EINBÜRGERUNG: Der Imam wehrt sich

Der Wiler Imam Bekim Alimi bezeichnet die Kritik der Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli aus der «Ostschweiz am Sonntag» als nicht nachvollziehbar. Schützenhilfe bekommt er auch vom St. Galler Regierungsrat Fredy Fässler.

Michael Genova
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Schwere Vorwürfe: Saïda Keller-Messahli, Bekim Alimi. (Bilder: Christian Beutler/Keystone, Hanspeter Schiess)

Schwere Vorwürfe: Saïda Keller-Messahli, Bekim Alimi. (Bilder: Christian Beutler/Keystone, Hanspeter Schiess)

Michael Genova

michael.genova

@xy.ch

Es sind schwere Vorwürfe an die Adresse des Wiler Imam. «Bekim Alimi lässt zu, dass radikale Prediger in der Ostschweiz auftreten», sagt die muslimische Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli im Interview mit der «Ostschweiz am Sonntag» (Ausgabe vom 1. April). Als Beispiel nannte sie Gëzim Kelmendi, einen salafistischen Abgeordneten aus dem Kosovo, der auch in Romanshorn aufgetreten sei. Alimi widerspricht nun. «Die Behauptungen von Saida Keller-Messahli sind nicht nachvollziehbar», sagt er auf Anfrage. Sollte sie von einem Einzelfall auf das Allgemeine geschlossen haben, wäre das unseriös und ein Zeichen schlechter Recherche, so Alimi.

Auf die einzelnen Kritikpunkte geht der Wiler Imam allerdings nicht ein. Zum Beispiel auf die Aussage, die Mehrheit der Moscheen im Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo) sei islamistisch. Die von Keller-Messahli geäusserten Kritikpunkte seien Wiederholungen und bereits beantwortet worden, sagt Alimi. Als ehrenamt­licher Präsident des Digo sei er «stets bemüht, für die Gesellschaft einen Beitrag zu leisten». «Da unser Handeln mit den Behörden abgestimmt wird, würde ich es begrüssen, wenn Interessierte sich über unsere Tätigkeit auch bei den Behörden informieren könnten.» Alimi verweist zudem auf die Aktivitäten des Digo, der laut Statuten unter anderem Seminare oder Feste organisiere. So zum Beispiel ein Seminar in Salmsach zur Bekämpfung der Radikalisierung oder Seminare zur Sensibilisierung der Jugend. Ferner habe der Digo am Treff der Imame mit dem Stadtrat mitgewirkt und schliesslich an diversen Konferenzen zum Thema Staat und Religion teilgenommen. Kritik äussert Keller-Messahli im Interview auch am St. Galler Regierungspräsidenten Fredy Fässler. An einer Podiumsdiskussion in St. Gallen diskutierte sie mit ihm im vergangenen Jahr über ihr Buch «Islamistische Drehscheibe Schweiz». Dabei habe Fässler dem Wiler Imam das Wort erteilt. So habe sich Alimi als harmloser und toleranter Imam darstellen können. «Für mich war das ein Zeichen, dass Fässler nicht begriffen hat, wie stark sich der politische Islam in Ostschweizer Moscheen bereits verbreitet hat», sagt sie.

Fässler: «Keller-Messahli hat sich radikalisiert»

Sicherheitsdirektor Fässler weist die Kritik zurück. Er habe Keller-Messahli an der besagten Veranstaltung gebeten, ihm Meldung zu erstatten, wenn sie Hinweise auf Radikalisierung in St. Galler Moscheen habe. «Sie hat mir damals zugesichert, das zu tun», sagt Fässler. Er habe allerdings seither nichts mehr von ihr ­gehört. «Mein Eindruck verstärkt sich, dass sie sich radikalisiert hat, wenn ich nun von den neuen Vorwürfen höre.» Noch absurder sei der Vorwurf, er habe an besagtem Podium Alimi das Wort erteilt. Ein Journalist habe die Diskussion geführt und selbstverständlich auch Wortmeldungen zugelassen. Wenn Keller-Messahli erwarte, dass er in solchen öffentlichen Diskussionen jemandem kraft seines Amtes das Wort verbiete, zeige sich, «welch saloppen Umgang sie mittlerweile mit Grundrechten pflegt».

Fässler betont, dass der Staat selbstverständlich reagieren müsse, wenn in Moscheen Radikalisierung betrieben oder zu Verstössen gegen verfassungsmässige Rechte und Pflichten aufgerufen werde. «Das können wir aber nur, wenn wir konkrete Informationen erhalten und nicht immer wieder nur pauschale und unbelegte Vorwürfe.»

«Öffentliche Gesinnungsprüfung»

Wegen einer Einsprache entscheidet am kommenden Donnerstag das Wiler Stadtparlament über das Einbürgerungsgesuch Alimis, der seit über 20 Jahren in der Schweiz lebt. Die öffentliche Diskussion ins Rollen gebracht hatte die grünliberale Stadtparlamentarierin Erika Häusermann. Sie hatte Alimi ein Dutzend Fragen zu seiner religiösen und politischen Gesinnung gestellt. Das rief Kritik hervor: Der ehemalige SP-Stadtparlamentarier Kilian Meyer bezeichnete die Fragen als inquisitorisch. Und der Gossauer Philosoph Michael Rüegg sprach von einer irritierenden «öffentlichen Gesinnungsprüfung».