Ein ungehobelter Nachbar

Die Familie Gut wohnt seit langem in einem Rheintaler Dorf. Im Sommer 2012 zieht die Familie Schwarz ins Nachbarhaus. Man lernt sich kennen und redet am Gartenhag über dies und das.

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Rolf Vetterli Alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Rolf Vetterli Alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Familie Gut wohnt seit langem in einem Rheintaler Dorf. Im Sommer 2012 zieht die Familie Schwarz ins Nachbarhaus. Man lernt sich kennen und redet am Gartenhag über dies und das. Frau Gut bekommt Mitleid, als sie vom Unglück der Familie Schwarz erfährt: Der Mann habe Schulden, die Frau sei an Krebs erkrankt, das Kind leide an Asthma. Sie bietet den Nachbarn zur Finanzierung eines Privatkonkurses ein Darlehen von 6000 Franken an. Später legt sie noch 8000 Franken für den Ersatz eines kaputten Autos drauf. Die Schuldner stottern den Kredit mit ein paar hundert Franken ab und zahlen dann nichts mehr.

Alles frei erfunden?

Frau Gut entdeckt, dass Herr Schwarz gar keine Insolvenzerklärung abgegeben hat. Sie beobachtet, wie die Eheleute ständig Pakete bekommen und neue Kleider tragen. Daraus schliesst sie, dass das Paar sie belogen und die Notlage nur vorgetäuscht habe. Sie beklagt sich bitterlich darüber, dass der Nachbar sie nun auch noch verspotte und ihr immer wieder die Zunge herausstrecke. Deshalb reicht sie einen Strafantrag wegen Ehrverletzung ein. Das Kreisgericht Rheintal spricht den Beschuldigten aber mangels Beweisen frei. Dagegen erklärt die Klägerin Berufung und verlangt einen Schuldspruch wegen Beschimpfung. Die Staatsanwaltschaft schliesst sich der Berufung an und beantragt eine bedingte Geldstrafe von zehn Tagessätzen sowie eine Busse von 200 Franken.

Sieben Juristen, zwei Stunden

Die Strafkammer des Kantonsgerichts tagt in ordentlicher Besetzung mit drei Richtern und einem Gerichtsschreiber. Im Saal sitzen die Klägerin mit ihrem Anwalt, die Staatsanwältin und der Beschuldigte mit seinem Verteidiger. Sieben Juristen befassen sich zwei Stunden lang mit dieser «weltbewegenden Angelegenheit», wie der Vorsitzende sie nennt. Der Beschuldigte gibt freimütig zu, dass er der Klägerin Anfang 2013 im Streit einmal die Zunge zeigte. Diese wirft ihm vor, er habe sie bei zwei weiteren Gelegenheiten auf die gleiche Weise ausgelacht: Im März 2013 sei er beim Auszug aus der Wohnung auf der Hebebühne des Zügelwagens gestanden und habe ihr gewissermassen zum Abschied die Zunge herausgestreckt.

Formelles Problem

Im Mai habe er beim zufälligen Kreuzen auf der Strasse offenbar schon aus Gewohnheit nochmals dieselbe Grimasse geschnitten. Das bestreitet der Beschuldigte. Nun könnte man es sich ja einfach machen und darauf verweisen, dass wenigstens ein Vorfall zugestanden sei, aber da gibt es noch ein formelles Problem: Ein Strafantrag muss innert einem Vierteljahr nach Kenntnis der Tat gestellt werden. Hier spielte sich die unbestrittene Szene aber schon vier Monate vor Einreichung des Antrags ab. Die anderen Episoden lassen sich nicht klar beweisen. Es scheint namentlich nicht ganz nachvollziehbar, wie die Klägerin aus dem fahrenden Wagen heraus erkennen konnte, dass der ihr entgegenkommende Autolenker sein Gesicht zu einer Fratze verzog. So muss das Kantonsgericht die Berufung abweisen und der Klägerin einen Teil der Kosten auferlegen. Damit hat die bedauernswerte Frau Gut zum Spott auch noch den Schaden.

Mehr als nur unhöflich

Die Zuschauer, Gewerbeschüler im Staatskundeunterricht, verlassen die Verhandlung enttäuscht. Sie gehen miteinander wohl eher unzimperlich um und wundern sich, ob das Herausstrecken der Zunge unter Erwachsenen wirklich strafbar sein soll. Diese Frage braucht das Kantonsgericht aber nicht mehr zu beantworten. Die Ehre ist verletzt, wenn jemand als Mensch schlecht gemacht wird. Das kann auch mit einer unflätigen Geste geschehen, etwa durch das Emporhalten des Stinkefingers oder das Zeigen des Vogels. Die Missachtung elementarer Anstandsregeln genügt hingegen nicht. Das Strafgesetzbuch ist kein staatlich autorisierter Knigge. Was die heraushängende Zunge bedeutet, steht nicht von vornherein fest. Das könnte sogar eine Aufforderung zum Flirten sein. Herr Schwarz meinte es allerdings bestimmt nicht so. Er wollte damit anscheinend seine Verachtung ausdrücken und das wäre offensichtlich ehrenrührig. Der Mann ist deshalb gut beraten, wenn er künftig seine Zunge im Zaum hält.

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