Kommentar

Ein Kübelmann könnte die Wahl im Thurgau entscheiden

Im Thurgau ist die Spannung schon jetzt fast mit Händen zu greifen. Wenn aber am 20. Oktober die Wahllokale schliessen, wird der Puls bei 135 Personen noch etwas schneller schlagen – bei den Frauen und Männern, die auf 21 Listen für den Nationalrat kandidieren.

David Angst
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David Angst, Chefredaktor Thurgauer Zeitung

David Angst, Chefredaktor Thurgauer Zeitung

Viele der Kandidatinnen und Kandidaten werden sich am Nachmittag im Wahlkampfzentrum in der Aula der Kantonsschule Frauenfeld einfinden. Dass einer nach Bern gewählt wird, der friedlich zu Hause das Geschirr abwäscht, wie dies vor vier Jahren Hermann Hess passierte, das dürfte sich kaum wiederholen.

Berechtigte Hoffnungen

Bei rund einem Dutzend Personen wird das Herz noch etwas schneller schlagen, nämlich bei all jenen, welche sich mehr oder weniger berechtigte Hoffnungen machen dürfen, tatsächlich gewählt zu werden. Zu ihnen gehören die fünf bisherigen Mitglieder des Nationalrats (Edith Graf-Litscher, SP; Christian Lohr, CVP; Hansjörg Brunner, FDP sowie die SVP-Nationalrätinnen Verena Herzog und Diana Gutjahr). Zu ihnen gehören ausserdem die vier SVP-Kandidaten Daniel Vetterli, Manuel Strupler, Pascal Schmid und Stefan Mühlemann, welche den zurückgetretenen Markus Hausammann beerben wollen.

SVP seit 20 Jahren übervertreten

Die SVP ist mit ihren drei Sitzen bei 35–40 Prozent Wähleranteil rein mathematisch übervertreten, und das schon seit 20 Jahren. Jetzt aber haben sich die Grünliberalen und die Grünen mit der SP zusammengeschlossen. Diese Listenverbindung sichert nicht nur den Sitz der SP, sie kommt auch in den Bereich des Wähleranteils, der auch den Grünen oder den Grünliberalen einen Sitz bescheren könnte. Berechnungsmodelle einzelner Parteien kommen auf einen äusserst knappen Ausgang.

Sollte die SVP unter 37 Prozent der Stimmen fallen und die GLP/GP/SP über 27 Prozent klettern, dann wackelt der dritte SVP-Sitz ganz gewaltig. Im linksgrünen Lager dürften deshalb vor allem Ueli Fisch und Kurt Egger einen erhöhten Puls haben. Einer von ihnen könnte als Spitzenkandidat seiner Liste in die grosse Kammer einziehen.

Spezielle Wahlkampfaktion

Es könnte aber auch geradesogut sein, dass ein Kübelmann diese Wahlen entscheidet. Dem EDU-Kandidaten Peter Schenk ist eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Wahlkampfaktion eingefallen. Während andere ihre Plakate am Strassenrand aufgestellt haben, fährt er das seine auf einem Kleinlaster umher. Da und dort parkiert er sein Gefährt an übersichtlichen Stellen, steigt aus und macht sich daran, mit Greifer und Kübel den Abfall einzusammeln, der entlang der Strasse liegt. Nicht ausgeschlossen, dass die EDU dank Schenk ein paar Sympathiestimmen macht. Und das könnte – dank Listenverbindung – der SVP reichen, um ihren dritten Sitz zu verteidigen.

Ueli Fisch und Kurt Egger sind übrigens nicht nur wegen des Nationalrats in aufgeregter Erwartung. Sie kandidieren auch noch für den Ständerat. Zusammen mit der SP-Präsidentin Nina Schläfli versuchen sie, die beiden Favoriten Brigitte Häberli und Jakob Stark in einen zweiten Wahlgang zu zwingen. Bei Brigitte Häberli dürfte das schwierig werden.

Starks Problem ist seine Partei

Und eigentlich müsste auch die Wahl von Regierungsrat Jakob Stark ein Selbstläufer sein. Stark war Fraktionschef, er war Gemeindepräsident und er ist seit über 13 Jahren Regierungsrat. Von allen Kandidierenden bringt er zusammen mit Brigitte Häberli die grösste politische Erfahrung mit. Stark ist kein SVP-Hardliner. Er ist also auch in der Mitte wählbar, umso mehr als die FDP auf eine Kandidatur verzichtet.

Aber Starks Problem ist seine Partei. Weil die SVP Verluste befürchtet, verschärft sie ihren Ton. Und das ist in einer Majorzwahl Gift. Die radikale Kündigungs-Initiative der SVP bringt Stark erst recht in die Zwickmühle. Er will sich nicht festlegen, ob er dafür oder dagegen ist, denn er weiss, dass er sonst auf der einen oder anderen Seite potenzielle Wähler enttäuschen würde.

Jakob Starks Devise ist klar: Er will möglichst wenig Angriffsfläche bieten und so einen zweiten Wahlgang vermeiden. Gelingt ihm dies nicht, so muss er in einen zweiten Wahlgang, womöglich gegen Ueli Fisch. Und das könnte ungemütlich werden.