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Zwei Konkurse, doppelt vorbestraft und keine Meldung an den Arbeitgeber: Der Rektor der Kantonsschule Sargans auf rauer See

Er ist doppelt vorbestraft und hat mit zwei Unternehmen Schiffbruch erlitten: Dennoch geniesst der Rektor der Kantonsschule Sargans nach wie vor das Vertrauen des St.Galler Bildungsdepartements.
Markus Rohner
Der Kanton St. Gallen sucht derzeit Bewerber für die «anspruchsvolle Position» des Rektors der Kantonsschule Sargans. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Der Kanton St. Gallen sucht derzeit Bewerber für die «anspruchsvolle Position» des Rektors der Kantonsschule Sargans. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Hohen Wellengang, schwere See und unvorhergesehene Wetterumstürze sind dem passionierten Segler Stephan Wurster nicht unbekannt. Doch jetzt hat er mit ganz anderer Unbill zu kämpfen, bei denen seine nautischen Kenntnisse wenig helfen. Es geht um Fragen, wie man ein Gymnasium und ein Unternehmen der Privatwirtschaft korrekt führt, wie man mit seinen Angestellten anständig umgeht, oder wie viel Vertrauen und Loyalität man seinem Arbeitgeber entgegenbringen sollte.

Über sein Hobby ist der 60-jährige Rektor der Kantonsschule Sargans in den letzten Jahren in verschiedenen Unternehmen aus der Segelbranche als Verwaltungsrat tätig gewesen. So hat er 2006 das Präsidium der «HOZ – Hochsee-Zentrum International AG» übernommen. Nach den Worten von Wursters Kompagnon eines der «erfolgreichsten nautischen Konzepte der Schweiz». Das Zentrum fasste verschiedene Schweizer Segelschulen in einer Einzigen zusammen. Doch nur vier Jahre später erlitt das Unternehmen Schiffbruch. Wurster ging von Bord und hinterliess einen Konkurs in Millionenhöhe. «Wir haben über Jahre unser Bestes gegeben, viel Zeit und Geld investiert und immer wieder versucht, das Zentrum zu retten», sagt der gescheiterte Verwaltungsratspräsident heute.

Stephan Wurster. (Bild: PD)

Stephan Wurster. (Bild: PD)

Bereits im Oktober 2011 wurde Wurster Verwaltungsrat und Geschäftsvertreter der Segelschule Rorschach Stadler AG. Bald begann es auch hier zu kriseln, so dass 2014 über diese Gesellschaft der Konkurs eröffnet wurde. Wurster verliess das sinkende Schiff im März 2013, nachdem die Suche nach Investoren gescheitert und der Konkurs nicht mehr abzuwenden war. Im Jahr 2012 hatte es die Gesellschaft unterlassen, die notwendigen AHV/IV/EO-Beiträge an die Sozialversicherungsanstalt SVA zu entrichten. In jenem Jahr wurden zwar noch Löhne von über 450000 Franken ausbezahlt, die SVA dagegen ging leer aus. Im Folgejahr blieb die AG die SVA-Gelder erneut schuldig.

Erstes Urteil gegen Wurster

Vor dem Strafrichter erklärte Wurster später, das vorhandene Geld «hätten sie an verschiedenen Orten einsetzen müssen, um den Betrieb aufrechterhalten zu können». Spätestens im Herbst 2012 habe es laut Strafrichter dem Verwaltungsrat aber bewusst sein müssen, «dass die Firma nicht mehr zu sanieren war» und der Beschuldigte «durfte daher nicht davon ausgehen, dass die Nichtbezahlung der Beitragsschulden nur eine vorübergehende Zurückbehaltung von Sozialversicherungsbeiträgen ist, welche die Sanierung der Firma ermöglicht hätte».

Im Juni 2015 wurde «Handelslehrer Stephan Wurster» – er war damals bereits seit 14 Jahren Rektor der Kanti Sargans – von der Staatsanwaltschaft Uznach wegen Zweckentfremdung von Arbeitnehmerbeiträgen zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 200 Franken und einer Busse von 1200 Franken verurteilt. «Alle beteiligten Investoren waren in dieser Sache zu leichtgläubig und wohl auch zu naiv», erklärt Wurster im Rückblick.

«Unser Ziel war es immer, die Segelschule mit ihren Arbeitsplätzen zu retten.»

Bis heute zahlten er und seine Partner ausstehende Gelder an die SVA zurück.

Diesen Strafbefehl hat Wurster fast vier Jahre verschwiegen – auch gegenüber seinem Arbeitgeber, dem St. Galler Bildungsdepartement. Erst Ende Februar 2019, als der Rektor Kenntnis erhielt vom Begehren eines Journalisten um Einsicht in den Strafbefehl, dessen Offenlegung er danach noch um mehrere Wochen verzögerte, wurde Wurster aktiv und meldete am 5. März seine Verurteilung dem Departement. Dort zeigte man sich über Wursters späte Beichte nicht erfreut und gab ihm zu verstehen, dass man eine frühere Information von ihm erwartet hätte (Ausgabe vom 23. März).

