Ein Uni-Abschluss ist noch keine politische Haltung

Kommentar

Adrian Vögele
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Einfache Erklärungen erleichtern das Leben. So scheint es oft. Zum Beispiel, wenn eine Übersicht über die Deutschschweizer Politlandschaft gefragt ist: Die Städte als progressive Horte der Akademiker auf der einen Seite, die konservativen Landgegenden mit tieferem Bildungsniveau auf der anderen. Diese Kluft, so sagen Experten, sei der wichtigste politische ­Graben der Gegenwart.

So simpel ist es nicht, schon gar nicht auf kantonaler Ebene. Nicht nur in Städten steigt der Anteil der Akademiker. Im Kanton St. Gallen nimmt die Quote in 57 von 77 Gemeinden zu. Am stärksten nicht in den urbanen ­Zentren, sondern in einer Reihe von Land- und Agglomerationsgemeinden. Zugleich ist ein tertiärer Bildungsabschluss nicht gleichzusetzen mit einer progressiven, linken Weltanschauung. Den zweithöchsten Akademikeranteil im Kanton hat Eichberg. Die Gemeinde ist eine SVP-Hochburg und hat die erleichterte Einbürgerung für Ausländer der dritten Generation mit über 70 Prozent der Stimmen verworfen. Am anderen Ende der Skala befindet sich Rorschach – mit einer Akademikerquote von 18 Prozent, das ist einer der tiefsten Werte im ganzen Kanton. Dennoch gehört die Stadt in Abstimmungen oft zu den progressivsten Gemeinden. Vom Bildungsniveau pauschal auf die politische Gesinnung zu schliessen ist somit gefährlich.

Von der Bildungsfrage abgesehen: Den klassischen Stadt-Land-Graben gibt es auch im Kanton St. Gallen ab und zu. Gerade bei kantonalen Themen fällt aber das alte «Napoleon-Problem» viel stärker ins Gewicht – die Heterogenität des Kantons, seine Aufteilung in Regionen mit teils sehr unterschiedlichen Interessen. Beispiele dafür sind die Diskussionen um die Spitäler sowie die bildungspolitischen Auseinandersetzungen um Kanti-Standorte und Fachhochschulen. Selbst bei insgesamt eindeutigen Abstimmungsergebnissen zeigen sich klare regionale Unterschiede: So wurde die Expo-Vorlage im St. Galler Süden weit deutlicher abgelehnt als in Bodenseenähe. Für die Zukunft des Kantons ist entscheidend, wie er mit diesen Brüchen zurecht- kommt. Der Stadt-Land-Graben ist demgegenüber eher zweitrangig.

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch