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«Ein Schlag ins Gesicht»

ST.GALLEN. Der Schweizerische Nationalfonds passt seine Förderung von Publikationen an – und verärgert damit die Sozial- und Geisteswissenschaften. Sie würden damit «faktisch von der Forschungsförderung ausgeschlossen», sagt HSG–Prorektorin Ulrike Landfester.
Regula Weik
Ulrike Landfester Prorektorin Universität St. Gallen (Bild: Benjamin Manser)

Ulrike Landfester Prorektorin Universität St. Gallen (Bild: Benjamin Manser)

Der Entscheid des Schweizerischen Nationalfonds sei «ein Schlag ins Gesicht» der Geistes- und Sozialwissenschaften, sagt Ulrike Landfester, Prorektorin der Universität St. Gallen. Ihre Forschung würde damit auf den Status «einer bestenfalls in Ausnahmefällen finanzierten Überflusserscheinung» reduziert.» Was ist der Auslöser für den Ärger der Professorin für Deutsche Sprache und Literatur?

Ab Juli unterstützt der Schweizerische Nationalfonds nur noch wissenschaftliche Publikationen, die digital und im Internet frei zugänglich erscheinen. Bisher hatte er auch an die Publikation von Forschungsergebnissen in Buchform gezahlt – und damit Werkausgaben von Schweizer Autoren ermöglicht, die anders nicht hätten erscheinen können. Die heutigen Praktiken in der Wissenschaft zeigten «einen klaren Trend hin zum digitalen Publizieren und zu Open Access», begründet der Nationalfonds seinen Schritt.

Als Forschungsförderer sei der Nationalfonds auch für «die optimale Zugänglichkeit der Forschungsresultate» zuständig, schreibt Ingrid Kissling, Leiterin Abteilung Geistes- und Sozialwissenschaften des Nationalfonds, auf dessen Homepage. «Forschungsresultate möglichst einfach und schnell weltweit verfügbar zu machen, ist zentral für den Wissensfortschritt und das eigentliche Fundament der Forschung.»

«Eine Marginalisierung»

Mit der neuen Praxis stösst der Nationalfonds die Geisteswissenschaften vor den Kopf. «Ich bin zutiefst entsetzt», sagt Ulrike Landfester. Die Schweizer Geistes- und Sozialwissenschaften würden durch den Entscheid des Nationalfonds «faktisch von der Forschungsförderung ausgeschlossen». Denn, so Ulrike Landfester, es würden nicht nur keine Druckkostenzuschüsse für Bücher in Papierform mehr gesprochen, es würden auch keine Forschungsprojekte mehr gefördert, die auf eine Buchpublikation abzielen. Ausnahmefälle könnten nach Ermessen des Forschungsrats – so die offizielle Sprachregelung – genehmigt werden.

Die Prorektorin ist mit ihrem Ärger nicht allein. Auch David Gugerli, ordentlicher Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich, wehrt sich auf der Homepage des Nationalfonds: Als Historiker bedaure er, «dass das neue Publikationsregime des Nationalfonds die Geisteswissenschaften unnötigerweise marginalisiert».

Unterschiedliche Halbwertszeit

Ulrike Landfester geht mit dem Nationalfonds einig darin, dass Forschungsresultate frei zirkulieren müssen. Doch: Nicht alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zirkulierten gleich schnell oder unter denselben Bedingungen. Die Open-Access-Bewegung wird denn auch vor allem von Naturwissenschaftern portiert. «Ihre Resultate müssen schnell auf den Markt gebracht werden, denn sie haben aufgrund rasanter Entwicklungen oft eine kurze Halbwertszeit», sagt Ulrike Landfester. Anders die Forschungsergebnisse der Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie wirkten oft erst nach Jahren – und zielten daher «auf die Herstellung von Büchern in Papierform – zumal wissenschaftlich erwiesen ist, dass Bücher anders und schöpferischer gelesen werden als auf reine Information abgesuchte Internetseiten».

Das Buch, so Ulrike Landfester, sei zudem der weitaus zuverlässigere und nachhaltigere Datenträger als das Internet. Elektronische Daten müssten alle paar Jahre migriert werden; mit Kosten, die «mindestens so hoch, wenn nicht deutlich höher sind als jene für Bücher».

Appell der Verlage

«Die akademischen Verlage der Schweiz sind in Gefahr»: Mit diesem Appell haben sich am Wochenende die Schweizer Verlage im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften an Forscherinnen und Forscher gewandt. Sie wollen den Nationalfonds dazu bewegen, seinen Entscheid zu revidieren oder wenigstens auszusetzen. Zuerst solle die Situation des wissenschaftlichen Verlagswesens sowie «die Bedeutung der Verbreitung von Forschungsergebnissen in der Gesellschaft» geklärt werden, bevor neue Regeln eingeführt würden.

Ulrike Landfester hat die Petition der Verlage sofort unterzeichnet. Sie teilt ihre Sorge, dass es «in Zukunft deutlich schwieriger wird, gedruckte Bücher zu finanzieren und zu publizieren». Darüber hinaus befürchtet sie: Wenn die finanzielle Unterstützung des Nationalfonds wegfällt, dürften noch mehr Verlage in Schwierigkeiten geraten – und das in einem Land, dessen Buch- und Verlagskultur international berühmt ist. Es sei keineswegs so, dass sich die Verlage auf Kosten des Nationalfonds bereicherten. «Die Verlagskultur der Schweiz ist überwiegend von engagierten Buchmachern getragen, die mit wissenschaftlichen Publikationen kaum ihre Unkosten decken können und erhebliche Verlustrisiken eingehen.»

Das Recht dazu?

Kann der Nationalfonds überhaupt vorschreiben, wie Forschungsresultate publiziert werden müssen? «Mit seinem Entscheid, die Förderung des Mediums Buch zugunsten der Förderung von Internetpublikationen zu streichen, verstösst er gegen seinen Auftrag», sagt Ulrike Landfester. «Er diskriminiert damit einen wichtigen Teil der Schweizer Forschungs- und Publikationskultur massiv.»

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