Ein regierungskritischer Staatsrechtler

Yvo Hangartner (1933–2013) spielte als stellvertretender Staatsschreiber, HSG-Professor, rechtspolitischer Kommentator und Experte des öffentlichen Rechts über St. Gallen hinaus eine bedeutende Rolle. Nun wird der Gossauer in einem Buch gewürdigt.

Andreas Kley
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Yvo Hangartner (1933–2013) Gossauer Staatsrechtler, HSG-Professor, Tagblatt-Kolumnist. (Bild: pd)

Yvo Hangartner (1933–2013) Gossauer Staatsrechtler, HSG-Professor, Tagblatt-Kolumnist. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Das Wirken des Staatsrechtlers und HSG-Professors Yvo Hangartner wird heute an der Universität St. Gallen in Buchform präsentiert. Der Band enthält eine Darstellung des Werks, 24 Bilder, eine Autobiographie sowie materialreiche Verzeichnisse zu Hangartners Schaffen. Buch und Anlass weisen auf ein Leben hin, das zwar an äusseren Abenteuern arm, aber innerlich reich war, weil sich in ihm vergessene Seiten der Geschichte von Universität und Kanton St. Gallen widerspiegeln.

Kritisch gegenüber Amtsträgern

Yvo Hangartner war dem Publikum auch als Kolumnist für das St. Galler Tagblatt bekannt. In seiner letzten Tagblatt-Kolumne am 3.1.2013 rügte er das zweifelhafte Verhalten der St. Galler Behörden in verschiedenen Angelegenheiten. So kritisierte er die Wahl einer Verwaltungsrichterin in den Universitätsrat, was mit den Ausstandsvorschriften kollidiere. Er erklärte diese Missstände damit, dass die politischen Parteien einerseits eine eher dünne Personaldecke zur Verfügung hätten. Andererseits werde der Kanton von Personen dominiert, die in Verwaltungen gross geworden seien. Damit fehlten Köpfe, die grundsätzliche staatsrechtliche Fragen überhaupt verstehen würden. Diese Kritik war für den Kolumnisten Hangartner charakteristisch. Er eckte nicht selten und aus Überzeugung an. Die kantonalen Amtsträger durften sich gerügt fühlen.

Diese Kritik zeigte dreierlei: Hangartner legte erstens als Professor Wert auf eine solide Ausbildung seiner Studenten. Er war streng und verlangte viel. Zweitens kannte er den Kanton St. Gallen in- und auswendig. Er begleitete von 1961 bis 1970 als Mitarbeiter der Staatskanzlei die Gesetzgebung und war mit den politischen Akteuren vertraut. Drittens dachte er regierungskritisch und unabhängig.

Zur Verwaltungsrechtspflege

Hangartners «Gesellenstück» im Kanton bestand in der Ausarbeitung eines Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege. Die trockene Materie ist für die Bewohner von grösster Bedeutung, denn dieses Gesetz schützt sie gegen fehlerhafte Handlungen des Kantons. Hangartner rügte 1965 die Praxis der administrativen Versorgung von sogenannt «liederlichen Personen» und bezeichnete sie als eines Rechtsstaates unwürdig. Das neue Gesetz schaffe hier Abhilfe und mache einen Beitritt zur Europäischen Menschenrechtskonvention möglich. Das 1965 vom Volk angenommene Gesetz gilt in den Grundzügen noch heute und war seiner Zeit weit voraus.

Hangartner wollte von der Praxis in die Wissenschaft wechseln. So wurde er 1970 Dozent und 1972 Professor für öffentliches Recht an der HSG. Er erhielt nach der 1972 erfolgten Wahl von Professor Willi Geiger in den Regierungsrat, bei dem er studierte, die Leitung des damaligen Instituts für Verwaltungskurse übertragen. Hangartner blieb bis zu seinem Rücktritt 1996 in diesen Funktionen.

Von Koller in Beirat geholt

Eine grosse Stunde schlug in seinem Leben, als ihn der damalige Bundesrat Arnold Koller als Präsidenten des Beirates für das Verfahren der Totalrevision der Bundesverfassung berief. In dieser Stellung begutachtete er die Entwürfe von Verfassungsartikeln, welche die Verwaltung erstellte. Er leistete damit dem von Koller geleiteten und 1999 erfolgreich abgeschlossenen Unternehmen wertvolle Dienste. Die neue Bundesverfassung wurde von vielen Autoren geschrieben, dennoch nahmen die beiden Ostschweizer, Koller und Hangartner, einen bedeutenden Einfluss auf das Gesamtwerk.

Reichhaltiger Nachlass

Hangartner starb am 15. März 2013 kurz nach seinem 80. Geburtstag. Sein Nachlass befindet sich im Archiv der Universität St. Gallen und ist ungewöhnlich reichhaltig. Er deckt einen Zeitraum von 60 Jahren ab. Das HSG-Archiv hat ihn auf ausgezeichnete Art erschlossen, und er zeugt von der wechselvollen und spannenden Geschichte der HSG und des Kantons St. Gallen.

Viele vergessene, aber zeitlose Vorgänge lassen sich rekonstruieren. So planten die Nordostschweizerischen Kraftwerke den Bau eines Atomkraftwerks in Rüthi. Die Gegner lancierten eine Atomschutzinitiative. In der Auseinandersetzung um deren Gültigkeit nahm Hangartner ungefragt Partei und stellte sich gegen seinen akademischen Lehrer Willi Geiger. Dieser sagte als Regierungsrat und Befürworter des AKW Rüthi mit Augenzwinkern: «Offensichtlich ist es mir gelungen, meinen Schüler zu einem selbständigen, kritischen Denken gebracht zu haben.»

Autor Andreas Kley war Student, Assistent und Doktorand von Hangartner. Heute ist er Privatdozent an der Universität St. Gallen und Professor für öffentliches Recht und Verfassungsgeschichte an der Universität Zürich. Sein Buch «Yvo Hangartner. Das Leben als Werk» wird heute abend, 18.15 Uhr, HSG, Hörsaal 01-011, vorgestellt.

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