Ein St. Galler Flieger erobert Südafrika

«Es nieselt nur», sagen die Optimisten unter den Schaulustigen, die sich am Morgen des 28. November 1926 am Zürichhorn eingefunden haben.

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Der erste Flug Zürich–Kapstadt beim Tankstop auf dem Nassersee. Die Piloten sassen im Freien, die einzigen Passagiere in der brütend heissen Kabine waren zwei Forscher. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Der erste Flug Zürich–Kapstadt beim Tankstop auf dem Nassersee. Die Piloten sassen im Freien, die einzigen Passagiere in der brütend heissen Kabine waren zwei Forscher. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

«Es nieselt nur», sagen die Optimisten unter den Schaulustigen, die sich am Morgen des 28. November 1926 am Zürichhorn eingefunden haben. Früh sind sie aufgestanden, um mitzuerleben, wie Walter Mittelholzer abhebt – zum ersten Flug Zürich–Kapstadt, zur ersten Längsdurchquerung Afrikas mit einem Wasserflugzeug. Die Chancen stehen schlecht: Während die Crew am Zürichsee Tropenhelme und Moskitonetze in die Maschine einlädt, beginnt es in dicken Flocken zu schneien.

Doch Mittelholzer kennt kein Pardon und klettert ins offene Cockpit: «Wir starten!» Afrikaforscher René Gouzy und Geologe Arnold Heim steigen in die Kabine, Mechaniker Hans Hartmann wirft den Motor an. Um 9.25 Uhr hebt die Maschine mit dem unbescheidenen Namen «Switzerland» ab, unter Hurrarufen des Publikums.

Es bleibt beim Versuch. Mittelholzer sieht kaum die Hand vor den Augen, so schlecht ist das Wetter. Eine gute Stunde nach dem glanzvollen Start folgt die peinliche Rückkehr zum Zürichhorn.

Erst neun Regentage später bringt Mittelholzer die erste Etappe des Afrikaflugs hinter sich und landet in Pisa.

Populärer Flugpionier

Zu diesem Zeitpunkt ist die Expedition in der Schweiz längst ein Medienereignis. Mittelholzer, der 33jährige St. Galler Bäckerssohn, ist kein Unbekannter: Mit kühnen Pionierflügen nach Spitzbergen und Persien hat sich der Pilot und Fotograf einen Namen gemacht. Und er weiss ihn zu vermarkten, in Form von Büchern, Filmen und Vorträgen.

René Gouzys Idee eines Kapstadt-Flugs im Dienst der Afrikaforschung und der Schweizer Luftfahrt ist genau nach seinem Geschmack.

Dank des Wasserflugzeugs benötigt Mittelholzer keine Flugplätze, sondern kann sich seinen Weg nach Kapstadt entlang von Gewässern bahnen und notfalls mitten in der Wildnis landen.

Hartmanns Hilfe

Die Wildnis: Allzu viel Brauchbares haben die Schweizer Afrikaflieger über sie nicht in Erfahrung bringen können.

Mittelholzer: «Man schilderte mir zum Beispiel in den grellsten Farben die Zerstörungswut des Nilpferds (…). Die Gefahr, von Krokodilen erfasst zu werden, wurde weit übertrieben, so dass mein Monteur Hartmann vor diesen Tieren immer eine Heidenangst hatte.» Auch wenn dieser Satz es nicht vermuten lässt: Mechaniker und «Hilfspilot» Hartmann, von Mittelholzer wegen seiner «robusten Gesundheit» für den Trip ausgewählt, ist der stille Held des Unternehmens. Still schon deshalb, weil er kein Englisch spricht.

Bereits beim problemlosen Flug durch Ägypten, wo Mittelholzer von Auslandschweizern gefeiert wird und in Grand Hotels übernachtet, nimmt Hartmann mit bescheidenen Herbergen in der Nähe des Flugzeugs vorlieb. Von stundenlangem Motoranwerfen bis zu tagelangem Reparieren reicht sein Einsatz für den geplagten Flugapparat.

Zudem ist Hartmann wohl häufiger am Steuer, als sein Captain im schriftlichen Bericht zugibt.

«Mittelholzer hat ja sehr viel Glück gehabt mit seiner Fliegerei», wird der Luftfahrthistoriker Richard Schillinger später sagen. «Ich glaube, es hat kein Schweizer Pilot so viele Flugzeuge zu Bruch geführt wie er (…). Nur dank der Unterstützung von Co-Piloten und Mechanikern waren seine berühmt gewordenen Flüge in unbekannte Regionen der Welt möglich.»

Motorpanne und Malaria

Wohl aber sind es Mittelholzers verwegene Entscheidungen, die die Expedition vorwärts bringen: Anstatt zwischen Affat und Khartum dem Nil zu folgen, kürzt er ab und fliegt geradewegs durch die Wüste. Die Passagiere zittern – doch das Wagnis gelingt.

Spätestens in der Region der Grossen Seen ist es vorbei mit dem lockeren Spazierflug: Der Motor springt immer mühsamer an und setzt immer häufiger aus. Hartmann hat trotz robuster Gesundheit die Malaria erwischt.

Geschüttelt von Fieberschüben, überholt er während mehrerer Tagen das Triebwerk. Als die Maschine mangels Auftrieb nicht mehr vom hoch gelegenen Viktoriasee abheben will, schickt Mittelholzer Arnold Heim und René Gouzy per Bahn und Schiff nach Kapstadt.

«Köstliches Frühstück»

Damit nicht genug: Die verbliebene Besatzung wird von der hereinbrechenden Dunkelheit zu einer Landung auf dem Fluss Pungwe gezwungen. Von einer eigentlichen Notlandung zu reden, wäre jedoch übertrieben.

Nachdem sich Hartmann morgens trotz Angst vor Krokodilen aus dem unversehrten Flugzeug gewagt hat, geniesst die Crew gemäss Aufzeichnung des Captains ein «köstliches Frühstück» am Flussufer. Anschliessend ziehen einige Eingeborene die Maschine unter dem anfeuernden Geschrei Mittelholzers von einer Sandbank zurück in den Fluss. Noch am selben Tag erreichen die Schweizer die Hafenstadt Beira am Indischen Ozean.

Zum Schluss folgt die «Switzerland» der Ostküste in Richtung Kap der Guten Hoffnung. Die Stimmung an Bord steigt – erst recht, als sich unverhofft noch eine versiegelte Blechdose mit Zigaretten findet, worauf sich Hartmann und Mittelholzer beim Fliegen und Rauchen abwechseln.

Nach 77 Tagen erreicht die Maschine den Hafen von Kapstadt – empfangen von jubelnden Menschen und einem dürren Gratulationstelegramm aus dem schweizerischen Eisenbahndepartement. Adrian Vögele

Die Crew: Walter Mittelholzer und Hans Hartmann.

Die Crew: Walter Mittelholzer und Hans Hartmann.

Die «Notlandung»: Gestrandet am Fluss Pungwe. (Bild: Schwarzweissbilder aus: Walter Mittelholzer et al.: «Afrikaflug», Zürich, 1927)

Die «Notlandung»: Gestrandet am Fluss Pungwe. (Bild: Schwarzweissbilder aus: Walter Mittelholzer et al.: «Afrikaflug», Zürich, 1927)

Das Ziel: Nach 77 Tagen erreicht die «Switzerland» Kapstadt.

Das Ziel: Nach 77 Tagen erreicht die «Switzerland» Kapstadt.

Der Ruhm: In der Schweiz wird Mittelholzer zum Star. (Bild: pd)

Der Ruhm: In der Schweiz wird Mittelholzer zum Star. (Bild: pd)