Liechtenstein – Ein ziemlich schlaues Volk

300 Jahre ist es her, dass die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg zum Fürstentum erhoben wurden. Den Kaiser, der dies tat, gibt es schon lange nicht mehr. Doch die Fürsten haben überlebt – durch Glück, Geschick und Geschäftssinn.

Rolf App
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Das 2008 in Vaduz eröffnete Landtagsgebäude ist das «Herz» der liechtensteinischen Legislative. (Bild: Alamy)

Das 2008 in Vaduz eröffnete Landtagsgebäude ist das «Herz» der liechtensteinischen Legislative. (Bild: Alamy)

Manchmal muss man über Leichen gehen, manchmal einen hohen Preis bezahlen – und manchmal ganz einfach weit in die Zukunft denken, über den eigenen Tod hinaus. Dann kann man schaffen, was den Fürsten von Liechtenstein geglückt ist: Auch noch in einer Zeit zu regieren, da rundherum Demokratie herrscht und alle alten Reiche untergegangen sind. Was man sich damals, am 23. Januar 1719, auch noch nicht ansatzweise hat vorstellen können – am Tag, an dem vor genau dreihundert Jahren Kaiser Karl VI. die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg zum Reichsfürstentum Liechtenstein erhebt, und damit jenen Kleinstaat schafft, der alle Katastrophen überlebt. Er handelt dabei durchaus im eigenen Interesse, doch davon später mehr.

Sieben Jahre zuvor haben die zwei Flecken Erde zum Verkauf gestanden. Durch Kriege und Seuchen, vor allem aber durch die Misswirtschaft der Grafen von Hohenems sind sie so stark heruntergewirtschaftet, dass der Kaiser zur Tilgung der Schulden einen Notverkauf anordnet. Dem Angebot von Hans Adam I. von Liechtenstein kann er dabei nicht widerstehen, und zwar nicht nur, weil der mit 290'000 Gulden entschieden zu viel zahlt. Sondern auch, weil der Kaiser bei ihm tief in der Kreide steht. Kurz zuvor hat Hans Adam ihm ein Darlehen von einer halben Million Gulden gewährt, jetzt kann er Bedingungen stellen.

Dass er und alle seine Nachkommen Reichsfürsten mit Stimmrecht im Reichsfürstenrat werden, ist die wichtigste davon. Das finanzielle Opfer aber kann der reiche Mann sich leisten.

Im Osten herrscht ein politisches Vakuum

Zu diesem Reichtum sind die Liechtensteiner durch einige geschickte Winkelzüge gekommen. 1136 wird ihr Name ein erstes Mal erwähnt, ein Adliger namens Hugo nennt sich in einer Urkunde nach einer auf einem hellen Kalkfelsen (dem «lichten Stein») erbauten Burg bei Maria Enzersdorf südlich von Wien. Die Umstände sind günstig: Im «Heiligen Römischen Reich deutscher Nation», einem riesigen Gebilde lose verbundener Staatsgebilde, sind gerade die Staufer an die Spitze gelangt.

Sie können sich aber nur schwer behaupten, im Osten herrscht ein politisches Vakuum, das die zu Herzögen von Österreich erhobenen Herren von Babenberg füllen. In ihrem Gefolge und dank guter Beziehungen zum benachbarten böhmischen König kommen auch die Liechtensteiner zu Besitz und Würde. Freilich: Mehr als mittelprächtige Adelige mit Besitztümern in Österreich, Böhmen und Mähren, mit Schlössern, Ländereien und einer wachsenden Kunstsammlung sind sie nicht, als sie, im Vorfeld des Dreissigjährigen Krieges, einen folgenreichen Frontwechsel vollziehen. Wieder ist es mit Karl von Liechtenstein ein kühler Rechner, der dabei die Fäden zieht.

Die Liechtensteiner wechseln die Konfession

Im Reich findet gerade die grosse Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten statt, und unter dem Einfluss des Bischofs von Olmütz wechselt 1599 Karl die Konfession. Er wird samt seiner Familie Katholik, Verbündeter der im Reich und in Österreich regierenden Habsburger und von diesen zum Fürsten erhoben. Als 1618 der Krieg ausbricht, zieht Karl an der Spitze der kaiserlichen Truppen in Prag ein. Die Historikerin Cicely Veronica Wedgwood nennt ihn ­«einen mittelmässigen Politiker, zaghaft, vorsichtig, mässig unehrlich und ziemlich schlau».

Er will zwar nicht, dass die Spitzen der Aufständischen hingerichtet werden. Doch als der Kaiser darauf besteht, tut er es. Karl sieht die Beute winken. Denn dem Blutgericht folgt die Enteignung, die Hälfte des Bodens wechselt den Besitzer. Unter denen, die sich bedienen dürfen, stehen die Liechtensteiner weit oben.

Erst 1946 werden sie ihre enormen Besitztümer durch – bis heute von ihnen nicht anerkannte – Enteignungen wieder verlieren. Da hat aber schon ein neues Kapitel in der unendlichen Geschichte der Familie begonnen: Sie hat sich in ihr fernes Fürstentum am Rande der Schweiz ­zurückgezogen, hat die Kunstsammlungen gerettet und 1920 die LGT Bank gegründet. Denn wer sich behaupten will in der Welt der Politik, braucht Geld.