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Ein Roboter animiert Ostschweizer Senioren zu Gymnastik

Die Fachhochschule St.Gallen untersucht, welche Geräte das Leben von älteren Personen erleichtern. Projektleiterin Sabina Misoch weiss, was Senioren daheim möchten: Roboter, die Lust auf Sport machen.
Katharina Brenner
Der Roboter Nao ist 58 Zentimeter gross und sehr beweglich. (Bild: pd)

Der Roboter Nao ist 58 Zentimeter gross und sehr beweglich. (Bild: pd)

Einen Roboter, der sie zur Gymnastik animiert. Das wünschen sich Ostschweizer Seniorinnen und Senioren. Zumindest ein Teil derjenigen, die beim Forschungsprojekt «Age-nt. Alter(n) in der Gesellschaft: Nationales Innovationsnetzwerk» mitmachen. Unter Führung der Fachhochschule St.Gallen wird in diesem grössten Altersprojekt der Schweiz untersucht, wie ältere Personen möglichst lange selbstständig leben können. Dafür testen rund 30 Personen in ihrem Zuhause Geräte wie Rauchmelder, Bewegungs- und Überschwemmungssensoren. Sie sind zwischen 70 und 90 Jahre alt, einige noch rüstig, andere leicht pflegebedürftig.

Seit gut zwei Jahren läuft das Projekt mit den «Living Labs», den Laboren im Alltag, schon; damit hat es jetzt seine Halbzeit erreicht.
Auf Wunsch der Seniorinnen und Senioren wird in der nächsten Testphase ein Roboter mit ihnen Gymnastik machen. Er heisst Nao und ist 58 Zentimeter gross. «Nao ist sehr beweglich», sagt Projektleiterin Sabina Misoch. Das beweisen Aufnahmen des Roboters, die ihn beim Fussballspielen zeigen.

Roboter hat «sehr angenehme Stimme»

In Ostschweizer Haushalten wird Nao Seniorinnen und Senioren vormachen, wie sie Arme und Beine dehnen, heben und senken sollen. Nao kann dazu auch Musik spielen lassen. Mit seiner «sehr angenehmen Stimme» wird er gemäss Misoch Sätze sagen wie: «Jetzt heben Sie Ihren linken Arm.» Man werde sehen, ob der Roboter eher zum Sport motivieren könne als ein Video.

Neben Privathaushalten arbeiten Misoch und ihr Team auch mit Alters- und Pflegeheimen zusammen. Sie seien «in der luxuriösen Situation», dass 80 Heime aus der ganzen Schweiz von sich aus auf sie zugekommen seien. Zudem unterstütze Curaviva Schweiz das Projekt und damit «95 Prozent aller Heime im Land». In den Pflege- und Altersheimen nehmen Personen an den Tests teil, die stark pflegebedürftig sind.

«Das hat den Vorteil, dass im Notfall sofort Pflegepersonal zur Stelle ist.»

Roboter-Robbe Paro (Bild: Alamy Stock Photo)

Roboter-Robbe Paro (Bild: Alamy Stock Photo)

In den Heimen werden Oberarmsensoren getestet, die Körpertemperatur, Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung messen. Oder Sensoren, die Alarm schlagen, wenn ein Demenzkranker das Heim verlassen möchte. Sehr beliebt sei die Roboter­robbe Paro. Bisher kommt sie vor allem in der Demenztherapie zum Einsatz.

«Wir setzen Paro auch in der Arbeit mit einsamen und depressiven älteren Personen ein.»

Immer in Begleitung einer Aktivierungstherapeutin – das Streicheln der Robbe könne bei diesen Menschen viele Emotionen auslösen.

Wärmebildkamera registriert Bewegungen

Ein Gerät hat sich gemäss Misoch ­besonders bewährt: der Sturzsensor. Dieser ist an der Decke angebracht und zeigt, ob und wo im Raum sich eine Person bewegt. Zu erkennen ist die Person dabei allerdings nicht, lediglich ihr Wärmebild wird übertragen. Misoch versichert:

«Videokameras werden bei uns nie in Einsatz kommen.»

Sabina Misoch, Leiterin des Altersprojekts

Sabina Misoch, Leiterin des Altersprojekts

Sie fände das «ein Unding» und «Überwachung». Wenn die Wärmebildkamera registriert, dass eine Person auf dem Boden liegt und sich eine Weile nicht bewegt, schlägt das System Alarm. Die ältere Person legt fest, wer in einem solchen Fall kontaktiert werden soll: Angehörige, Nachbarn oder Freunde. «Die Sensoren haben bislang jeden Sturz erkannt.»

Bei den Geräten, die in den privaten Haushalten getestet werden, fehlt diese Verbindung nach aussen bisher. In der ersten Testphase sei die Verantwortung für diesen Schritt zu gross gewesen. In der nächsten soll ein Alarmsystem auch in den Privathaushalten getestet werden. Neben Angehörigen oder Nachbarn wäre auch denkbar, dass beispielsweise die Spitex kontaktiert wird, so Misoch.

