Interview

«Trogen ist eine Gemeinde, die lebt»: Der Ostschweizer Gemeindeforscher Lineo Devecchi über Dorfplätze und Steuerfüsse

Lineo Devecchi erforscht und berät Ostschweizer Gemeinden. Im Interview spricht der Co-Leiter des Ostschweizer Zentrums für Gemeinden über Dorfplätze, Solidarität und Schwarzmalerei.

Katharina Brenner und Adrian Lemmenmeier
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Politologe Lineo Devecchi bringt Bevölkerung und Gemeinderat an einen Tisch: «Bereits das Zusammensitzen belebt ein Dorf.»

Politologe Lineo Devecchi bringt Bevölkerung und Gemeinderat an einen Tisch: «Bereits das Zusammensitzen belebt ein Dorf.»

Bild: Urs Bucher

In welcher Gemeinde wohnen Sie?

Lineo Devecchi: In Zürich.

Wieso zügeln Sie nicht in die Ostschweiz?

Das hat einen einfachen, praktischen Grund: Meine Partnerin arbeitet in Bern. Zürich ist in der Mitte.

Welche Ostschweizer Gemeinde käme sonst für Sie in Frage?

Ich bin gerne in Städten daheim. Aber wenn es nicht die Stadt St.Gallen wäre, dann ein Dorf wie Trogen.

Warum gerade Trogen?

Weil es eine Gemeinde ist, die lebt. Es hat Menschen, die sich ums Dorfleben kümmern, und einen zentralen Platz, auf dem man sich begegnet. Es gibt Beizen. Ähnliche Sachen, die ich auch an einer Stadt schätze.

Wie schaffen es Politik und Gesellschaft, ein Dorf lebendig zu halten?

Oft helfen historisch gewachsene Strukturen wie ein Dorfplatz. Agglomerationsgemeinden haben es schwieriger: Da geht es vor allem ums Wohnen und dass man schnell woanders hin kommt. Es gibt grosse Strassen, aber immer weniger Zentren, in denen sich Menschen begegnen. Wenn eine Gemeinde will, kann sie natürlich etwas machen.

Und was?

Es ist ganz wichtig, Offenheit gegenüber der Bevölkerung zu signalisieren, ihre Anliegen und das vorhandene Kreativpotential ernst zu nehmen. Wir sind fest überzeugt, dass partizipative Verfahren helfen, die Leute an einen Tisch zu bringen und neue Ideen zu entwickeln. Bereits das Zusammensitzen und Vernetzen belebt ein Dorf. Es bringt die Generationen zusammen.

Und Sie bieten diese Verfahren an?

Das ist eines unserer Dienstleistungsangebote. Wir überlegen gemeinsam mit den Gemeinden: Was ist die Herausforderung? Was machen wir jetzt? Und wie kann die Bevölkerung teilhaben?

Zum Beispiel?

Ein Mitglied der Energiekommission in Egnach kam auf uns zu: Wie kann die Bevölkerung in Energiefragen einbezogen werden? Wir haben den Gemeinderat ins Boot geholt und gemeinsam die Bevölkerung zu einem Mitwirkungstag eingeladen: Was ist heute zu tun, um die Gemeinde nachhaltig und enkeltauglich zu entwickeln? Als eines von neun Projekten wird der Bahnhof Steinebrunn zum Vorzeige-Bahnhof der Südostbahn für Biodiversität.

Beteiligen sich an Ihren partizipativen Verfahren vor allem jene Personen, die ohnehin schon an Bürgerversammlungen gehen?

Diese kommen in der Regel. Aber sie trauen sich mehr und sind kreativer. Wir versuchen, die gesamte Bevölkerung abzubilden: Jung, alt, mit und ohne Stimmberechtigung. So beteiligen sich mehr und andere Personen als an der Bürgerversammlung. In Egnach waren es 110.

Von Gemeindepräsidenten ist teils zu hören, Gemeindeberatungen gebe es nur, damit Fachhochschulen etwas zu tun haben.

Das Ostschweizer Zentrum für Gemeinden wurde gegründet, weil Gemeinden oft auf die Fachhochschule zukamen und zum Beispiel Unterstützung bei strategischen Fragen oder für ein Jugendkonzept wollten. Wir überlegen, welche weitere Expertise gefragt ist, und versuchen, interdisziplinär die Fragestellung anzugehen. Wir fühlen den Puls der Gemeinden.

Wo spüren Sie keinen Puls mehr?

Wir sehen grosses Engagement. Irgendein Thema treibt jede Gemeinde um. Häufig sind es ähnliche.

Welche Themen sind das?

Was Menschen in ihrem Leben beschäftigt, von der Wiege bis zur Bahre. Auch die grossen globalen Themen sind in den Gemeinden präsent: der demografische Wandel, der Klimawandel, die Digitalisierung. Wenn die amerikanische Regierung die Steuerpolitik anpasst, merkt man das indirekt in Wittenbach.

Welche Gemeinden meistern diese Herausforderungen besonders gut?

Lichtensteig ist ein gutes Beispiel für die Belebung des Städtlis mit einer geschickten Immobilienpolitik. Im alten Rathaus ist das Rathaus für Kultur entstanden.

Stimmt es, dass die Identifikation mit den Gemeinden abnimmt?

So pauschal würde ich das nicht sagen. Familien mit Kindern identifizieren sich häufig mit ihren Wohngemeinden. Und im Sport ist der Lokalpatriotismus gross. Das Freiwilligenengagement hingegen verändert sich – zu Lasten klassischer Vereine. Man engagiert sich immer noch dort, wo man lebt. Aber heute haben viele mehrere Lebensmittelpunkte und sind mobiler.

