traf General Wille ein, vom Publikum freudig begrüsst. (…) Nur einen Wunsch hegten alle, die unten Kopf an Kopf gedrängt standen: Sie wollten den Führer der Armee begrüssen und ihm beweisen, wie sehr er die Sympathien der St. Galler geniesst. Um halb sieben Uhr erschien plötzlich der General an einem Fenster des Hotels, worauf das Publikum ihm eine herzliche, spontane Ovation darbrachte, in Hochrufe ausbrach und die Hüte schwenkte.»

So berichtete das Tagblatt in seiner Morgenausgabe vom 12. Mai 1915 über den Besuch Ulrich Willes in St. Gallen am Tag zuvor. Anlass dazu war der Auftakt zur zweiten Aktivdienstphase der Ostschweizer 6. Division.

Drohung per Post

Doch so ganz einhellig scheinen die Sympathien für den General nicht gewesen zu sein. Dieser umgekehrt bewies einigen Mut, als er sich an jenem 11. Mai 1915 dem Publikum vom Hotelfenster aus zeigte. Bei Recherchen, die einem ganz anderen Thema galten, bin ich im St. Galler Stadtarchiv auf eine «Bekanntmachung (Streng vertraulich.)» des kantonalen Polizeikommandos vom selben Datum gestossen. Auf dem A4-Blatt abgebildet ist ein Briefumschlag, adressiert «Ans Militärdepartement. Bern» und abgestempelt in St. Gallen am 5. Mai 1915. In den Umschlag eingelegt war ein ebenfalls abgebildeter Zettel mit einer – vielleicht aus Absicht – unbeholfen formulierten Erschiessungsdrohung.

«Streng diskret fahnden»

«Eine ernste Mahnug. Solte Wille nach St Gallen kommen so soll eine Kugel nicht fehlen», lautet der Text auf dem Zettel. Mit der «Bekanntmachung» wurden die Polizeiorgane angewiesen, «nach der gänzlich unbekannten Urheberschaft der Drohschrift in streng diskreter Weise zu fahnden. Jede Bekanntgabe an die Presse ist strengstens zu vermeiden.» Die Fahndung scheint erfolglos geblieben zu sein. Im Stadt- wie im Staatsarchiv St. Gallen liessen sich jedenfalls keine weiteren Hinweise auf das Thema finden.

Aktuelle Nachrichten