«Ein gutes Instrument gegen Misstrauen»

Nachgefragt

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Der katholische Theologe Hansjörg Schmid ist Leiter des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft an der Universität Fribourg. Er sagt, die kleine Anerkennung habe vor allem symbolischen Charakter. Doch sie sei ein Schritt, um Vertrauen aufzubauen, und diene der Integration.

Hansjörg Schmid, was bringt die kleine Anerkennung den Religionsgemeinschaften?

Eine Symbolpolitik sollte nicht unterschätzt werden. Gerade die muslimischen Gemeinden im Kanton St. Gallen haben in den letzten Jahren viel im Bereich der Integration getan. Sie wünschen sich dafür Zeichen der Anerkennung. Wenn der Kanton mittels einer kleinen Anerkennung ihre Zugehörigkeit öffentlich bestätigt, würde dies die Identifikation von Muslimen mit der Schweiz weiter erhöhen. Eine Anerkennung wäre auch ein Signal für Behörden und andere Institutionen, dass sie bedenkenlos mit den Muslimen zusammenarbeiten können.

Die Religionsgemeinschaften müssen unter anderem ihre Finanzen offenlegen. Dafür erhalten sie lediglich eine symbolische Anerkennung. Ist das nicht diskriminierend?

Die Symbolik sollte auch dazu führen, dass es mehr Zusammenarbeit und Unterstützung gibt. Transparenz bei den Finanzen ist dafür eine Voraussetzung. Es gibt das Beispiel der neuen Moschee der islamisch-albanischen Gemeinschaft in Netstal in Glarus. Die Gemeinschaft wurde wegen ihres Moscheebaus regelmässig angegriffen und kritisiert. Erst nachdem sie ihre Finanzen offenlegte, hat man gesehen, dass es nichts zu beanstanden gab, und es kehrte Ruhe ein. Die kleine Anerkennung ist also ein Schritt, Vertrauen aufzubauen.

Worum geht es genau bei diesem Vertrauen?

Die Angst ist ja immer, dass die Moscheen aus dem Ausland finanziert werden. In Wil haben die Verantwortlichen gezeigt, dass das nicht der Fall ist. Die kleine Anerkennung nimmt Religionsgemeinschaften in ihrem kantonalen Beziehungsfeld in die Pflicht und dient so der Integration. Mit ihr kann man pauschalen Kritikern also den Boden unter den Füssen wegziehen.

Aber wäre es da nicht konsequenter, die überprüften Religionsgemeinschaften mit den Landeskirchen gleichzustellen?

Das ist nicht so einfach. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung ist eine längerfristige Angelegenheit. Sie setzt auch eine weitgehende Akzeptanz der Bevölkerung voraus, dass eine Religionsgemeinschaft von gesellschaftlichem Nutzen ist.

Ist die kleine Anerkennung von Religionsgemeinschaften der erste Schritt zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung?

Hier gibt es keinen Automatismus. Auch unterhalb der öffentlich-rechtlichen Anerkennung kann der Kanton in vielen Bereichen wie Jugendarbeit, Seelsorge und Integration mit nicht anerkannten religiösen Gemeinschaften zusammenarbeiten. Es ist wünschenswert, dass dieser Spielraum möglichst gut genutzt wird. Angesichts der Diskussion über die Finanzierung muslimischer Vereine und der Chancen, die ein islamischer Religionsunterricht in den Schulen bieten würde, liegt es nahe, dass auch die öffentlich-rechtliche Anerkennung ein Thema wird.

Wie ist die Situation in anderen Kantonen? Gibt es in der Schweiz nicht-christliche Religionsgemeinschaften, welche entweder die kleine Anerkennung haben oder öffentlich-rechtlich anerkannt sind?

Am weitesten ist man diesbezüglich in Basel-Stadt. Dort haben die Aleviten, die dem Islam nahestehen, aber getrennt von den Muslimen organisiert sind, die kleine Anerkennung erreicht. Die Muslime müssen sich in Basel erst noch auf diesen Weg machen. Die kleine Anerkennung ermöglicht ihnen dort etwa die Einsicht in Einwohnerdaten, hat sonst aber auch vor allem symbolischen Charakter. (nar)