Interview
Psychiater Thomas Knecht zur Gewalt gegen Frauen: «Ein Nein fassen manche Männer als Rebellion auf»

In Genf werden fünf Frauen von Männern attackiert, an der Streetparade in Zürich zahlreiche Frauen belästigt: Wie lässt sich diese Häufung der Gewalt gegen Frauen erklären? Im Interview erklärt Thomas Knecht, forensischer Psychiater, wie die Täter denken.

Sandro Büchler
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Thomas Knecht. (Bild: PD)

Thomas Knecht. (Bild: PD)

Vor einer Woche wurden in Genf fünf Frauen brutal zusammengeschlagen. Hat Sie diese Tat überrascht?

Ein solcher Gewaltexzess gegenüber Frauen ist für mich ein Novum. Gewalttätigkeiten im öffentlichen Raum werden in der Regel nur zwischen Männern ausgetragen. Dass Männer, wie in Genf passiert, Frauen angreifen, ist aussergewöhnlich. Hier wurde eine Tabuschwelle überschritten, insbesondere, weil es sich um wildfremde Frauen handelt. Treffen Männer und Frauen im Ausgang zusammen, stehen werbende und erotische Absichten im Zentrum, keine Feindseligkeiten. Das Aufeinandertreffen in Genf hat eher den Charakter von Hooligans, die willkürlich auf ihre Opfer einprügeln.

Welches Motiv haben die Täter?

Von aussen betrachtet, scheint mir, dass die Täter in Genf eine innere feindselige Haltung gegenüber einem bestimmten Frauenbild hegen.

Der Attacke ging keine Vorgeschichte voraus, die Frauen wurden zufällig Opfer der Männer.

Eine solch öffentliche Gewaltausübung an Frauen hat man früher nicht gekannt, das ist neu aufgetaucht. Zum Glück ist das kein Massenphänomen, sonst müsste man sich Sorgen machen.

Wie oft kommen solche brutale Gewalttaten gegen Frauen im öffentlichen Raum vor?

Ich habe nur von wenigen Fällen Kenntnis, die lassen ich an zwei Händen abzählen. Vereinzelt wurde in der Öffentlichkeit bereits von Männern ausgeübte Gewalt gegen Frauen beobachtet. Dabei waren es aber meist Paare, die sich im Ausgang zerstritten haben und die Aggression der Streithähne noch vor der Rückkehr nach Hause eskalierte. Eine solche Konstellation würde ich aber mehr einer «verlagerten» häuslichen Gewalt zuordnen. Der Grossteil der Gewalt gegenüber Frauen findet aber nach wie vor hinter verschlossenen Türen statt.

Sexuelle Belästigungen gab es am Wochenende zudem an der Streetparade. Wie kommt es dazu?

An der Streetparade treffen viele Menschen aufeinander, körperliche Nähe ist unausweichlich. Unter den Tausenden von Besuchern gibt es immer enthemmte Personen, die ihr Handeln nicht mehr kontrollieren können, auch bedingt durch Alkohol und Drogen. Sie sind nicht mehr im Stande zu differenzieren zwischen einem freizügig zur Schau gestellten Äusseren – wie dies in sozialen Medien übrigens zelebriert wird – und einem hart gesetzten Standard in Form eines «Neins».

Oft hört man, dass die Proteste einer Frau bei sexuellen Belästigungen bei anderen Nationalitäten auf taube Ohren stossen.

Für Männer mit einem patriarchalischen Weltbild ist ein klares Nein schwierig zu verstehen. In ihren Augen kommt das Nein einer Rebellion gleich, welche mit Gewalt in die Schranken gewiesen werden muss. Wer so denkt, geht von einem prinzipiellen Machtgefälle zwischen Mann und Frau aus.

Die ausgeübte Gewalt ist dann sexuell motiviert und zielt auf eine Unterwerfung, die zeigen soll, wer der Herr im Haus ist.

Wer übt am meisten Gewalt aus?

Männer wenden in der Regel zehnmal mehr Gewalt an als Frauen, das ist statistisch belegt. Altersmässig üben 17- bis 18-Jährige am meisten Gewalt aus. In diesem Alter sind die Hormone in Höchstform, das Frontalhirn, welches die Selbstkontrolle regelt, ist aber noch zu wenig entwickelt. Das ist eine ungünstige Situation. Zudem sind in der Hälfte aller gewalttätigen Übergriffe in der Schweiz Alkohol oder andere Drogen im Spiel.

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