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Die St.Gallerin Tamara Kramer wurde in den 1980er-Jahren aus Sri Lanka adoptiert. Wie hunderte andere sucht sie nach ihrer wahren Herkunft. (Bild: Raphael Rohner)

Die St.Gallerin Tamara Kramer wurde in den 1980er-Jahren aus Sri Lanka adoptiert. Wie hunderte andere sucht sie nach ihrer wahren Herkunft. (Bild: Raphael Rohner)

«Ich weiss nicht einmal mein Geburtsdatum»: Eine adoptierte St.Gallerin sucht in Sri Lanka nach ihren Wurzeln

Hunderte Kinder aus Sri Lanka wurden in den 80er Jahren in der Schweiz adoptiert. Viele von ihnen wurden per Menschenhandel ihren Eltern weggenommen. Die St.Gallerin Tamara Kramer hat sich auf die Suche nach ihrer Herkunft gemacht. Eine emotionale Suche nach der eigenen Identität in einem wirren Land.
Raphael Rohner

Es ist wohl einer der grössten Skandale, die in der Schweizer Geschichte passiert sind: In den 1980er Jahren wurden rund 11'000 Kinder aus Sri Lanka nach ganz Europa verkauft. Mehrere Hundert davon in die Schweiz (siehe Infobox). Während von offizieller Seite der Behörden kaum auf Hilfe zu hoffen ist, fliegen die Betroffenen nun immer mehr selbst in ihr Herkunftsland, um ihre Wurzeln zu suchen. So auch die 37-jährige St.Gallerin Tamara Kramer. Auch sie wurde in den 1980er Jahren zur Adoption freigegeben und kam nur wenige Tage nach ihrer Geburt in die Schweiz. «Ich habe rasch gemerkt, dass etwas mit meinen Unterlagen nicht stimmen kann», so Kramer, die in Jonschwil aufgewachsen ist und heute in der Stadt St.Gallen lebt. Lediglich einige Tage soll sie bei ihrer leiblichen Mutter, einer angeblichen Prostituierten, gelebt haben. Schon acht Tage nach ihrer Geburt, wurde vor Gericht ihre Adoption besiegelt und eine Woche darauf wurde sie ihrer Mutter weggenommen.

Schon ihr ganzes Leben lang musste sie sich erklären und rechtfertigen:

«Jedes mal, wenn mich jemand fragt, warum ich denn so gut Deutsch spreche, oder warum ich denn dunkle Haut habe, ist es ein Stich ins Herz und ich weine innerlich.»

Die diplomierte Pflegefachfrau spricht mit zittriger Stimme, ihre Augen füllen sich mit Tränen. Für Tamara Kramer ist ihre Situation alles andere als leicht. Konkret weiss sie zwar, dass sie adoptiert wurde und auch wie ihre Mutter hiess – wenn man ihrem Geburts- und Adoptionsschein Glauben schenken darf – doch sind die Angaben dazu häufig falsch: «Am Ende weiss ich nicht einmal mein Geburtsdatum.» Zu ihren Eltern hat sie keinen Kontakt mehr.

Gefunden hat Tamara Kramer ihre Mutter bisher nicht: «Ich habe über einen DNA-Test immerhin herausgefunden, dass ich Verwandte in den Niederlanden habe. Genaueres weiss ich aber auch nicht.» Dann wollte sie Gewissheit und ging selbst nach Sri Lanka, um auf eigene Faust nach ihrer Mutter zu suchen. Als ihr Flugzeug in Sri Lanka landete, sei sie in Tränen ausgebrochen:

«Es war so ein komisches Gefühl, als wüsste ich tief in mir drinnen, dass ich nun heimgekommen bin.»

Nach einigen Tagen auf der Suche musste die St.Gallerin wieder in die Schweiz zurück, ohne ihre Mutter gefunden zu haben. «Das einzige, was ich gefunden habe, ist meine Herkunft und das Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen dort.»

Vor Ort in Sri Lanka zeigt sich das wahre Ausmass der Katastrophe. Die Behörden sehen sich nicht in der Verantwortung, den Suchenden zu helfen. Die Menschen wissen von den Umständen der illegalen Adoptionen, doch wirklich etwas bewirken kann man nicht. Für Betroffene und Opfer des Adoptionsskandals herrscht hauptsächlich ein Gefühl: Ohnmacht. Während die europäischen Kinder nach ihren Eltern suchen, hat es auch viele Frauen, die mit dem schlechten Gewissen zu kämpfen haben und ebenfalls nach ihren verlorenen Kindern suchen wollen.

Shani ist eine davon, zumindest erzählt sie das. Sie ist heute 55-jährig und war in den 80er Jahren mehrmals vor Gericht, um Kinder zur Adoption freizugeben:

«Es waren nicht meine Kinder, doch man sagte mir, dass es Waisenkinder wären, die ohne Eltern vor Gericht sonst nicht adoptiert werden könnten.»