Spitex beobachtet technische Entwicklungen

Dominik Weber-Rutishauser, Geschäftsleiter des Spitex-Verbands St.Gallen und beider Appenzell, sagt, er finde es «auf jeden Fall gut», dass Seniorinnen und Senioren selber Einfluss auf die Entwicklungen nehmen können. Er kenne das Projekt nicht näher, «wohl aber die allgemeine Entwicklung von technischen Assistenzsystemen» im Bereich der Pflege und Betreuung. Die Spitex verfolge diese aufmerksam, sie gehe davon aus, in Zukunft damit konfrontiert zu sein.

«Aufgrund der grossen Erfahrung unserer Pflegefachleute erlauben wir uns, einen kritischen Blick auf die diversen neuen Errungenschaften zu werfen.»

Gleichzeitig seien sie überzeugt davon, dass auch Pflegende von solchen Systemen profitieren werden können. Auch im Hinblick auf den Pflegekräftemangel wäre es «nicht sinnvoll», sich neuen technikgestützten Assistenz- und Kommunikationsformen zu verschliessen.

Jüngstes Mitglied im Kantonalen Seniorenrat

Sabina Misoch zieht eine sehr positive erste Bilanz des Projekts. Als besonders wertvoll bezeichnet sie die Zusammenarbeit mit dem neu ins Leben gerufenen Beirat – und dessen Kritik. Ein Ratschlag sei gewesen, das Projekt besser mit der Politik zu vernetzen. Auf nationaler Ebene sei Beiratsmitglied Bea Heim, SP-Nationalrätin aus Solothurn, «ein wichtiges Bindeglied» hierfür. «Auf kantonaler Ebene könnten wir sicherlich noch mehr tun, um die Bedeutung von Age-nt hervorzu­heben», meint Misoch. Sie selbst ist als wissenschaftliche Beraterin im Vorstand des Kantonalen Seniorenrats St.Gallen – und damit dessen jüngstes Mitglied.

Das Projekt läuft noch bis Ende 2020, dann ist Schluss mit den Geldern des Bundes – aber nicht mit dem Projekt, wie Misoch betont. Dafür braucht sie zusätzliches Geld. «Wir sind dann auf Drittmittel angewiesen.» Innosuisse, die Innovationsförderagentur des Bundes, oder die EU nennt sie als mögliche Geldgeber.

Misoch und ihr Team arbeiten überwiegend mit Start-ups zusammen, die selber aus Hochschulforschung oder aus anderen Forschungsinstitutionen hervorgegangen sind. Ihr ist es am liebsten, wenn die Tests in einer frühen Phase stattfinden. Dann können die Rückmeldungen der Senioren in die weitere Produktentwicklung einfliessen. Für die Tests bezahlen die Start-ups jeweils. Aus klassischen Industriebetrieben würden bislang noch selten Vorschläge kommen, meint die Projektleiterin.

Neue Generation von Senioren

Misoch betont immer wieder, wie wichtig das Design der Geräte sei. Älter werden heisse nicht, dass man nicht mehr auf Ästhetik achte. Andrea Hornstein, Geschäftsleiterin Spitex St.Gallen Ost, vertritt die gleiche Meinung. Häufig würden junge Ingenieure nicht wissen, was ältere Personen brauchen. Sie kennt das Projekt nicht näher, sagt aber, sie sei einer Zusammenarbeit gegenüber «sehr aufgeschlossen». Ältere Personen sollten diejenige technische Unterstützung erhalten, mit der sie umgehen könnten; mit Alarmknöpfen habe die Spitex sehr gute Erfahrungen gemacht.

Hornstein sagt, die neue Generation Seniorinnen und Senioren kenne sich mit Technik aus. «Einige haben in ihrem Smartphone eine Erinnerung für die Medikamenteneinnahme», andere treten mit der Spitex per E-Mail in Kontakt. Trotz dieser Vorteile ist sie aber auch kritisch, etwa gegenüber Robotern, die mit Demenzkranken singen. Das geht ihr zu weit. «Technologie wird menschlichen Kontakt nie ersetzen.»

Fachhochschule St.Gallen leitet grösstes nationales Altersprojekt

Schweizer Hochschulen suchen unter St.Galler Führung nachhaltige und praktikable Lösungen, damit ältere Menschen möglichst lange selbstständig leben können. Dafür sollen Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vernetzt werden. Inzwischen hat das grösste Altersprojekt der Schweiz mit der sperrigen Bezeichnung «Age-nt. Alter(n) in der Gesellschaft: Nationales Innovationsnetzwerk» seine Halbzeit erreicht. Die Fachhochschule St.Gallen (FHS) hat beim Aufbau des Netzwerks die Führung; beteiligt sind nebst weiteren Fachhochschulen auch die Universitäten Bern, Genf und Zürich.

«Erst wenn die Politik weiss, was ältere Menschen in Zukunft brauchen, kann sie richtig handeln. Diese Daten und dieses Wissen wollen wir erarbeiten», sagt Projektleiterin Sabina Misoch. Die Soziologin führt das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Alter an der FHS. Das Projekt läuft noch bis Ende 2020. Das Gesamtbudget beträgt acht Millionen Franken, vier Millionen steuert der Bund bei. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Schweizer Gesamtbevölkerung beträgt heute rund einen Fünftel; bis 2050 wächst er auf einen Drittel an. Die Bevölkerung in Japan ist bereits jetzt auf diesem Stand. Japanische Forscher und Firmen zeigen deshalb grosses Interesse am Projekt. (rw)

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