Stephan Wurster tat gut daran, diese Vergangenheit gegenüber dem Departement zu verschweigen. Denn im Mai 2016, mitten in den Wirren um den Fall des Mathematiklehrers S. an der Kantonsschule, stand seine Wiederwahl durch den Erziehungsrat an. Dieser bestätigte Wurster in Unkenntnis der zwei Konkurse und des Strafbefehls für weitere vier Jahre im Amt. Was Wurster gegenüber dem «Sarganserländer» einen Tag später frohlocken liess:

«Der Erziehungsrat hat mich gestern turnusgemäss wiedergewählt und mir damit das Vertrauen ausgesprochen.»

Die Staatsanwältin, die im April 2019 über die Herausgabe der Akten zu entscheiden hatte, brachte den Strafbefehl von 2015 mit Wursters Wiederwahl als Rektor in Verbindung: «Eine Funktion, welche grundsätzlich einen einwandfreien Leumund voraussetzt».

Der zweigeteilte Leumund

Ob der Rektor damals im Amt bestätigt worden wäre, hätte man in St. Gallen vom ersten Strafbefehl gewusst, liess Tina Cassidy, Leiterin des Amtes für Mittelschulen, unbeantwortet: «Das ist eine hypothetische Frage, die wir nicht beantworten können.» Oder wollen. Die Wahrscheinlichkeit, das sagen heute mehrere Insider im Bildungsdepartement, ist gross, dass Wurster damals die Wiederwahl nicht geschafft hätte.

Wie aber steht es generell um den Leumund eines hohen Chefbeamten? Kann einer, der zwei Konkurse hinter sich hat und heute zweifach vorbestraft ist, weiterhin in diesem Amt bleiben? «Die Verurteilungen sind relevant und ernst zu nehmen», schreibt Tina Cassidy.

«Diese Vorfälle betreffen jedoch in diesem Fall die Nebenbeschäftigungen von Stephan Wurster als Privatperson und haben nichts mit seiner Funktion als Rektor zu tun. Als Rektor hatte er einen einwandfreien Leumund.»

Was den Schluss zulässt, dass im Departement Kölliker ein Chefbeamter über zwei «Leumunde» verfügen darf. Wurster kann privat als AHV-Betrüger verurteilt werden – Hauptsache, er besass in seiner Funktion als Rektor einen «einwandfreien Leumund». Den er spätestens seit November 2018 nicht mehr hat. Damals wurde Wurster vom Strafrichter im Fall S. wegen Amtsgeheimnisverletzung verschärfend zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 210 Franken, bedingt aufgeschoben für zwei Jahre. Dazu kam eine rechtskräftige Busse von 1000 Franken. Ein Strafbefehl, den das Bildungsdepartement nie kommuniziert hat.

Im März hat Stephan Wurster auf August 2020 seinen Rücktritt als Rektor eingereicht. Für «diese anspruchsvolle Position» sucht der Kanton zurzeit Bewerber, die «Vorbild in Lehrtätigkeit, Führung und Organisation» sind. Von einschlägigen Erfahrungen aus der Wirtschaft und einem einwandfreien Leumund ist in der Stellenausschreibung nicht die Rede.

Viele Nebentätigkeiten

Trotz unguter Erfahrungen in der Privatwirtschaft, der Rektor tanzt weiterhin auf vielen Hochzeiten. Nur ein Jahr nach seinem zweiten Konkurs gehörte er zu den Gründern der «Schweizerischen Seefahrtsschule, nautische Vereinigung zur Förderung der christlichen Seefahrt». Und bis heute ist er Verwaltungsratspräsident der Edumed AG und Gesellschafter der Saigam GmbH.

Im Bildungsdepartement habe man Kenntnis von diesen Tätigkeiten, betont Cassidy: «Diese Nebenbeschäftigungen sind im Sinne der Personalverordnung in Ordnung, da sie weder zu zeitraubend, noch im Schulumfeld angesiedelt sind.» Für die Rettung seiner Firmen vor dem Konkurs hat Wurster nach eigenen Worten «viel Zeit» aufgewendet. Und was heisst nicht «im Schulumfeld» angesiedelt? Zweck der Edumed sind Aus- und Weiterbildungskurse für medizinisches Personal. Die Saigam entwickelt und vermarktet «Planspiele und Seminare».

Ab dem Schuljahr 2020/21 wird Stephan Wurster an seiner Kanti wieder als Lehrer für «Wirtschaft und Recht» arbeiten. Dort kann er seinen Schülern zweifellos viel praxisnahe Erfahrungen aus Gerichtssälen und Verwaltungsräten vermitteln.

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