Eine Frau kostet 2000 Franken

Die Ermittlungen gegen Menschenhändlerringe seien enorm schwierig, sagt ein spezialisierter Fahnder der Kantonspolizei St. Gallen. «Die Opfer leugnen jede Gewalt, denn die Menschenhändler schrecken vor gar nichts zurück.»

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In Ostschweizer Bordellen entdecken Fahnder immer wieder Opfer von Menschenhandel. (Bild: epa/Jim Lo Scalzo)

In Ostschweizer Bordellen entdecken Fahnder immer wieder Opfer von Menschenhandel. (Bild: epa/Jim Lo Scalzo)

Er könnte auch Zahnarzt oder Primarschullehrer sein. Ein unauffälliger Typ; robuste Schuhe, Jeans und grauer Pullover, kurze dunkelblonde Haare. Um den Hals trägt er eine feine, goldene Kette. Er ist nicht gross, nicht klein, weder hübsch noch hässlich, nicht alt, nicht jung. Selbst sein Händedruck ist weder besonders fest, noch besonders schlaff. Kein Mann, der einem in Erinnerung bleibt.

Das Unscheinbare ist Teil seines Jobs. Er gehört zu jener Handvoll Polizisten, die in der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Nicht bekannt sein dürfen. Er ist ein Fahnder der Kantonspolizei St. Gallen, zuständig für Tötungsdelikte und Spezialist für Menschenhandel. «Ich bin Derrick», sagt er und lächelt aus müden Augen. Gerade in der vergangenen Nacht war er wieder «Räuber fangen», wie er es seinen Kindern jeweils erklärt, wenn er ausrückt.

«Moderne Sklaverei»

Zweimal im Monat geht er ins Bordell. Verdeckt. Er mischt sich unter die Gäste, unter die Freier und versucht, Prostituierten und Angestellten möglichst viele Informationen zu entlocken. Wie er dabei genau vorgeht, will er nicht preisgeben. «Unsere Strategien sind unsere Trümpfe gegenüber den Menschenhändlern. Die dürfen wir nicht leichtfertig verspielen.»

Menschenhandel sei «eine Art moderne Sklaverei», die in der Haushaltshilfe, in der Pflege, vor allem aber im Rotlichtmilieu vorkomme, sagt der Fahnder. Betroffen davon sind meistens Frauen aus ärmeren Ländern wie Brasilien, Rumänien, Weissrussland, Ungarn oder Thailand.

Frauen mehrfach vergewaltigen

Die Geschichten der Opfer ähneln sich. So genannte Loverboys bandeln mit den Frauen in ihren Heimatländern an, gewinnen ihr Vertrauen und versprechen ihnen einen guten Job im Ausland. In der Hoffnung, den ärmlichen Verhältnissen und der Perspektivenlosigkeit zu entkommen, sagen sie zu. Und geraten in die Fänge der Menschenhändler. «Für 2000 bis 3000 Franken werden die Frauen an einen Zuhälter verkauft.» Diese Informationen entnehmen die Fahnder den Telefongesprächen, die sie gelegentlich abhören können. Danach werden die Frauen an einem versteckten Ort «zugeritten» – mehrfach vergewaltigt. Ist ihr Wille gebrochen, schicken die Zuhälter die Frauen in die Schweiz, wo sie in einem Bordell oder auf dem Strassenstrich horrende Summen für Reisekosten abarbeiten müssen. Die Frauen sind meist zwischen 18 und 22 Jahre alt, der Fahnder nennt sie «Meitli».

«Wir erhalten jeden Tag Meldungen aus dem In- und Ausland über mutmassliche Opfer, die sich in einem Bordell im Kanton St. Gallen aufhalten könnten», sagt der Fahnder. Besteht ein konkreter Verdacht, wird er selber aktiv, sonst beauftragt er die Regionalpolizei. Oftmals fehlten aber die Ressourcen. Besonders wenn es eile, sei das ärgerlich. «Die Frauen werden so schnell von einem Ort zum anderen transportiert, man verliert sie rasch aus den Augen.»

Wenige Fälle vor Gericht

Umso wichtiger sei die interkantonale und internationale Zusammenarbeit. «In der Schweiz halten sich meist nur die Opfer und die Zuhälter auf. Die Zwischenhändler und die Loverboys sind in ihren Heimatländern.» In der Regel sind es allesamt Ausländer. Die Schweizer wirkten eher als «stille Profiteure», in deren Bordellen hübsche Frauen arbeiten. «Die Kantone und Länder liefern einander solange Mosaiksteinchen, bis ein Fall überschaubar wird.» Dann kommt es zu einer Anklage. Wie kürzlich im Fall eines Ehepaars, das vom Kreisgericht Mels des Menschenhandels schuldig gesprochen wurde. Es hatte junge Ungarinnen zur Prostitution auf den Zürcher Strassenstrich geschickt.

