Ein Mann mit beachtlichen Spuren - Otmar und das Kloster St.Gallen

1300 Jahre ist es her, da aus einer Klause im Wald ein kulturelles und politisches Zentrum wächst. Verantwortlich ist der heilige Otmar, der ein Kloster, aber auch das erste Spital bauen lässt – und als Verurteilter stirbt.

Rolf App
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Ein Teil des Klosterareals in St. Gallen, rechts die heutige Chocolaterie. (Bild: Urs Bucher)

Ein Teil des Klosterareals in St. Gallen, rechts die heutige Chocolaterie. (Bild: Urs Bucher)

St. Gallen ist bis ins Jahr 2009 archäologisch fast unerforscht. Damals beginnt ein 2013 abgeschlossenes Projekt zur Neugestaltung der südlichen Altstadt: Werkleitungen werden erneuert, Plätze und Strassen als Fussgängerzone neu gestaltet – und vielerlei wird im Untergrund neu entdeckt. Zum Beispiel im Klosterhof der Sarkophag eines Adeligen, auf dem Gallusplatz die Überreste eines runden Turms, und in der Kugelgasse sogar Pflugspuren. Der Sarkophag befindet sich an der Wand zur ersten, für den 740 verstorbenen irischen Wandermönch Gallus gebauten Kapelle. Der hier bestattete Tote hat sich vermutlich mit besonderen Wohltaten für die kleine Eremitensiedlung diesen Platz – und damit auch besondere Fürbitte im Himmel – erworben.

Der Rundturm wird auf das 8. Jahrhundert datiert. Er stammt aus einer Zeit, da die einsame, auf eine Fläche von 300 mal 250 Metern geschätzte, von Wäldern umgebene Siedlung langsam wächst und Einfluss gewinnt – kulturellen wie politischen. Während andere Klöster sich in einem sehr überblickbaren Mass entfalten, wächst hier ein mächtiges Gebilde heran. Ein Staat im modernen Sinne ist es noch lange nicht. Aber ein gewichtiger Machtfaktor sehr wohl. Und der Mann, dem dies ganz wesentlich zu verdanken ist, macht sich im Jahr 719 ans Werk – vor 1300 Jahren also. Weshalb ihm die Stiftsbibliothek vom März an ihre Sommerausstellung widmen wird. Denn dieser Otmar, über den man vergleichsweise viel weiss, hat aus St. Gallen erst gemacht, was es heute ist.

Man ruft ihn an, wenn man in Not ist

Otmar ist alemannischer Abstammung, entstammt also jenen westgermanischen Stämmen, die nach dem Rückzug der Römer im 7. Jahrhundert den nördlichen Teil der Ostschweiz langsam besiedeln. Er wird in Chur geistlich geschult und übernimmt anschliessend eine Kirche – möglicherweise jene in Walenstadt. Der Tribun Waltram, ein Amtsträger der Franken im Arbongau, dessen Familie für das Gallusgrab gesorgt hat, holt ihn 719 nach St. Gallen: Er soll hier ein Kloster gründen, dem er dann vierzig Jahre vorsteht, und das in dieser Zeit samt der Siedlung darum herum stark wächst. Otmar muss ein tatkräftiger Mann gewesen sein. Später, als er heiliggesprochen ist, wird er der Patron für Arme und Kranke, für Kinder und Mütter, und auch für Verfolgte und Verleumdete und für das Vieh sein. Man wird ihn anrufen, wenn man in Not ist. Das hat seinen Grund: Im Kloster selber richtet Otmar eine Armenherberge ein, und gleich daneben in der Gallusstrasse ein kleines Spital für Aussätzige. Wo heute die Chocolaterie sehr moderne Genüsse befriedigt, werden im 8. Jahrhundert Schwerkranke gepflegt. Es ist, erklärt Stiftsbibliothekar Cornel Dora, «abgesehen vom Valetudinarium in Vindonissa das älteste verlässlich bezeugte Spital auf dem Gebiet der heutigen Schweiz».

Der heilige Otmar, wie ihn seine Nachwelt sah. (Bild: Stiftsbibliothek)

Der heilige Otmar, wie ihn seine Nachwelt sah. (Bild: Stiftsbibliothek)

Der Aussatz, auch Lepra genannt, hat sich in der Spätantike nach Westeuropa ausgebreitet. Das Virus ist nicht hochansteckend, aber es führt zum langsamen Verfall. «Erkrankte wurden aus dem Haus gewiesen und wie Tote behandelt», beschreibt Cornel Dora die sozialen Folgen. «Die einzige Hilfe, die Aussätzige im Mittelalter erhielten, geschah im Geist christlicher Nächstenliebe in der Regel durch kirchliche Institutionen. Otmar ist ein frühes Beispiel dafür.»

Neid und Widerstand geweckt

Waltram, ein Mann aus der Oberschicht also, hat Otmar geholt, und von Anfang an steht das Kloster nicht nur im Dienste der Armen und Kranken – sondern auch der Mächtigen. Um sich das Seelenheil zu sichern – und auch, um den nicht erbberechtigten Nachwuchs hier unterzubrin- gen –, vermachen sie dem Kloster ihre Güter, wie frühe Dokumente im Stiftsarchiv belegen. Diese Schenkungen reichen über den Thurgau bis ins Süddeutsche hinein. Das weckt Neid und Widerstand. Zuerst ist es der Bischof von Konstanz, der einen Blick auf die St. Galler Reichtümer wirft, und auch die Konflikte mit den fränkischen Machthabern verschärfen sich. 759 wird Otmar von den in Diensten des Königs stehenden Grafen Warin und Ruthard festgenommen, zum Tod verurteilt, dann aber begnadigt. In der Verbannung stirbt er wenig später auf der Insel Werd bei Eschenz.

Erst nach dem Tod König Pippins neun Jahre später wagen es die Mönche, Otmar zurückzuholen. Der Legende nach ziehen elf Brüder los, finden einen mit Ausnahme eines Fusses unverwesten Leichnam vor und bringen ihn auf ein Schiff. In einem heftigen Sturm gehen sie an Land. Mit dabei haben sie ein Weinfläschchen, aus dem sie trinken, das aber wunderbarerweise niemals leer wird.