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Eine Familie für Tahir Ibrahimi

WITTENBACH. Mit 16 Jahren liess Tahir Ibrahimi seine Familie und sein Leben in Pakistan hinter sich. Traumatisiert und depressiv erreichte er zwei Jahre später die Schweiz. Familie Frischknecht aus Wittenbach nahm sich des 21-Jährigen an. Dafür wurden sie von der Schweizerische Flüchtlingshilfe zum „Dream-Team 2014“ gekürt.
Noemi Heule
Zuwachs für die Familie Frischknecht: Mutter Anette, Vater Tschiggo und die Töchter Benita und Linda mit Büsi Söckli nahmen den Flüchtling Tahir Ibrahimi auf. (Bild: Mareycke Frehner)

Zuwachs für die Familie Frischknecht: Mutter Anette, Vater Tschiggo und die Töchter Benita und Linda mit Büsi Söckli nahmen den Flüchtling Tahir Ibrahimi auf. (Bild: Mareycke Frehner)

Ein braunes Reihenhäuschen in Wittenbach. Die Tür geht auf. Linda, 9, kommt von der Schule nach Hause. Ein kurzes „Hallo“ und schon rennt sie mit den Spielkameraden davon. Benita, 6, spurtet hinterher. Auch Vater Tschiggo ist gerade von der Arbeit eingetroffen. Mitten im Trubel brüht Tahir Ibrahimi einen pakistanischen Tee auf. Der 21-jährige mimt den Hausmann, serviert Tee und warmen Schokoladenkuchen, liebevoll verziert mit Mangoschnitzen und Kakaopulver.

Fehlende Familienbande

Der gebürtige Afghane ist seit neun Monaten bei Familie Frischknecht daheim. "Traumatisiert, isoliert und schwer depressiv" sei er gewesen, als er zur Familie stiess, sagt Anette Frischknecht. Von der Aussenwelt abgeschnitten lebte er in einer Sozialwohnung in Wittenbach. "Es ging mir nicht gut, damals" bestätigt Ibrahimi in gebrochenem Deutsch. Einsam sei er gewesen. "Wo ich herkomme, sind Familie und Freunde das Wichtigste", sagt er. Hier in der Schweiz hingegen habe er niemanden gehabt, der sich um ihn kümmerte. Zwar wurde er im Asylzentrum in Wittenbach und im Traumazentrum Gravita gut versorgt. Der soziale Kontakt aber fehlte ihm.

Er brauche jemanden zum "Reden, Lachen und Kochen", beschloss er deshalb. Eine Sozialarbeiterin vermittelte ihm daraufhin den Kontakt zu Familie Frischknecht. Seit jeher haben der Diakon Tschiggo und die Sozialpädagogin Anette Frischknecht ein offenes Haus für Leute in Not. Nach einem ersten Treffen nahmen sie Ibrahimi in ihrem Reihenhäuschen auf. "Seither ist er aufgelebt", sagt Anette Frischknecht. Die Antidepressiva habe er abgesetzt und nur noch selten plagten ihn Schlafprobleme.

Für ihre gegenseitige Unterstützung wurden die Frischknechts und Ibrahimi nun zum „Dream-Team 2014“ gekürt. Sie gehören zu den drei Gewinnern des Wettbewerbs, der von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge und dem Bundesamt für Migration ausgeführt wird. Die Familiengemeinschaft setzte sich gegen 33 Mitbewerber durch und gewann eine Abendführung im Zoo Basel.

"Natürlich war es nicht immer einfach", sagt Tschiggo Frischknecht. Auch die Entscheidung, Ibrahimi aufzunehmen, sei ihnen anfangs nicht leicht gefallen, denn die Töchter zeigten Berührungsängste: "Benita fürchtete sich vor dem fremden Mann, mit dem sie sich anfangs nur schwer verständigen konnte", fügt Annette Frischknecht an. Mittlerweile freut sich auch die Kleinste über den zusätzlichen Spielkameraden. "Wir tollen auf dem Trampolin herum oder fahren alle gemeinsam Velo", sagt Ibrahimi und lacht, die mandelförmigen Augen zu kleinen Schlitzen verengt.

Von den Taliban vertrieben

Ibrahimi ist ein Hazara. Die Volksgruppe, die eng mit den Mongolen verwandt ist, ist vornehmlich in Afghanistan zuhause. Als die Taliban die Macht ergriffen, verfolgten sie die schiitische Minderheit der Hazara. Viele flüchteten ins benachbarte Pakistan oder in den Iran. Auch Ibrahimi siedelte bereits als Kleinkind mit seinen Eltern und zwei Brüdern nach Pakistan über. Doch auch dort waren sie nicht sicher. Ein Bruder wurde bei einem Anschlag getötet. Sein zweiter Bruder wollte sein Glück im Iran versuchen. Als die Familie nichts mehr von ihm hörte, entschied Ibrahimis Vater: Sein jüngster Sohn solle eine bessere Zukunft haben. Der ehemalige Minenarbeiter sammelte Geld, um ihm den Weg nach Europa zu ermöglichen. Mit 16 Jahren machte sich Ibrahimi auf den Weg. Seither hat er den Kontakt zu seinen Eltern verloren.

Zu Fuss, per Gummiboot, im Kühltransporter

Zu Fuss, im Bauch eines Busses, per Gummiboot oder im Kofferraum eines Taxis gelangte der 16-Jährige über den Iran in die Türkei. Von Schleppern ausgenommen, unterwegs ausgeraubt und mehrmals von der Polizei aufgegriffen, kam er schliesslich ohne Geld und Papiere in Griechenland an. Zusammen mit Tomaten und Peperoni passierte er nach einer 48 stündigen Fahrt in einem Kühlwagen die italienische Grenze. "Das waren die schlimmsten Stunden meines Lebens", sagt Ibrahimi. Noch immer quälen ihn bei Kälte rheumatische Schmerzen. Über Rom schlug er sich schliesslich in die Schweiz durch. Nach verschiedenen Aufenthalten in den Asylzentren Kreuzlingen, Oberbüren und Wittenbach ist er mittlerweile, knapp drei Jahre später, im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung.

Nun will er sich hier eine Existenz aufbauen. Einmal die Woche drückt Ibrahimi, der in Pakistan gerademal drei Jahre zur Schule ging, erneut die Schulbank. Ibrahimi lernt gerne. Schliesslich will er irgendwann ein Buch schreiben. Er habe „ein ganzes Haus voller Geschichten“ zu erzählen, sagt er. Bis dahin sucht er sich jedoch eine Stelle als Hilfskoch. An Arbeitserfahrung fehlt es ihm nicht: Nach der Schule arbeitete er als Aushilfe in einem Buchladen, als Teppichknüpfer und Strassenverkäufer. Ibrahimi will auch hier auf eigenen Füssen stehen. Für sein Zimmer bezahlt er ein monatliches Entgeld – gleich viel, wie er auch für eine Bleibe in einer Sozialwohnung aufbringen müsste. Bei den Frischknechts ausziehen will er nämlich noch lange nicht.

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