Ein jahrelanger Streit – und nur Verlierer

Zum Fall Dudler kontra WWF

Regula Weik
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Das heutige Wohnhaus der Familie Dudler wird abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. (Bild: Benjamin Manser)

Das heutige Wohnhaus der Familie Dudler wird abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. (Bild: Benjamin Manser)

Eine Bauernfamilie will ein neues Wohnhaus bauen. Am selben Standort wie das alte. Inmitten ihrer Obstplantagen. Der Hausbau wird zu einer Odyssee. Sechs Jahre ziehen ins Land, bis eine rechtsgültige Baubewilligung vorliegt. Der Umweltverband WWF opponierte mehrmals gegen den Bau des neuen Hauses. Die wiederholte Berichterstattung zu diesem Streitfall löste unterschiedliche Reaktionen aus. «Liesse man die Bauern machen, was ihnen grad mal eben in den Sinn kommt, wären wir alle arm dran.» – «Ich bin froh, dass es Institutionen wie den WWF gibt, die sich hartnäckig dafür einsetzen, dass der Landverbrauch nicht überhandnimmt.» – «Die Bauernlobby meint immer, sie hätte mehr Rechte als andere.» So drei Kommentare aus dem baukritischen Lager. «Es gibt kaum eine Institution, die arroganter ist als der WWF und sich überall einmischt. Die kriegen von mir keinen Rappen mehr.» –«Die machen doch nur Einsprache, wo es publikumswirksam ist. Und Tafelobstproduzenten haben sie eh auf dem Kieker.» – «Und dafür spenden Leute Geld, scheinbar haben noch nicht alle gemerkt, dass es in die falschen Kanäle fliesst.» So tönte es auf der Gegenseite.

Bauen ausserhalb der Bauzone ist ein heikles Thema, der Umgang mit dem nicht vermehrbaren Gut Boden umstritten. Das machen auch immer wieder die Raumplanungsdiskussionen deutlich. Das Verbandsbeschwerderecht – obwohl vor einigen Jahren vom Volk an der Urne klar bestätigt – erregt im konkreten Einzelfall immer wieder die Gemüter. Organisationen wie der WWF sehen sich regelmässig mit dem Vorwurf der Verhinderungspolitik konfrontiert.

Der Umweltverband könne nicht mehr verlangen, als dass geltendes Recht eingehalten werde, hatte sich der WWF-­Geschäftsführer gegen die Vorwürfe der Familie gewehrt. Der Verband kämpfe für den Schutz der Umwelt und den korrekten Vollzug des Raumplanungsgesetzes – und nicht gegen Bauwillige. Der Kanton prüft jährlich ungefähr 1500 Fälle von Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone. In ungefähr zehn Fällen pro Jahr macht der WWF Einsprache, zwei bis drei Fälle zieht er weiter. Dabei sind längst nicht alle Bauherren Bauern. In ungefähr 60 Prozent der Fälle, die schliesslich vor Bundesgericht landen, bekommen die Verbände recht – weitaus öfter als Privatpersonen, die Einsprache gegen Projekte erhoben haben. Diese Erfolgsquote zeigt, dass durchaus versucht wird, bestehendes Recht zu ritzen oder zu übertreten.

Die Verbände haben das Beschwerderecht nicht erhalten, um Bauherren zu schikanieren. Auch wenn diese es häufig so empfinden. In vielen Fällen, auch im vorliegenden, haben sich die Fronten früh verhärtet. Dazu beigetragen haben auch Aussagen des Umweltverbandes. Etwa dass Obstbauern nicht neben den Bäumen wohnen müssten. Oder dass längst nicht jeder Bauer privilegiert in der Landwirtschaftszone wohne. Solche Sätze bestätigen Bauherren in ihren Vorbehalten gegenüber dem Verband. Etwas mehr Fingerspitzengefühl und weniger Anschuldigungen hüben wie drüben wäre der Sache dienlich gewesen. Kaum geholfen hat auch, dass sich die Bauherren mit gegensätzlichen Aussagen von Ämtern herumschlagen mussten. Es mag plausible Gründe geben, weshalb verschiedene Ämter dieselbe Sache unterschiedlich beurteilen – weil ihre jeweilige Aufgabe eine andere ist. Beim betroffenen Bauherrn stärkt dies kaum das Vertrauen in die Verwaltung.

Wer also sind die Bösen und wer die Guten in diesem Streitfall? So einfach, wie es die eingangs zitierten Kommentare vermuten lassen, ist es nicht. Die Bauernfamilie kann nun zwar bauen – mit mehrjähriger Verspätung. Sie musste Federn lassen und ihr erstes Projekt verkleinern. Der WWF kann für sich beanspruchen, die Schutzinteressen der Natur gegenüber den Partikularinteressen von Bauherren wahrgenommen zu haben. Das ist seine Kernaufgabe – und macht ihn nicht per se zum Feind Bauwilliger. Doch am Schluss musste er kapitulieren und seinen Rekurs zurückziehen. Seine Erfolgschancen waren dahingeschmolzen – aufgrund einer neuen, präzisierten Rechtsprechung. So gesehen gibt es in diesem Fall nur Verlierer. Dass ein nächster Fall weniger verkrampft verlaufen wird, ist nicht zu erwarten. Die gegenseitigen Vorbehalte sind zu gross.

Regula Weik