So erschien sie etwa zehn mal vor Gericht und unterschrieb – auch unter falschem Namen - Adoptionsurkunden. «Es ging immer enorm schnell und ich bekam Geld, dass ich damals dringend gebraucht habe», sagt sie und starrt vor sich auf den Tisch. Shani war der Meinung, den Kindern etwas Gutes getan zu haben. Sie bekam pro Kind und pro Verhandlung jeweils bis zu 20 US-Dollar, weiss aber, dass Kolleginnen damals auch mehr bekommen haben. Einigen wurde viel Geld geboten für den Verkauf eines Kindes.

Mehrere hundert Dollar sollen gezahlt worden sein für ein Kind – oder sogar mehr. Den Müttern sei jedoch nur eine kleine Summe ausgezahlt worden. Zumindest sagt Shani das. Die Hintermänner hätten viele hundert Dollar bekommen pro Kind. Shani weiss von Müttern, die aus dem ganzen Land nach Colombo gebracht wurden, um ihnen die Kinder kurz nach der Geburt abzukaufen.

Die Währungen von Sri Lanka, Rupien und US-Dollar (Bild: Raphael Rohner)

Die Währungen von Sri Lanka, Rupien und US-Dollar (Bild: Raphael Rohner)

Diese Praktiken machen es den adoptierten Kindern heute enorm schwierig, herauszufinden, woher sie wirklich stammen. Teils stehen falsche Namen in den Urkunden oder sie sind schlicht erfunden. Dies bestätigen vor Ort einige Leute. Man weiss davon und vielerorts machen Leute heuer ein lukratives Geschäft mit den Schicksalen wie dem von Tamara Kramer aus St.Gallen. Es bieten sich «Experten» an, die Betroffene für 50-100 US-Dollar pro Tag herumfahren und ihnen helfen, die leiblichen Eltern zu suchen. Viel kommt dabei meist nicht heraus. Einigen Berichten zufolge werden die suchenden Touristen sogar zu Schauspieler-Müttern geführt, die behaupten, die Mutter zu sein. Eine traurige Praktik.

Tamara Kramer ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Aktuell geht man davon aus, dass rund 11'000 Buben und Mädchen aus Sri Lanka verkauft wurden – illegal. Ihre Suche will Tamara Kramer fortsetzen:

«Ich will, dass unsere Behörden mithelfen, unsere Herkunft restlos zu klären. Wir wollen Gewissheit. Das ist unser Recht.»

Sie verlangt vom Kanton eine lückenlose Aufklärung. «Bis dann bleiben Menschen wie ich allein, allein mit den Emotionen, der Einsamkeit und dem Gefühl nirgends hin zu gehören.»

St. Galler Justizdepartement sah zu

In der Schweiz wurden viele der illegalen Adoptionen mit Kindern aus Sri Lanka über eine St. Galler Agentur mit Sitz in Schmerikon abgewickelt. Pikant daran ist, dass dieser Agentur die Bewilligung bereits zu Beginn der 1980er-Jahre wegen Verdachts auf Menschenhandel entzogen wurde, Interpol wurde aktiv. Alice Honegger, die umstrittene Leiterin der Vermittlungsagentur, führte die Adoptionen allerdings über Stiftungen und Vereine weiter. Wie viel Honegger über die Hintergründe der von ihr vermittelten Buben und Mädchen wusste – oder wissen wollte – ist unklar, sie verstarb im Jahr 1997. Fakt ist, dass sie regelmässig mit Schweizer Paaren nach Sri Lanka reiste und Babys vermittelte. Gegen Honegger wurden in den 1980er-Jahren mehrere Male kritische Stimmen laut. Von kritischen Paaren, die mehrere Tausend Franken für ein Kind hätten bezahlen sollen, und auch die vom Schweizer Botschafter Claude Ochsenbein. Er berichtete erstmals 1981, dass die Zustände in Sri Lanka katastrophal seien.

In einem Schreiben nach Bern informierte Ochsenbein über die mafiösen Machenschaften in Sri Lanka. Ochsenbein schrieb vom gewerbsmässigem Handel mit Kindern, Müttern denen ihre Kinder weggenommen wurden, und auch von korrupten Behördenmitgliedern Sri Lankas. Trotzdem liess der Kanton St. Gallen die Adoptionen weiterhin zu. Warum dies damals so geschah, ist Teil der laufenden Ermittlungen. Erst 1987 verbot die Regierung Sri Lankas vorübergehend internationale Adoptionen, nachdem die Behörden auf eine Baby-Farm gestossen waren, in der Mütter und Babys unter gefängnisähnlichen Bedingungen festgehalten worden sein sollen. Dort sollen gar Babys auf Bestellung gezeugt worden sein. Die Regierung von Sri Lanka hat im Jahr 2017 den grossflächigen Betrug von Adoptionsgeschäften in den 1980er-Jahren bestätigt und vorgeschlagen, eine DNA-Datenbank anzulegen. Das Justizdepartement des Kantons St. Gallen blieb über all die Jahre tatenlos. Erst jetzt will die Regierung die Hintergründe der Adoptionen klären. Dazu wurde ein Bericht vom Kanton in Auftrag gegeben. Das Bundesamt für Justiz soll die Praktiken untersuchen und die Richtigkeit der Adoptionen prüfen, was Jahre dauern kann.

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