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«Eine Frage der Pietät»: Wie Gaffer und Handyfilmer für Ärger bei Ostschweizer Blaulicht-Organisationen sorgen

Polizisten, Feuerwehr-Angehörige und Sanitäter in der Ostschweiz sind zunehmend mit Gaffern konfrontiert. Eine speziell fragwürdige Rolle spielen dabei die Leserreporter.
Daniel Walt
Neugierde ist menschlich – wer nicht allzu nahe ans Geschehen herangeht, bekommt kaum Probleme. (Symbolbild: Keystone)

Neugierde ist menschlich – wer nicht allzu nahe ans Geschehen herangeht, bekommt kaum Probleme. (Symbolbild: Keystone)

«Gaffen kann jeder – helfen muss man wollen. Zeigen Sie Anstand und Respekt!» Mit dieser Botschaft machte die Feuerwehr Wil vor kurzem national Schlagzeilen. Die mahnenden Worte stehen auf einem Sichtschutz zu lesen, den die Brandbekämpfer aus der Äbtestadt beschafft haben. Mit der Aktion hat die Wiler Feuerwehr all jenen den Kampf angesagt, die bei Unglücksfällen an vorderster Front dabei sind, obwohl sie dort gar nichts zu suchen haben.

1980 ist Hans Schuhwerk in die Feuerwehr Arbon eingetreten, seit 13 Jahren wirkt er als deren Kommandant. Er sagt:

«Das Problem der Gaffer hat sich verschärft.»

Dazu tragen insbesondere jene Menschen bei, die bei Einsätzen von Blaulicht-Organisationen ihr Handy zücken und Bilder machen. «Wir hatten Fälle, in denen Aufnahmen eines Brandes bereits nach zehn Minuten auf Facebook die Runde machten», sagt Schuhwerk.

Über einen Sichtschutz verfügt die Arboner Feuerwehr bereits seit einiger Zeit – allerdings einen ohne Botschaft an die Gaffer. Generell schätzt Schuhwerk, dass seine Leute bei mindestens der Hälfte der Einsätze mit Gaffern konfrontiert sind. Wenn die ungebetenen Beobachter aufgefordert werden, mehr Abstand zu halten, reagieren die meisten verständnisvoll, wie Schuhwerk sagt.

«Und sonst schreitet halt der Chef ein, und es wird mal etwas lauter.»

Letztlich könne man beim Thema Gaffer bloss immer wieder an die Vernunft der Menschen appellieren, findet er.

Teils zusätzliche Patrouillen nötig

Die St.Galler Kantonspolizei spricht von einer bis zwei Handvoll Fällen pro Jahr, in denen klassische Gaffer an Einsatzorten wirklich lästig werden. «Insbesondere am Wochenende und zu nächtlicher Stunde, wenn auch noch Alkohol im Spiel ist, kommt es teils sogar vor, dass wir zusätzliche Patrouillen aufbieten müssen, die sich um die Gaffer kümmern», sagt Mediensprecher Florian Schneider.

Viel mehr als mit den klassischen Gaffern hat aber auch die Polizei mit jenen Zeitgenossen zu kämpfen, die am Schauplatz von Unfällen oder Verbrechen ihr Handy zücken und Aufnahmen machen, um diese an Online-Portale zu verkaufen. Die bizarre Folge: Immer wieder kontaktieren Journalisten aufgrund von Leserbildern die Polizei – und diese hat noch nicht einmal Kenntnis vom entsprechenden Vorfall.

«Wie würde ein solcher Gaffer wohl reagieren?»

Auch der Thurgauer Kantonspolizei machen Leserreporter das Leben schwer. Mediensprecher Mario Christen erinnert sich: Einmal filmte jemand auf der Autobahn vom Steuer eines fahrenden Wagens aus eine Reanimation. Die verantwortliche Person wurde ausfindig gemacht und angezeigt. Christen:

«Hier stellen wir uns die Frage, wie ein solcher Gaffer wohl reagieren würde, wenn eigene Angehörige in einer solchen Situation gefilmt würden.»

Grundsätzlich sind ihm keine Fälle bekannt, bei denen die Polizeiarbeit im Thurgau durch Gaffer gravierend behindert worden ist. Gefährlich würden Gaffer allerdings dann, wenn sie im Verkehr unterwegs seien beziehungsweise fotografierten oder filmten, während sie an einer Unfallstelle vorbeiführen. «Dadurch entsteht eine grosse Gefahr für weitere Kollisionen», so Mario Christen, laut dem es schon diverse Anzeigen deswegen gegeben hat.

«Eine Frage der Pietät»

Welche Möglichkeiten hat die Polizei überhaupt, um zu verhindern, dass potenzielle Leserreporter zu nahe ans Geschehen kommen? Mario Christen erwähnt Absperrungen und Sichtschutzwände. «Falls Gaffer im Weg sind oder die Polizeiarbeit stören, können sie weggewiesen oder sogar strafrechtlich belangt werden», hält er fest.

Florian Schneider von der St.Galler Kantonspolizei sagt, ganz werde man das Fotografieren und Filmen bei Ereignissen in der Öffentlichkeit nicht verhindern können. Er findet:

«Grundsätzlich ist es einfach eine Frage der Pietät, ob man Opfer fotografiert oder nicht. Es zu tun, ist einfach daneben.»

Wenigstens sei es so, dass die Medien solche Leserbilder letztlich auch nicht publizierten.

Die Aktion der Feuerwehr Wil begrüssen sowohl Schneider als auch Christen. Der Thurgauer Polizeisprecher fügt allerdings an: «Es macht nachdenklich, dass solche Massnahmen getroffen werden müssen.»

Retter bieten wenn nötig die Polizei auf

«Der Rettungsdienst hat kein Interesse und oftmals auch nicht die Zeit, auf Konfrontationskurs mit Gaffern zu gehen», sagt Conny Brunschwiler vom Ausserrhoder Spitalverbund. Stören die Gaffer den Arbeitsablauf oder werden ungefragt Bilder und Videoaufnahmen mit Personenerkennung gemacht, so werden die entsprechenden Personen gebeten, diese zu löschen und den Einsatzort zu verlassen. Geschieht dies nicht, so wird die Polizei aufgeboten – Brunschwiler:

«Behinderung der Hilfeleistung ist ein Tatbestand und kann geahndet werden.»

Spezielle Anziehungspunkte für Gaffer sind laut Brunschwiler öffentliche Gebäude wie Bahnhöfe, Einkaufszentren oder Orte mit viel Durchgangsverkehr. Generell sei das Rettungspersonal genügend geschult, um deeskalierend auf störende Gaffer zuzugehen und sie darum zu bitten, Abstand zu halten – meistens genüge dies auch.

«Es kommt äusserst selten vor, dass die Rettung St.Gallen bei ihren Einsätzen durch Gaffer in irgendeiner Form behindert wird», sagt deren Kommunikationsbeauftragter Philipp Lutz. Einen Grund dafür sieht er in der Zusammenarbeit mit der Polizei und den Feuerwehren, welche die Unfallstelle sichern und diese falls nötig auch vor allzu neugierigen Blicken schützen.

Natürlich stelle aber auch die Rettung St.Gallen fest, dass heutzutage sehr schnell noch rasch das Handy für ein Foto gezückt werde. Das Projekt der Feuerwehr Wil begrüsst die Rettung St.Gallen – insbesondere wenn es dazu beitrage, dass man sich wieder vermehrt Gedanken zum Thema mache und sich getraue, erste Hilfe zu leisten.

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