«Ein lieber Weggefährte»

Ivo Fürer und Liana Ruckstuhl verabschieden sich mit persönlichen Texten vom verstorbenen Josef Osterwalder.

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Josef Osterwalder erzählt Schülern von seinem Beruf. (Bild: Michel Canonica)

Josef Osterwalder erzählt Schülern von seinem Beruf. (Bild: Michel Canonica)

Es ist ein grosser Verlust für Gesellschaft, Kirche wie für mich persönlich, dass Josef Osterwalder gestorben ist. Als Christ glaube ich, dass er lebt, aber wir sehen ihn nicht mehr, hören seine Stimme nicht mehr und können keine neuen Beiträge mehr lesen. Der Abschied ist sehr schmerzlich, der Trauerfamilie bin ich in Gedanken und Gebeten sehr verbunden.

Sensibilität für die Ökumene

Einige Wochen vor seinem Tod durfte ich mich mit Josef Osterwalder ein letztes Mal austauschen. Wir diskutierten als ältere Menschen, die mit Einschränkungen leben müssen, und wir versuchten, als Christen in unsere Zukunft zu schauen. Wie immer hörte er genau zu und fragte interessiert nach.

Gleichzeitig war Josef Osterwalder bereit, eigene Erfahrungen und Einsichten mit mir zu teilen. Wir sprachen auch über unsere Sorge um die Entwicklung der Kirche. Josef Osterwalder war der Kirche sehr verbunden und sah es wohl gerade deshalb als Aufgabe an, auch Kritik an ihr zu üben. Dies bezeugte er letztmals in seinem Beitrag «St. Galler Bischöfe stärken Abt Werlen den Rücken» in dieser Zeitung (Ausgabe vom 29. November).

Unsere Wege verliefen verschieden, doch unsere Beiträge zum Leben von Kirche und Gesellschaft ergänzten sich – obschon sie verschiedenen Fähigkeiten und Positionen entsprangen. Wir hatten den gleichen Ausbildungsweg, waren Professor Karl Rahner in Innsbruck dankbar für seine zukunftsgerichtete Sicht in der Kirche. An den ermutigenden Schritten des II. Vatikanischen Konzils freuten wir uns, und wir setzten uns in der Schweiz gemeinsam in der Synode 72 ein.

Josef Osterwalder hatte immer eine grosse Sensibilität für die Ökumene. Er kannte das Denken und Empfinden der Menschen und litt unter der Trennung der Kirchen. In meinem Bemühen, einen gangbaren Weg in der Ökumene zu finden, gab er mir wertvolle Impulse.

Zurückhaltend – hartnäckig

Josef Osterwalder wurde glücklicher Ehemann und Vater. Dies bedeutete leider den schmerzlichen Verzicht auf das Priesteramt, aber auch einen Neubeginn als Journalist. Karl Rahner hat oft das Wort gebraucht «Gott schreibt auch auf krummen Wegen gerade». Ich bin überzeugt, dass seine journalistische Tätigkeit ein enorm wertvolles Geschenk für uns alle war. Ich habe seine Beiträge immer mit grossem Interesse gelesen. Er recherchierte genau und brachte die Dinge auf den Punkt. Ich erinnere mich gern an die persönlichen Gespräche und Telefonate, bei denen er mich in scheuer Zurückhaltung, aber doch hartnäckig fragte: «Was ist genau gemeint?»

Komplexes einfach dargestellt

Als Theologe und Seelsorger brachte er eine einzigartige Basis für seine journalistische Tätigkeit mit. Er verstand es, schwierige Zusammenhänge so darzustellen, dass Menschen sie verstanden und darum gerne lasen. Durch seine Erfahrungen und durch seine Berichte hat er mitgeholfen zu verhindern, dass die Kirche sich in ein intellektuell abstraktes Dasein hinein absondert.

Als ich fünfundsiebzig wurde, hat Josef Osterwalder meine Biographie geschrieben. Mit grossem Wohlwollen hat er mein Leben so dargestellt, dass sogar mir manche Zusammenhänge noch besser aufgegangen sind. «Dem Volk Gottes dienen, Ivo Fürer, Bischof und Weggefährte», ist der Titel des Buches. In Anlehnung daran darf ich sagen: Josef Osterwalder war auch mir ein lieber Weggefährte, den ich vermissen werde.

Ivo Fürer war von 1995 bis 2005 Bischof von St. Gallen (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Ivo Fürer war von 1995 bis 2005 Bischof von St. Gallen (Bild: Reto Martin (Reto Martin))