Die meisten Fälle aber schaffen es nicht bis vor ein Gericht. Im Kanton St. Gallen waren es in den vergangenen Jahren gerade einmal eine Handvoll. Grund dafür ist die Angst der Frauen vor den Menschenhändlern. «Die Angst ist so gross, dass sie jeden Zwang leugnen – selbst wenn alle Indizien darauf hinweisen, dass sie ausgebeutet werden», sagt der Fahnder. Er erinnert sich an eine Frau, die am ganzen Körper Prellungen und vaginale Verletzungen hatte. «Der Fall war klar, die Frau war ein Opfer. Während der Befragung aber behauptete sie, auf Sadomaso zu stehen, die Gewalt törne sie an.» Der Fahnder zuckt mit den Schultern. «Da ist nichts zu machen.» Ohne die Aussagen der Frauen könnten sie die Täter kaum belangen. «Die Menschenhändler schrecken vor nichts zurück. In diesem Milieu treffen wir die ganze Bandbreite der Gewaltverbrechen an, bis hin zum Mord.» Vor zwei Jahren erst ist die Leiche einer Frau, die auch in St. Galler Puffs gearbeitet hatte, in Wien gefunden worden.

Kein Platz für Emotionen

Da ertönt ein Old-School-House-Klassiker: «Here is my key, philosophy. A freak like me just needs infinity.» Es ist sein Handyklingelton, ein Arbeitskollege ruft an. Seit 20 Jahren arbeitet er bereits bei der Polizei. Die ganz schweren Delikte haben ihn von Anfang an interessiert. «Je brutaler der Fall, desto stärker treibt mich mein Gerechtigkeitssinn an, den Täter zu fassen.» Emotionen hätten da keinen Platz. «Ob ich eine hingerichtete Frau oder einen anderen Getöteten sehe, ich konzentriere mich auf meine Aufgabe», sagt er. Mit Aussenstehenden spricht er sonst nicht über seinen Job. Nicht einmal seiner Frau erzählt er, woran er konkret arbeitet. «In diesem Job wird man abgebrüht», sagt er. Und nach einer kurzen Pause: «Ob mich die Geschichten irgendwann doch einholen, weiss ich nicht. Die Belastung ist riesig.»

Selbst die Opfer profitieren

Die Ermittlungen gegen Menschenhändlerringe seien schwierig, weil meist alle Beteiligten mit dem schmutzigen Geschäft Geld verdienen – selbst die Opfer. Deshalb sei keiner daran interessiert, dass die Verbrechen aufgedeckt werden, sagt der Fahnder. Umso wichtiger seien die regelmässigen Kontrollen der Bordelle durch die Regionalpolizei. Selbst dazu fehle aber oftmals das Personal. «Es ist wie früher auf dem Schellenacker in St. Gallen oder dem Platzspitz in Zürich. Hätten dort keine Kontrollen stattgefunden, wären die Leute dort offiziell Camper gewesen und keine Drogensüchtige und Dealer.» Deswegen sei es auch so schwierig zu beurteilen, wie häufig Menschenhandel vorkomme. Je intensiver man ermittle, desto mehr Opfer finde man.

Ein Spiel mit Regeln

Dass er einigen Frauen nicht helfen kann, versteht der Fahnder nicht als persönlichen Misserfolg, sondern als gesellschaftlichen. «Wir können nicht überall sein», sagt er. «Mit diesem Frust müssen wir umgehen können.» Wie im Fussball gebe es auch in der Polizeiarbeit Spielregeln. Verdeckt ermitteln dürfen sie nur, wenn das Zwangsmassnahmengericht des Kantons die Einwilligung dazu gibt. Und dies setze voraus, dass bereits Verdachtselemente vorliegen. Ohne Einwilligung können die Aussagen der Frauen vor Gericht nicht verwendet werden. Dabei sei gerade das verdeckte Ermitteln sinnvoll, um an ein mutmassliches Opfer heranzukommen. Ein überfallartiges Eingreifen in Vollausrüstung könnte die Frauen zusätzlich verängstigen, so dass sie mit der Polizei erst recht nicht mehr sprechen.

Entscheidet sich eine Frau doch auszusagen, ist es die Aufgabe des Fahnders, ihren Zeugenschutz zu koordinieren. Und später die sichere Rückführung in ihr Heimatland zu veranlassen. «Bis die ausgebeuteten Frauen von sich aus zu uns kommen, braucht es aber extrem viel.» Entführte Kinder im Heimatland oder heftige Gewalt könnten solche Auslöser sein.

«Für mich ist es jedes Mal ein kleiner Erfolg, wenn wir einen Menschen aus einer misslichen Situation retten können», sagt der Fahnder. Dann verschwindet er. Unscheinbar. Und weiter der «modernen Sklaverei» auf der Spur. Jeanette Herzog