Was stiftet Identität in einer Gemeinde?

Das Gemeindehaus, das Feuerwehrdepot, das Schulhaus, der Dorfplatz, die Aussicht etwa auf den Säntis, Beizen und natürlich soziale Kontakte. Auch Vereinslokale darf man darum nicht unterschätzen.

Warum wird es immer schwieriger, Leute für das Amt des Gemeindepräsidenten zu begeistern?

Eine Abstimmung wie die jüngst über Behördenlöhne zeigt, dass eine gewisse Skepsis gegenüber der Arbeit von Gemeindepräsidenten und damit die Rechenschaftspflicht zunimmt. Gemeindepräsidenten müssen heute extrem gut kommunizieren können. Der mediale Druck ist hoch. Und es kommen immer neue Aufgaben auf sie zu.

Von welcher Seite?

Die Zentralisierungstendenz nimmt zu. Gemeindepräsidenten sagen mir, dass sie jede Woche ein neues Merkblatt von einem kantonalen Amt erhalten, das sie umsetzen müssen. Gleichzeitig gibt es nicht mehr Geld. Das Frustrationspotenzial steigt.

Gemeinden brüsten sich oft mit steigenden Einwohnerzahlen und steigendem Steuersubstrat. Müssen Gemeinden wachsen?

In St.Gallen nagt es am Selbstwertgefühl, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Schweizer Städten langsamer wächst. Dabei merken die Bewohner nicht, ob dort 1000 Personen mehr oder weniger leben. Eine Gemeinde muss nicht wachsen. Ein ausgeglichenes Budget kann man auch mit gleich vielen Personen wie gestern haben. Aber unsere Gesellschaft wird älter. Und das kostet. Den Gemeinden ist das bewusst, darum wohl der Wachstumsgedanke.

Welche Rolle spielt der Steuerfuss beim Wachstum?

Er schwingt im Hinterkopf bei politischen und individuellen Entscheidungen mit. Die Leute müssen das Gefühl haben, dass er akzeptabel ist. Natürliche Personen achten erst ab einem Einkommen von circa 200'000 Franken auf den Steuerfuss. Meistens entscheiden weiche Faktoren, wo jemand wohnt. So wie in meinem Fall. Und viele finden einen Job und wohnen dann in der Nähe.

Der Steuerfuss in Mörschwil ist halb so hoch wie derjenige in Degersheim. Ist das fair?

Letztlich ist es eine Frage der Solidarität. Es braucht eine politische Debatte darüber, wie ähnlich die Spiesse sein sollten. Wichtiger finde ich darum die Frage, wie viel Geld die Gemeinde selber ausgeben kann. Hundwil zum Beispiel hat viele Strassen, die über Hügel führen. Die müssen unterhalten werden. Eine solche Gemeinde hat etwa 90 Prozent gebundene Ausgaben.

Ostschweizer Gemeinden spüren den Sog, den Zürich ausübt. Viele Junge bleiben nach dem Studium dort. Wie holt man sie zurück?

Wer nur in der grossen Stadt glücklich wird, ist für die Ostschweiz wohl nicht zu gewinnen.

Und alle anderen?

Da können Gemeinden gemeinsam mit Unternehmen etwas beitragen. Wer eine Kita in Kombination mit Home-Office und Co-Working-Space, also ein cooles Gesamtpaket anbietet, kann Junge zurückholen. Darauf haben Gemeinden einen Einfluss, weil sie öffentliche Angebote und den Boden stellen, auf dem sich Unternehmen ansiedeln. Und sie könnten noch mehr zusammenarbeiten bei Business Hubs mit ÖV-Anschluss oder Mobility-Standorten.

Sie führen Dorfgespräche um den Bodensee herum. Was kann die Ostschweiz von Gemeinden im nahen Ausland lernen?

Interessant ist, dass die kleinen Gemeinden um den See oft die gleichen Probleme haben. Man geht aber unterschiedlich damit um. In Vorarlberg werden zum Beispiel Nahversorger subventioniert, wenn sie in kleinen Gemeinden einen Laden aufmachen. Als die Schweizer Gemeindepräsidenten das hörten, staunten sie. Umgekehrt ist es in Vorarlberg und Süddeutschland momentan unmöglich, dass man sich Lebensmittel überall nach Hause liefern lassen kann.

Die Schweiz hört nach Winterthur auf, heisst es oft. Hat die Ostschweiz Grund zur Schwarzmalerei?

Ich nehme die Ostschweizer Gemeinden überhaupt nicht als verzweifelt wahr. Ich will aber nicht bestreiten, dass man laut sein muss, wenn man in Bern etwas erreichen will.

Der Dorfforscher

Vor drei Jahren kam Lineo Devecchi als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Ostschweizer Zentrum für Gemeinden der Fachhochschule St.Gallen. Seit gut einem Jahr leitet er das Zentrum gemeinsam mit Stefan Tittmann. Devecchi hat in Zürich Politikwissenschaft studiert und dort sowie in Paris zur Entwicklung von Schweizer Gemeinden doktoriert. Bevor er an die Uni ging, absolvierte er eine Ausbildung zum Pflegehelfer und arbeitete in Zürcher Spitälern und Alterszentren. Der 36-Jährige ist im Rheintal und am Zürichsee aufgewachsen und lebt in Zürich. Seine Lieblingsgemeinde ist Paris. (kbr)

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